Reisen mit der Schnecke: Unterwegs in Kenia, auf dem Balkan, in Kärnten

22.08.2019 - Mit dem Jeep durch den afrikanischen Busch fahren und Löwen beobachten? Serbische Cevapcici an der Donau futtern? Badeurlaub an einem der Kärntner Seen? Klischees, die bestimmt auch Spaß machen können, aber für Slowfoodies haben die drei Reiseziele abseits der Touristenpfade so viel mehr zu bieten!

Mit rund 2.000 Terra-Madre-Lebensmittelgemeinschaften, 400 Presidi und über 4.000 Passagieren der Arche des Geschmacks weltweit trägt Slow Food dazu bei, eine einmalige Farben-, Geschmacks- und Sortenvielfalt zu erhalten. Hinter dieser stecken einzigartige Kulturlandschaften, in denen das traditionelle Lebensmittelhandwerk fortbesteht. Um Reisenden diese außergewöhnliche Welt zu erschließen, haben erste Slow-Food-Gruppen sowie Slow Food International damit begonnen, Reiseangebote fernab ausgetrampelter Pfade zu entwickeln: Urlauber bekommen einen authentischen Einblick in die regionaltypische Slow-Food-Welt, in indigene Traditionen und Wissensschätze. Sie erleben die Geschichten und Menschen hinter dem einzelnen Produkt hautnah. Mit diesen Reisen möchten Slow Food und seine Partner lokale und regionale Wirtschaftskreisläufe stärken, finanzielle Anreize zur Aufrechterhaltung lokaler Traditionen schaffen und einen Tourismus weiterentwickeln, welcher Einheimischen und ihren Ökosystemen nicht schadet.

Mit Slow Safaris durch Kenia

Pokot Ash Joghurt Kenia_(c) Jonathan Sheets.jpgNachhaltiges Reisen durch Kenia ist das Motto der Slow Safaris, einer Reiseagentur, die Slow Food Kenia 2013 gegründet hat. Besucher tauchen in die vielfältige Tierwelt, die kulinarischen und kulturellen Traditionen des Landes ein. Die Reiserouten werden nach individuellen Wünschen und Bedürfnissen zusammengestellt und führen in verschiedene Natur- und Nationalparks sowie zu indigenen Gemeinschaften. Das Landschaftserleben reicht von Küsten und Sandstränden, über die Berge und Wiesen der Savannah bis hin zum Mau-Wald und der Wüste Nordkenias. Dabei stehen immer auch die lokalen Gemeinschaften und ihre handwerkliche Lebensmittelproduktion und -verarbeitung im Zentrum des Geschehens mit Besuchen bei Erzeugern der Slow Food Presidi, der Terra Madre Gemeinschaften sowie in den Essgärten des Projektes „10.000 Gärten in Afrika“. Ob ein Mittagessen mit den Pokot, eine Verkostung des lokalen Molo Lammes, eine Safari in Masai Mara, eine Bootsfahrt auf dem Naivasha-See zur Nilpferd- und Vogelbeobachtung oder ein Besuch bei den Ogiek Honig Erzeugern im Mau-Wald – jede Erfahrung ist einzigartig. Slow Safaris legt besonderen Wert darauf, die Einheimischen miteinzubeziehen. Reisende sollen mit ihnen in einen echten Austausch kommen, ihrer Lebensweise und Tradition wertschätzend und offen begegnen.

Schilfsalz vom Fluss Nzoia Presidio

Schilfsalz vom Fluss Nzoia Presidio Kenia_(c) Jonathan Sheets.jpgDieses besondere Salz wird im westlichen Kenia auf traditionelle Weise aus Schilf gewonnen, welches im Flussbett wächst. Entwickelt wurde die Methode im 17. Jahrhundert, als die lokale Gemeinschaft von den Haupthandelsrouten für Salz abgeschnitten war. Das Wissen wird seither von Generation zu Generation weitergegeben: Wenn das Wasser nicht so hoch ist und das Schilf herausragt, schreiten die Erzeuger durch den Fluss zu den Schilfinseln, schneiden die Halme mit einer Sense ab und trocknen diese auf großen Felsen an Land. Danach werden sie verbrannt und die Asche, die daraus entsteht, wird mit warmem Wasser vermischt, gefiltert und aufgekocht. Sobald die Flüssigkeit verdampft ist, setzt sich ein salziger Brei auf dem Boden ab. Dieser wird in Bananenblättern aufbewahrt. Der Nabuyole-Erzeugergemeinschaft gehören 30 Mitglieder an. Die Fluss- und Felsenlandschaft sowie der Prozess der Salzverarbeitung, der bei den Erzeugern zu Hause stattfindet, ist äußerst beeindruckend.

Pokot Joghurt mit Asche Presidio

Pokot-Joghurt mit Asche Kenia_(c) Jonathan Sheets.jpgIn Kenias West Pokot Bezirk lernen Reisende eine Joghurtherstellung etwas anderer Art kennen. Dieser wird hier aus Kuh- oder Ziegenmilch gewonnen und mit der Asche des einheimischen Cromwo-Baumes vermischt. Dieser „Aschejoghurt“ ist eines der Grundnahrungsmittel der Pokot-Viehhirten der Region. Die lokalen Gemeinschaften glauben an seine reinigende und wohltuende Wirkung. Reisende, die mehr über diese Traditionen erfahren möchten, werden hier sehr herzlich begrüßt, denn es ehrt die Gemeinschaft unheimlich und bestärkt sie in ihrer Arbeit.

Saatgut Netzwerk

Das Saatgut Netzwerk befindet sich in Gilgil, in der kenianischen Region Nakuru, und arbeitet eng mit Slow Food Kenia zusammen. Es setzt sich für den Erhalt und die Vermehrung von Saatgut aus lokalen Sorten ein und kooperiert dazu mit Erzeugern in der Region. Dazu gehört auch eine Gemeinschaft von Frauen, die gemeinsam Saatgut vermehren und zur Aussaat auf ihre landwirtschaftlichen Flächen geben. Sie leben sehr abgeschieden, was etwa einen Besuch bei Regen nicht möglich macht. Die Frauen leisten hier großes, denn sie haben keinen unmittelbaren Zugang zu Wasser und müssen dafür in trockenen Zeiten einen stundenlangen Fußweg zurücklegen. Bis zu 25 km müssen sie laufen, um zu einer Quelle zu gelangen. Ihren Geschichten zu lauschen ist berührend und lässt Reisende nachdenklich darüber werden, für wie selbstverständlich die meisten Menschen im globalen Norden ihren täglichen Zugang zu Wasser nehmen. Zugleich strahlen die Frauen eine unschätzbare Lebensfreude aus und begrüßen ihre Gäste mit Gesang und offenem Herzen.

Kontakt zu Slow Safaris:

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Mit Slow Food durch den Balkan

Serbien (c) Eugenio Berra.JPGIn Kooperation mit Slow Food International hat der langjährige Slow-Food-Kooperationspartner Eugenio Berra den italienischen Reiseführer „Den Balkan entdecken“ (Scoprire i Balcani. Storie, luoghi e itinerari dell’Europa di mezzo) herausgegeben. Er zeigt Urlaubern Routen auf, entlang derer sie die eindrucksvolle biologische Vielfalt und landschaftliche Schönheit Südosteuropas erforschen und genießen können. Sie können damit in die Schätze der Slow-Food-Welt der Balkanländer eintauchen, auf kulinarische Entdeckungsreise gehen und zugleich Kultur, Geschichte und Tradition erleben. Die Route entlang der Donau in Serbien kann inzwischen sogar bei der italienischen Reisegentur Viaggi e Miraggi gebucht werden, auch für Interessenten aus Deutschland.Dieses Reiseerlebnis führt rund 25 Teilnehmer für acht Tage entlang der Donau, von Novi Sad bis an die Eisernen Tore. Währenddessen machen sie an verschiedenen Stationen Halt, für Landschaftsausflüge sowie kulturelle und kulinarische Begegnungen. Übernachtet wird ebenfalls an Land. Von Station zu Station bringt sie das Schiff „Kovin“, welches zum serbischen Kulturerbe gehört. Sie sind Gast bei Slow-Food-Erzeugern sowie in Gaststätten, welche sich der Slow-Food-Philosophie verschrieben haben. Hier finden Arche- und Presidi-Produkte, wie der Sliwowitz aus der Pflaumensorte Crvena Ranka oder der Weißkohl aus Futog ihren Platz auf dem Tisch.

Kontakt zur Reiseplanung:

Mariusz Rybak, Reisebegleiter: bWFyaXVzei5yeWJha0BnbWFpbC5jb20=

Alpe Adria Kärnten – die erste offizielle Slow Food Travel Region

Um in Zukunft immer mehr Menschen mit auf Reise zu nehmen, ihnen kulinarische Traditionen, Genuss, Wissen und Geschichte gleichermaßen nahezubringen, hat Slow Food International das Projekt „Slow Food Travel“ gestartet. Ziel ist es, damit Reiseerfahrungen zu fördern, die im Einklang mit der Slow-Food-Philosophie stehen. Im Fokus stehen dabei natürlich die Lebensmittel, ihre Erzeuger und Handwerker. Diese aber sind immer eng mit den Traditionen und Kulturen von Regionen verknüpft, so dass die Reisen weit über reine Genusserlebnisse hinausgehen. Eine erste Umsetzung erfolgt inzwischen gemeinsam mit der österreichischen Region Kärnten. Im Gailtal und Lesachtal geht es für Urlauber zu den Wurzeln des guten Geschmacks, in Küchen, Selchkammern und Reifekeller, zu Bienenstöcken und zu Kornmühlen.

Kontakt:

https://www.slowfood.travel/de

Text: Sharon Sheets, veröffentlicht im Slow Food Magazin

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