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GKKE-Donnerstagsgespräch über Lebensmittelstandards

18.6.2015 - In Zusammenarbeit mit Slow Food Deutschland hat die Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) am 11. Juni zum 30. Donnerstagsgespräch in Berlin eingeladen. Fachleute diskutierten auf der Podiumsveranstaltung über Chancen und Grenzen von privaten Lebensmittelstandards. Ein Bericht von Sharon Sheets, Slow Food Deutschland.

In Zeiten von reizüberflutenden Angeboten der Lebensmittelindustrie, dem Aufkommen von Ernährungsalternativen und der Fülle von verschiedenen Gütesiegeln fühlen sich bewusste Verbraucher zunehmend in ihren Ernährungsentscheidungen überfordert. Bio bedeutet nicht automatisch, dass Tierwohl, faire Preise oder regionale Wirtschaftskreisläufe berücksichtigt werden, und auch bei anderen privaten Lebensmittelstandards ist es schwer, Produkte zu finden, die – nach dem Qualitätsbegriff von Slow Food – sowohl gut und sauber als auch fair sind.

Den Eingangsimpuls zur Debatte gab Tim Kuschnerus, ev. Geschäftsführer der GKKE, mit einer Darstellung des Themas unter Berücksichtigung der Chancen und Problematiken der Lebensmittelstandards: „Die zunehmende Globalisierung der Nahrungsmittelerzeugung hat generell zum rasanten Wachstum von Siegeln und Standards beigetragen, nicht nur in den Bereichen bio und fair. Private 'freiwillige' Standards sind eine Realität, die den weltweiten Handel stark prägen und einerseits positiv beeinflussen. Sie bringen die Glieder der Wertschöpfungskette zusammen, sie vermitteln Verbraucherpräferenzen an die Erzeuger. Sie können bei allen Beteiligten das Bewusstsein für Nachhaltigkeit schärfen. Aber die privaten Standards bringen auch Nachteile und Gefahren mit sich: Das Magazin DER SPIEGEL kritisierte im April in einer Titelstory, dass kein einheitliches Gütesiegel dem Kunden garantiere, dass seine Einkäufe biologisch, ökologisch und fair produziert worden seien. Beklagt wird die unüberschaubare Zahl von Siegeln, die eher verwirre als aufkläre, weshalb nicht einmal jeder zweite Deutsche diesen Siegeln vertraue.”

Im Bild oben (von re. nach li.): Rupert Ebner, Slow Food Deutschland e.V.; Ulrich Hoffmann, United Nations Forum on Sustainability Standards; Jacqueline Boysen, Moderation; Harald Ebner MdB; Stephan Becker-Sonnenschein, Die Lebensmittelwirtschaft e.V.  | © Sharon Sheets

Standards verteuern die Erzeugung

Stephan Becker-Sonnenschein, Geschäftsführer Die Lebensmittelwirtschaft e. V., erläuterte auch negative Auswirkungen der in den Industriestaaten festgelegten Lebensmittelstandards im Erzeugerland. Zu den Kritikpunkten diesbezüglich gehören zum Beispiel kostspielige Zertifizierungen oder zu hohe Gesundheitsstandards, die handwerklich erzeugte Produkte zum Beispiel durch Importverbote vom ausländischen Markt ausschließen oder sogar die Produktion im Inland gefährden (Vgl. zum Bspl. das Verbot des Käsereifens auf Holzbrettern der amerikanischen Gesundheitsbehörde (FDA)). Hierbei handelt es sich um eine negative Entwicklung der landwirtschaftlichen Industrialisierung, dabei müssten diese Standards in dem Maße eigentlich nicht Teil der Debatte sein. Wie Ulrich Hoffmann, United Nations Forum on Sustainability Standards in Genf, erklärte, seien „Nahrungsmittel noch nie so sicher gewesen wie heute“. Er kritisierte: „Tragen internationale Standards zu mehr bei als nur zu gut verwalteten Lieferketten? Was ist mit all den Bereichen in denen wir eine richtige Veränderung brauchen, in den Bereichen Landwirtschaft, Klimawandel?“ Aus der Diskussion der Referenten entwickelte sich der Eindruck, dass Standards von verschiedenen Akteuren zur profithaften Vermarktung ausgenutzt werden oder gar von den Lobbyisten der Lebensmittelindustrie entwickelt worden seien. So ist es oft hauptsächlich die Lebensmittelindustrie, die von einem Biosiegel profitiert; für den Erzeuger entstehen zusätzliche Kosten. Viele Biobauern sehen sich daher sogar in Deutschland trotz Überzeugung gezwungen die biologische Produktion aufzugeben.

Angemessene Hilfestellung für Kaufentscheidungen gefordert

MdB Harald Ebner gab zu bedenken, dass Siegel früher nicht nötig waren, da Informationen und Qualitätskontrolle durch einen direkteren Kontakt gegeben waren. Er regte deshalb an, auch heute noch wenn möglich Produkte bei einem uns bekannten Erzeuger zu kaufen oder auf einem regionalen Markt, wo man bei Interesse Einsicht in die Herstellungsweise bekommen könnten. Dies ist nicht in allen Situationen und geografischen Gebieten immer möglich. Daher forderte Harald Ebner Transparenz bei Gütesiegeln. Transparente Siegel könne es geben, wenn es die Politik nur ernsthaft wolle. Wichtig sei hier, dass „wir als Verbraucher im Laden eine angemessene Hilfestellung für unsere Kaufentscheidungen bekommen“.

Rupert Ebner, Vorstandsmitglied bei Slow Food Deutschland e. V. stimmte zu: „Man muss immer das System hinterfragen, die Nähe zum Erzeuger suchen, Bildung vorantreiben.“ Er unterstrich die Notwendigkeit, die Debatte um Standards und Siegel an eine Diskussion um die moralische Legitimität verschiedener Produkte zu knüpfen. Gesetzlich festgelegte Standards und Kriterien sind nach Slow Food erwünscht, aber nicht unbedingt in Form von kostspieligen Siegeln und Zertifizierungen. Diese müssten sich zumindest auf einen detailliert erarbeiteten Kriterienkatalog berufen, der den Dreiklang gut, sauber und fair innehat. Diese Kriterien würden somit nicht nur auf die Bedürfnisse im Inland schauen, sondern auch auf die Arbeitsbedingungen der Erzeuger im Herkunftsland, sowie auf Standards, die sich auch auf moralische und ethische Rechte für Mensch und Tier berufen. In dem Sinne betont Slow Food immer die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Ansatzes, der die individuelle Situation aller Akteure berücksichtigt, die an der Lebensmittelkette beteiligt sind: vom Erzeuger, über die Händler zu den Verbrauchern. Slow Food will ein Verantwortungsbewusstsein beim Verbraucher schaffen, welche Auswirkungen verschiedene Produktionsweisen und Verbraucherentscheidungen im globalen Klima- und Umweltkontext haben.

Werbung verleitet Konsumenten zu ökologisch unvertretbaren Einkäufen

Slow Food stellte sich deshalb dem Argument von Becker-Sonnenschein entgegen, dass die Lebensmittelwirtschaft nur das anbietet was vom Verbraucher nachgefragt wird. Erstens kann man nicht außer  Acht lassen, dass die reizüberflutende Werbung der Industrie den Verbraucher durch billige Preise oder vermeintlich gesunde Effekte zu moralisch und ökologisch unvertretbaren Einkäufen lockt. Darunter fallen zum Beispiel der Kauf von Produkten wie Fleisch aus Massentierhaltung oder gesundheitlich zweifelhaften, industriell hochverarbeiteten Produkten.

Zweitens, so Slow Food, ist es eine gesellschaftliche Notwendigkeit, dass Produkte deren Herstellung, Vertrieb oder Verbrauch sich negativ auf Umwelt, Tiere und Menschen auswirkt, aus moralischen, ethischen und ökologischen Gründen gar nicht angeboten werden. Verbraucher müssen tatsächlich befähigt werden, verantwortungsbewusste Entscheidungen zu treffen. Genau deshalb sprach sich Rupert Ebner in der Debatte für die Notwendigkeit der gesetzlichen Verankerung der Standards aus. „Die Gemeinpflichtigkeit des Lebensmitteleinkaufs müsste ins Gesetz mit aufgenommen werden“, so Rupert Ebner.

Standards müssen soziale, ökologische und ethische Kriterien berücksichtigen

Slow Food fordert deshalb: Wenn Standards definiert werden, müssen diese den Dreiklang von sozialen, ökologischen und moralischen Kriterien berücksichtigen! Als Lösungsansatz für die angesprochenen Problematiken fordert Tim Kuschnerus im Namen der GKKE unter anderem: „Wir brauchen vor allem verbindliche staatliche Vorgaben und die Errichtung eines ordnungspolitischen Rahmens für private Standards. Zentrale Forderungen der GKKE sind deshalb eine staatliche Regulierung sowie Rahmenvorgaben für eine gute Praxis für private Standardinitiativen.“

Weitere Informationen:

„Plädoyer für gerechte und nachhaltige globale Lebensmittelstandards“ (GKKE-Fachgruppe Kohärenz), vom 12. Juni 2015

Slow Food Qualitätskriterien für Messen


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