Dossier Aquakultur

"Fische in Seenot - Aquakultur als Ausweg?" Dossier von Manfred Kriener im Auftrag von Slow Food Deutschland e. V. erschienen am 4. Dezember 2014

Dossier Aquakultur

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Fisch in Seenot – Aquakultur als Ausweg?

„Fisch in Seenot – Aquakultur als Ausweg?“

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4.12.2014 - Slow Food Deutschland präsentierte heute in Berlin das Dossier „Fisch in Seenot – Aquakultur als Ausweg?“ mit spannenden Fakten und Analysen zur Fischzucht in Teichen, Tanks und Netzkäfigen und diskutierte die Ergebnisse mit Aquakultur- und Fischerei-Experten. 

Die Teilnehmer des Gesprächs waren Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland e.V.; Manfred Kriener, Journalist und Autor des Dossiers; Michael Beier, Vorstand der Heinz Sielmann Stiftung; Ullrich Simmat, Leiter Naturschutz in der Heinz Sielmann Stiftung; Francisco Marí, Referent für Agrarhandel und Fischerei bei Brot für die Welt und Werner Kratz von der FU Berlin, Aquakulturexperte und 2. Vorsitzender NABU Brandenburg. Abschließend wurde die Aquakultur als sehr komplex bewertet. Deshalb stellt sie keine Lösung für das Problem der Überfischung der Meere dar.

Slow Food Deutschland hält vor allem die Förderung der tradierten extensiven Teichwirtschaft für eine zukunftsfähige Lösung. "Eine aus Slow Food Sicht valide Alternative zu Wildfang ist die extensive, traditionelle und multifunktionale Teichwirtschaft. Sie ist eines der drei strategischen Ziele des deutschen nationalen Strategieplans zur Aquakultur: Erhaltung von Teichlandschaften und Wiederinbetriebnahme brachliegender Teiche als spezielle Form der Aquakultur mit ihrer typischen extensiven Wirtschaftsweise und ihrer Doppelfunktion für Fischwirtschaft und Gemeinwohl (Naturschutz, Landschaftsbild, Wasserhaushalt)," erklärt die Slow Food Vorsitzende Ursula Hudson.

Darüber hinaus forderte die Slow-Food-Chefin einen eingeschränkten Fischkonsum: "Aquakultur wird – seit der neuen Europäischen Fischereireform noch verstärkt – als eine Lösung des Problems der Überfischung der Meere angepriesen. Jedoch sind die allermeisten Aquakultursysteme, die derzeit existieren, ungeheure Massentierhaltungsanlagen in Besatzdichten wie in einer Sardinendose, tatsächlich keine nachhaltige Lösung. Wir müssen anfangen, Fisch als das zu sehen, was es ist: ein kostbares Gut. Nur dann können wir diese immer seltener werdende Köstlichkeit und ihren einzigartigen Lebensraum auch noch in Zukunft genießen."

Am Ende dieser Seite kann das komplette Dossier als PDF heruntergeladen werden, im Folgenden finden sich ein kurzer Überblick des Autors zu den Inhalten und Themen des Dossiers.

Bild oben: Spiegelkarpfen aus Teichwirtschaft.| © Katharina Heuberger

Die Untiefen der Aquakultur

Es ist ein Weltrekord mit Ansage. Die globale Fischproduktion aus Aquakulturen hat eine weitere saftige Bestleistung hingelegt. Der Weltfischereireport 2014 der Welternährungsorganisation FAO beziffert die Menge der aus Teichen, Netzkäfigen, Tanks und Becken verkauften Fische, Muscheln und Krustentiere für das Jahr 2012 auf 66,6 Millionen Tonnen. Auch die Schätzung für 2013 liegt jetzt auf dem Tisch: 70,5 Millionen Tonnen. Die nächste Rekordmarke. Mit fast naturgesetzlicher Regelmäßigkeit schießt die Fischproduktion der Aquakulturen in schwindelerregende Höhen. Nominal übertreffen die Wildfänge aus dem Meer (79,9 Millionen Tonnen) zwar noch die Zahlen der Aquakultur. Doch in Wahrheit essen wir schon jetzt mehr Fisch aus der Zucht als aus dem Meer. Denn mehr als zehn Millionen Tonnen der Meeres-Wildfänge landen nicht auf unserem Teller, sondern werden zu Fischfutter verarbeitet – für die Aquakultur!

Vollkommen geräuschlos und weitgehend unbemerkt haben also die „Bauernhöfe unter Wasser“ Platz eins erobert. Bei den Wildfängen aus dem Meer sorgt die jahrzehntelange Überfischung dagegen für stagnierende Erträge. Aber: Wie nachhaltig ist die Aquakultur? Kann man sinnvoll Fische in Gefangenschaft produzieren, wenn man sie mit Fischen aus Wildfängen füttert? Und: Welche neuen Konzepte werden diskutiert, um die Aquakultur zukunftsfähig zu machen?

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Lachsfarm in Nesseby in Norwegen. | © Creative Commons /Marius Fiskum /www.fototopia.no

Warum man Raubfische zu Vegetariern macht

Um den Fischverbrauch der Lachse, Doraden oder Wolfsbarsche in den Netzkäfigen zu reduzieren, werden Fischmehle und Fischöl zunehmend durch Soja, Hülsenfrüchte, Mais und Weizen oder durch Eiweiß-Rückstände aus der Biodiesel-Herstellung ersetzt.

Wenn Fische durch die Maschen schlüpfen

Hunderttausende Zuchtfische entkommen Jahr für Jahr bei Stürmen und durch Löcher im Netz aus den Netzkäfigen und bringen ihr degeneriertes Erbmaterial in die viel fitteren Wildpopulationen ein. Ein einziger Tsunami „befreite“ am 21. April 2007 im chilenischen Aysén-Fjord fünf Millionen Lachse. In einigen Flüssen Schottlands oder Norwegens schwimmen mehr Zucht- als Wildlachse.

Warum Mangroven den Garnelen weichen müssen

Pestizid- und Medikamenteneinsatz in der Garnelenzucht in Entwicklungsländern ist für die Zerstörung der für den Artenreichtum der Meere wichtigen Mangrovenwälder mitverantwortlich. In Ekuador und Bangladesch gehen 40 Prozent der Zerstörung auf die intensive Aquakultur zurück. Zusätzlich werden Menschen- und Arbeitsrechte in Zucht und Verarbeitung massiv verletzt.

Was der Afrikanische Wels in Niedersachsen treibt

Landgestützte Aquakulturen in geschlossenen Kreislaufanlagen sind der neue Trend. Die Fische werden in Tanks und Becken an Land gehalten wie in einem großen Aquarium. Wo eine Scheune ist, kann auch eine Aquakultur sein. In Niedersachsen hat sich die Zahl der Betriebe mit geschlossenen Kreislaufanlagen verdoppelt. Der Liebling in den Wasserbecken ist der Afrikanische Wels. Der dicke Brummer ist das neue Masthuhn – so robust, dass ihn auch schlecht ausgebildete Fischhalter nicht umbringen können.

Warum das schillerndste Projekt der Aquakultur Pleite ist

In Völklingen wollte die Aquakultur auf zu neuen Ufern. 600 Kilometer von der Küste entfernt sollten Meeresfische im großen Stil in einer Betonhalle mit vier riesigen Becken gehalten werden. Jetzt steht das spektakuläre Projekt vor der Pleite.

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Warum die gute alte Teichwirtschaft bedroht ist

Die nachhaltigste Form der Aquakultur ist Jahrtausende alt: die Teichwirtschaft. Doch die Zahl der mit Karpfen, Forellen und anderen Süßwasserfischen besetzten und bewirtschafteten Teiche geht dramatisch zurück. Ärger mit den Behörden, Dauerattacken der Fischräuber, Absatzprobleme und anderes mehr nerven die Betreiber.

Bild oben: Karpfenteich in der Oberpfalz. In dieser Region Bayerns hat die Teichwirtschaft eine sehr lange Tradition.| © Katharina Heuberger

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