Skudde

Kleines Heideschaf aus dem Norden

Arche-Passagier seit 2020

Unterstützt von Slow Food Hamburg

Beschreibung des Passagiers

Die Skudde ist die kleinste in Deutschland gezüchtete Schafrasse und hat ihre Ursprünge in Ostpreußen und im Baltikum. Ihr ‚Überleben‘ in Deutschland verdankt sie dem Direktor des Münchner Zoos, der in den 1940er Jahren zusammen mit seinen Kolleg*innen aus Leipzig und Berlin begann, sie vor dem Aussterben zu retten. Die robusten Tiere sind für die Schafzucht eine wichtige Genreserve und werden heute besonders in der Landschaftspflege eingesetzt. Fleisch und Wolle sind vielseitig verwendbar, werden aber fast ausschließlich in Direktvermarktung vertrieben. Für den Handel ist die Skudde aufgrund ihres verhältnismäßig kleinen Schlachtkörpers und der Billig-Preis-Konkurrenz aus Neuseeland uninteressant. Köch*innen der Chef Alliance und ihre Gäste hingegen hat sie überzeugt.

Die Skudde ist eine ursprüngliche, mischwollige Landschafrasse, die zu den kurzschwänzigen nordischen Heideschafen zählt. Es hat einen keilförmigem Kopf, der mit Stichelhaaren besetzt ist, die Stirn ist breit, der Nasenrücken schmal, die Ohren auffallend klein. Die Böcke besitzen eine Mähne und tragen ein schneckenförmiges Gehörn mit ausreichendem Abstand zum Kiefer, dessen Spitzen leicht nach außen gestellt sind. Die weiblichen Tiere sind entweder hornlos oder behornt oder haben abstoßbare Stummelhörner. Manche weiße Tiere haben kleine schwarze Pigmentflecken sowie fuchsige Verfärbungen an den Beinen und am Kopf. Der kurze dreieckig zulaufende Schwanz endet deutlich über dem Sprunggelenk und ist im oberen Drittel bewollt, in den unteren Dritteln mit Borstenhaaren besetzt. Das Vlies besteht aus der dreifaserigen Mischwolle einer C- bis D-Feinheit (30-36µ; auch gröber). Die Vliesfarbe ist schwarz, weiß, braun oder grau. Mutterschafe haben eine Widerristhöhe von 45 bis 60cm bei 30 bis 40kg Lebendgewicht; Böcke sind zwischen 50 bis 65cm hoch bei 40 bis 50kg. Die Brunst ist asaisonal, mit einem Zyklus von 21 Tagen; sie lammen – oft Zwillinge – eigenständig.

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Heutiges Zuchtziel ist die Erhaltung der rassetypischen Merkmale als robustes Schaf, besonders geeignet zur Landschaftspflege an mageren Standorten. Denn Skudden beseitigen Verbuschung, verbeißen Holz und fressen Brennnesseln, Brombeeren und Ampfer. Auf Streuobstwiesen ist Vorsicht geboten: Auch hier sind Skudden fleißige Helfer, die Bäume aber sollten eingezäunt werden.

Die Skudde kann in Gruppen im Sommer wie im Winter im Freien gehalten werden, solange sie einen trockenen, windgeschützten Unterstand hat. Ihr Anspruch an Weidefläche mit ca. fünf bis sieben Tieren pro Hektar ist beträchtlich. Ein Hausgarten reicht da nicht aus. Sie benötigt im Vergleich zu Hochleistungsrassen sehr rohfaserreiches Futter, jedoch kein Kraftfutter.

Skudden sind ausgesprochene Herdentiere, scheu und flüchtig, wobei die Böcke durchaus wehrhaft sind. Aufgrund ihrer Robustheit benötigen sie bei regelmäßigem Weidewechsel kaum ein Medikament, regelmäßige Parasitenkontrolle mit entsprechend angepasster Therapie ausgenommen.

Skudden können bei artgerechter Haltung mit 12 bis 15 Jahren sehr alt werden.

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Gefährdung des Passagiers

Die Skudde gilt als gefährdet, Kategorie III gemäß der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und vom Aussterben bedrohter Haustierrassen (GEH). Der aktuelle Bestand ist tendenziell abnehmend, umfasst ca. 8.000 Tiere (davon 2018 im Herdbuch eingetragen: 2.658 Mutterschafe und 230 Böcke). Mit der Veränderung der Landwirtschaft seit den 1950er Jahren und dem Trend zu Hochleitungsrassen ist eine Vielzahl einheimischer Landschafrassen nur noch in Restbeständen vorhanden. Grund dafür ist ihre vermeintlich geringe Wirtschaftlichkeit aufgrund des geringeren Schlachtgewichtes bei vergleichsweise höheren Schlachtkosten und der Billig-Preis-Konkurrenz aus Neuseeland. Die zunehmende Ausbreitung von Wölfen stellen Erhaltungszüchter*innen vor weitere Herausforderungen: Einerseits, weil Verluste in einer eh schon sehr kleinen Population erheblich größere züchterische Lücken reißen; andererseits, da der Auf- und Abbau wolfsabweisender Zäune finanziell und organisatorisch anspruchsvoll sowie teils aus standortspezifischen Gründen nicht umsetzbar ist.

Vermarktung des Passagiers

Die meisten Züchter*innen vermarkten Fleisch und Wolle ihrer Skudden selbst. Ihre Direktvermarktung ist entsprechend stark saisonal geprägt. Für den Vertrieb im Handel sind die bei dem kleinen Schlachtkörper unverhältnismäßig hohen Schlacht- und Fleischbeschaugebühren ein Hindernis. Dabei eignen sich zur Vermarktung sogar die älteren Tiere. Chef Alliance Köch*innen von Slow Food haben damit gute Erfahrung gemacht (>> hier)

Die spezielle Wolle der Skudden wird meist über Kunsthandwerker*innen und Handarbeitende in kleinen Chargen verarbeitet und/oder weitervermarktet.

Produzent*innen, die im Herdbuch züchten, können über den Zuchtverband erfragt werden.

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Regionale Bedeutung des Passagiers

Die Skudde ist seit der Besiedlung des Baltikums durch den Deutschen Orden (13. bis 14. Jahrhundert) bekannt. Sie gilt als die älteste und kleinste nordische Haustierschafrasse und hat sich vermutlich aus dem europäischen Mufflon entwickelt. Nachweislich war sie bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges im Baltikum und Ostpreußen beheimatet und dort bevorzugt in Gegenden mit armen Böden wie der Kurischen Nehrung oder Masurischen Seenplatte. Dort wurden diese anspruchslosen, unveredelten Landschafe oft von den „einfachen“ Leuten gehalten; laut der offiziellen preußischen Viehzählung von 1873 gab es auf dem Gebiet von Ostpreußen 77.000 Tiere (allerdings zusammen mit den Tieren der Rasse „Rauhwolliges Pommersches Landschaf“), 1936 nur noch 3.621 Tiere – eine Folge der intensiven landwirtschaftlichen Entwicklung schon in der damaligen Zeit. Im Ursprungsgebiet, das jetzt zu Polen und Russland gehört, gilt die Skudde als ausgestorben. Nur in Litauen soll es noch wenige Tiere vom Typ dieser Rasse geben. Die heutige Skuddenzucht geht im Wesentlichen auf die wenigen Tiere zurück, die 1941 vom Münchner Zoo vermutlich als Futter für die Raubtiere des Zoos gekauft worden waren. Der damalige Direktor soll so viel Gefallen an den Tieren gefunden haben, dass er sich zum Erhalt der Rasse entschloss und auch seine Leipziger und Berliner Kolleg*innen davon überzeugte. Die wenigen Tiere, die das Ende des Zweiten Weltkrieges in diesen Haustiergärten überlebt hatten, sind die Vorfahren aller heute lebenden Skudden.

Skudden werden heute in ganz Deutschland gehalten, Zuchtschwerpunkte sind Brandenburg, Berlin und Sachsen – Bundesländer, in denen die Haltung staatlich schon seit längerem gefördert wird. Skudden bilden für die Schafzucht eine wichtige Genreserve. Hobbyhaltung und Naturschutz sowie Landschaftspflege sind die häufigsten Gründe für die Haltung.

Geschmack des Passagiers

Skudden werden überwiegend ganzjährig im Freiland gehalten, häufig an Standorten, die sehr mager sind bzw. einen hohen Grad an Verbuschung aufweisen. Die Schafe kommen so gut wie immer ohne Gabe von Kraftfutter aus, denn zum Mästen eignen sie sich nicht. Diese Besonderheiten haben starken Einfluss auf Qualität und Geschmack ihres Fleisches: das Fleisch-Fett-Verhältnis von 14:1 ist außergewöhnlich – bei „normalen“ Lämmern von Fleischrassen liegt es bei 5:1.

Köch*innen der Chef Alliance von Slow Food haben im Herbst 2019 das Fleisch und die Innereien von 16 Skudden unterschiedlichen Alters verarbeitet und die Rückmeldung ihrer Gäste eingeholt. Die Konsistenz wurde als sehr feinfaserig und zart beschrieben – selbst das älterer Tiere. Es wurde dem Wildfleisch ähnlich als fest im Biss charakterisiert. Der Geschmack zeichnete sich aus durch Mineralität, zarten Wildgeschmack besonders bei geschmortem Fleisch, wie ganz zartes Lamm bei rosa gebratenem Fleisch, mild-nussig und dezenter als Lammfleisch der „Wirt

schaftsrassen“. Das Fleisch von Skudden jeden Alters ist gut und sehr vielfältig zu verarbeiten.

Was das Fleisch der Skudden besonders wertvoll macht, ist die außergewöhnlich günstige Verteilung des Fettsäuremusters: Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren stehen im Verhältnis von 1,4:1 (Brzostowski et.al.) – weit besser als es die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) mit einem Verhältnis von 5:1 empfiehlt. Außergewöhnlich hoch ist zudem die Konzentration an spezifischen Linolsäuren (CLA).

Besonderheiten bei der Erzeugung und Weiterverarbeitung des Passagiers

Fleisch und Wolle der Skudden können sehr vielseitig genutzt werden: Neben dem frischen Fleisch sind geräucherter Schinken, Mettwurst, Sülze oder Bratwurst begehrte Produkte. Die Wolle eignet sich besonders gut zum Filzen und die teilweise imposanten Hörner erfreuen sich auf Mittelaltermärkten zunehmender Beliebtheit.

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Züchter, Erzeuger und Bezugsquellen

Bio-Skuddenhof Moordiek, Heide Völtz und Norbert Westphal
25358 Horst
Tel. (0 41 26) 39 35 79, (01 71) 5 56 72 70
info@skudden-moordiek.de
www.skudden-moordiek.de

Wolfgang Gresens
Fischergrube 28
23552 Lübeck
Tel. (04 51) 8 83 09 72

Arche-Hof Bredland
Segeberger Straße 6
23813 Blunk
Tel. Inken Mohr (0 17) 24 75 11 78 und Hardy Marienfeld, (01 72) 9 90 50 73
www.arche-hof-bredland.de

Arche Warder
Landwedeler Weg 11
24646 Warder
Tel. Dr. Fröhlich (0 43 29) 9 13 40
www.arche-warder.de
info@arche-warder.de

Skuddenhof Weseram, Katja und Christoph Behling
Hauptstraße 1
14778 Roskow-Weseram
Tel. (03 38 31) 40 61 95
www-skuddenhof-brandenburg.de

Schäfermeister Knut Kusznik
Schäferweg 1
15345 Altlandsberg
Tel. (03 34 38) 6 43 65, (01 60) 98 95 34 91

Schäferei Humpert, Ortrun und Andreas Humpert
Löwendorf Haus Nr. 7
37696 Marienmünster
Tel. (0 52 77) 2 82
info@schaeferei-humpert.de
www.schaeferei-humpert.de

Gut Schwaneberg, Dr. Christian Olearius
Dorfstraße 45
17291 Randowtal
Tel. (03 98 62) 22 26, (01 72) 3 21 49 47

Anja Brandenburg
Amselweg 10
14552 Michendorf OT Wilhelmshorst

Christian Kronmark
Dorfstraße 15
16928 Rosenwinkel
Tel. (03 39 84) 7 16 00, (01 71) 8 10 67 36

Helmut Biermann
Feldweg 2
14641 Berge
Tel. (0 33 21) 4 70 45

Naturpark Niederlausitzer Landrücken, Jana Zurackowski
Zaackower Weg 15
15926 Luckau
Tel. (0 35 44) 55 68 64

Grün Berlin GmbH Herde I, Nora Herzlieb
Columbiadamm 10, Turm 7
12101 Berlin
Tel. (0 30) 70 09 06 - 1 80, (01 73) 2 05 66 23

Grün Berlin GmbH Herde II, Josephine Neumann
Columbiadamm 10, Turm 7
12101 Berlin
Tel. (0 30) 70 09 06 - 8 46, (01 52) 9 32 30 97

Landwirtschaftliches Unternehmen GbR Katja Kohlstock und Dr. Wolfram Korbien
Mahdel 9
04916 Herzberg
Tel. (0 35 35) 2 18 17, (01 71) 7 27 84 02

Marin Haesler
Bruchwitzstraße 4
12247 Berlin-Lankwitz
Tel. (0 30) 7 74 25 55, (01 78) 5 90 75 07

Penelope Baloi
Reesdorfer Dorfstraße 19
14547 Beelitz

Peter Strzelczyk
Alt-Moabit 89
10559 Berlin
Tel. (0 30) 27 86 22 2

NABU Kleve Herde I, Hubert Lemken
Tel. (0 28 25) 53 96 98
hubertlemken@t-online.de

NABU Kleve Herde II, Markus van Aken
Tel. (0 28 26) 81 93
info@geo3.de

Sabine und Frank Zwolinski
Fliederstraße 8
37586 Dassel-Sievershausen
Tel. (01 60) 59 77 05
www.sollingschaf.wordpress.com

Christoph Münter
Finnebachstraße 16
32602 Vlotho
Tel. (0 52 28) 9 89 70 70
ChrisMuenter@t-online.de

Susanne & Thomas Schneiker-Bekel (Biobetrieb)
Berghagen 21
33790 Halle
Tel. (0 52 01) 15 69 31
schneiker.bekel@googlemail.com

Toni Vollstedt
Julius-Bergfelder Weg 8
53819 Siegburg
haus-birkenbusch@t-online.de

Biologische Station Lippe, z. Hd. Stefanie Rzepka
Domäne 2
32816 Schieder-Schwalenberg
Tel. (0 52 82) 4 62

Michael Reddemann
Ziegelstraße 8
38350 Helmstedt
Tel. (0 53 51) 3 72 92

Schafhof Bernhard Habelt
97199 Erlach
Tel. (01 70) 9 34 26 45

Skuddenhof Eifelhöhe, Dr. Dorothea Wolf
Hilterscheid Hauptstraße 15
53902 Bad Münstereifel,
Tel. (0 22 57) 95 00 36
www.skudden-eifel.de

Arche Tier Nothilfe, Alexander Vay
Peeneweg 24-26
17168 Lelkendorf
Tel. (03 99 56) 29 59 30
mail@archetiernothilfe.de
www.archetiernothilfe.de

Kollektion der Vielfalt, Nathalie Ketterle
Bosslerstraße 1
73119 Zell u. A.
Tel. (0 71 64) 1 21 17, (01 77) 4 19 22 85
info@kollektion-der-vielfalt.de
www.kollektion-der-vielfalt.de

Links und Kontaktadressen

GEH Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen
Walburger Str.2
37213 Witzenhausen
info@g-e-h.de
Tel. (0 55 42) 18 64
www.g-e-h.de

VDL Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände
Claire-Waldorf-Straße 7
10117 Berlin
Tel. (0 30) 31 90 45 40,
info@schafe-sind-toll.com
www.schafe-sind-toll.com

Landesverband Schleswig-Holsteiner Schaf- und Ziegenrassen
Steenbeker Weg 151
24106 Kiel
Tel. (04 31) 33 26 08
info@schafzucht-kiel.de
www.schafzucht-kiel.de

Schafzuchtverband Berlin-Brandenburg
Neue Chaussee 6
14550 Groß Kreutz
Tel. (03 32 07) 5 41 68
info@szvbb.de

Sächsischer Schaf- und Ziegenverband
Ostende 5
04288 Leipzig
Tel. (03 42 97) 91 96 51
sszv_leipzig@sszv.de

Zuchtverband für Ostpreußische Skudden und Rauhwollige Pommersche Landschafe e.V.
Kalkstraße 17
53332 Bornheim
02222 63556
info@schafzuchtverband.de
www.schafzuchtverband.de


Verwendete Quellen bei der Antragserstellung

Vollständige Quellenangaben zu zitierten und sinngemäß verwandten Quellen
Christoph Behling, SZV BB, Entwicklung der Skuddenzucht in Berlin und Brandenburg
Henryk Brzostowski et al., Schlachtwert und Fleischqualität von Lämmern der Schafrasse Skudden, Archiv Tierzucht 53 (2010) 5, 578588
Anja Marie Gold, Objektivierung der Asaisonalität bei Skudden sowie deren Herkunft und Abstammung, Diplomarbeit des Fachbereichs Landbau, Bingen, 1992
Nürnberg, Fischer et.al., Meat quality and fatty acid composition of lipids in muscle and fatty tissue of Skudde lambs fed gras versus concentrate, Small Ruminant Research 74 (2008) S. 279 - 283
Sambraus, Hans-Hinrich, Gefährdete Nutztierrassen, Zuchtgeschichte, Nutzung und Bewahrung, Verlag Eugen Ulmer, 3. Auflage 2010, S. 239 – 242
Knabe, Fischer, Leucht, Die Skudde – eine Rassestudie, Archiv Tierzucht 31, S. 83-90

Bannerbild: © Christoph Behling, weitere Bilder: © Heide Völtz und Norbert Westphal, Jens Witt (2), Christoph Behling

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