Bildung

Slow Food Youth Akademie
Erfahrungsberichte 2018

4. Wochenende: „Abtauchen in das Thema Fisch“

Die „Matrosen“ der diesjährigen Slow Food Youth Akademie nahmen an ihrem vierten Ausbildungswochenende Kurs auf die Lotseninsel Schleimünde. Damit war das Thema des Wochenendes natürlich gesetzt: Es ging um Einblicke in verschiedene Fang-, Zucht-, und Verarbeitungsmethoden von Fisch und Meeresfrüchten sowie um die immensen Herausforderungen, vor denen wir als Weltgemeinschaft stehen, weil wir nicht sorgsam genug mit dem maritimen Ökosystem und denen, die davon leben, umgehen.

Oftmals stehen uns dabei die eigenen Fisch-Vorlieben und unsere Konsummuster im Weg, zugleich aber die Versäumnisse politischer Entscheidungsträger. Gastgeber war die Lighthouse Foundation, welche sich für einen ganzheitlichen, umweltgerechten sowie wirtschaftlich und sozial tragfähigen Umgang mit den Meeren und Ozeanen einsetzt.

Bild oben: An ihrem vierten Wochenende trafen sich die Teilnehmer der Slow Food Youth Akademie 2018 auf der Lotseninsel Schleimünde.


Austernverkostung auf der Lotseninsel Schleimünde

Um aufzuzeigen, dass Verbraucher dank kluger Auswahl nicht komplett auf Fisch verzichten müssen, gab es für das Zusammenkommen frische Dorsche und Schollen. Sie wurden am Freitag in der Region gefangen. Barbara Rodenburg-Geertsema, Fischerin und Gastronomin aus dem niederländischen Goede Vissers, versorgte die „Crew“ mit Austern und zeigte ihr, wie man diese geschickt öffnet und genussvoll verspeist.

Nach dem Weckruf der Möwen am Samstag startete der Tag mit Uwe Sturm, der seine Initiative „Fisch vom Kutter“ vorstellte. Die Online-Plattform ermöglicht die Direktvermarktung von regionalem Fisch. Verbraucher können damit täglich die Anlandungen im Überblick behalten und sind aufgrund des jeweiligen Bestands eingeladen, durchaus mal etwas neues auszuprobieren. Im Gespräch mit den Fischern erfahren sie, wie sie möglichst viel vom Fisch nutzen und genießen können, anstatt sich aus Unwissenheit nur auf das Filet zu fokussieren. Die Teilnehmenden nutzten die Gelegenheit, Uwe Sturm zur Gemeinsamen Fischereipolitik der EU zu befragen. Das nämlich ist verständlicherweise ein sehr komplexes Thema für sie. Sturm versuchte hier etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Bild oben: Gemeinsam verkosteten sie Austern.


Fischerin im 21. Jahrhundert

Barbara Geertsema-Rodenburg erzählte den jungen Frauen und Männern anschließend über das Leben einer Fischerin im 21. Jahrhundert: Wo liegen die Herausforderungen dieses Berufs, und wo dessen Einmaligkeit und Schönheit? Geertsema-Rodenburg wurde in den Niederlanden geboren, studierte Forstwirtschaft sowie Naturmanagement und liebte schon immer das Segeln und das Meer. 1999 lernte sie den handwerklichen Fischer Jan Geertsema kennen und wurde Fischerin. Seitdem widmen sie sich gemeinsam ihrem kleinen Fischereigeschäft und der Erhaltung der traditionellen Kleinfischerei im Wattenmeer. Ihre selbst gefangenen Erzeugnisse sind die wichtigsten Botschafter, wenn sie versuchen, ihre Kunden für einen nachhaltigen Umgang mit den Meeren zu sensibilisieren.

Barbara Geertsema-Rodenburg nahm auch an der Podiumsdiskussion teil, gemeinsam mit Dr. Kristina Barz, die sich um das Portal „Fischbestände Online“ des Thünen-Instituts für Ostseefischerei kümmert. Als Informationsangebot richtet sich dies an die interessierte Öffentlichkeit, insbesondere aber an Unternehmen des Handels und der verarbeitenden Industrie, um ihnen den Fisch-Einkauf auf der Basis wissenschaftlich korrekter Informationen zu erleichtern. Stefan Linzmaier war nicht nur als Gewässerökologe, Angler und Taucher auf dem Podium dabei, sondern auch als Slow-Food-Aktivist und Hobbykoch. Er führte in die Binnenfischerei sowie die Aquakultur ein, die mit den richtigen Rahmenbedingungen eine Alternative zur Meeresfischerei bieten könnte. Jens Ambsdorf, Vorstandsvorsitzender der Lighthouse Foundation und Jörg Grabo, Zuständiger für Öffentlichkeitsarbeit in der Stiftung.

Bild oben: Fischerin Barbara Geertsema-Rodenburg


Fisch fangen und filetieren

Am Abend organisierte Stefan Linzmaier einen Workshop zum Fisch filetieren, bei dem die Teilnehmenden selbst Hand anlegen und praktische Erfahrungen sammeln konnten.

Ein Teil der Wertschöpfungskette blieb für Sonntag vorbehalten – das Fischen. Deshalb fuhr die gesamte Gruppe mit der „MS Antje D.“ hinaus auf die See. Geangelt wurden Dorsche, von denen noch direkt an Bord welche ausgenommen wurden. Mit diesem erlebnisreichen Programmpunkt endete das Wochenende und die Vorfreude auf Runde fünf stand den Teilnehmenden ins Gesicht geschrieben. Ahoi!

Bild: Stefan Linzmaier zeigte den jungen Frauen und Männern, wie man Fisch filetiert.


Stolz wurde der gefangene Dorsch begutachtet.


Im Rahmen des Wochenendes erkundeten sie gemeinsam die Insel.


Alle Bilder: © Slow Food Archiv


3. Wochenende: "Essen ist politisch!"

„Essen ist politisch“ – dieser Überzeugung sind auch die Changemaker der Slow Food Youth Akademie, die sich an ihrem dritten Wochenende bei der Evangelischen Landjugendakademie in Altenkirchen trafen. Ziel des Wochenendes war es, bei den jungen Frauen und Männern ein tiefer gehendes Verständnis für die politische Dimension von Landwirtschaft und Lebensmittelherstellung zu entwickeln, für die darin involvierten Akteure, deren Verantwortlichkeiten und Entscheidungsprozesse.

Unser aktuelles Ernährungssystem wurde vor Jahrzehnten von einer europäischen Agrarpolitik mitgestaltet, welche sich nicht nur die Produktion von Lebensmitteln zu erschwinglichen Preisen, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft auf dem globalisierten Lebensmittelmarkt zum Ziel setzte. Diese Art der Lebensmittelerzeugung stößt inzwischen an seine Grenzen, das zeigen unter anderem die Milchkrise, die Landwirte dazu zwang ihre Höfe zu schließen, die verheerenden Auswirkungen des Exports von Lebensmitteln, welche lokale Märkte im globalen Süden zerstört, der Klimawandel, die Wasserverschmutzung sowie weitere Umweltschäden, welche unsere Zukunft und die der nächsten Generation gefährdet. Es ist überfällig, Agrarpolitik als Ernährungspolitik auf Bundes- und EU-Ebene zu denken und neu zu gestalten – daran möchten auch die jungen Erwachsenen der Akademie mitwirken.

Bild oben: Mitbringbuffet am Freitagabend


In der Region etwas bewegen

Ihr Wochenende startete mit Peter Zens vom Getrudenhof in Hürth. Zens ist Sprecher des Ernährungsrats Köln und Umgebung und konnte den Teilnehmenden aufzeigen, was sie als Verbraucher in ihrer Region alles bewegen und erreichen können, sobald sie sich gemeinsam organisieren. Der Ernährungsrat Köln zählt zu den Vorreitern für diese Organisationsform in Deutschland, arbeitet inzwischen erfolgreich mit der Stadt Köln zusammen und ist Vermittler zwischen verschiedenen Interessensgruppen im Bereich Ernährung. Er hat dafür gesorgt, das Thema Ernährung auf die Agenda des Kommunalwahlkampfs zu setzen. Kandidaten verschiedener Parteien versuchten Lebensmittel und die adäquate Versorgung mit ihnen für sich zu besetzen und das Thema bekam breite Aufmerksamkeit.

Bild oben: Peter Zens vom Getrudenhof in Hürth


Die gemeinsame Europäische Agrarpolitik

Am Samstag trafen die Teilnehmenden zunächst auf Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Er nahm sie von der regionalen auf die europäische Ebene mit und sprach über die Notwendigkeit einer gemeinsamen, klug ausgestalteten EU-Agrarpolitik. Das weckte bei den Teilnehmenden aufgrund der Debatte um die nächste GAP-Reform regen Diskussionsbedarf. Zu den Anforderungen der AbL für diese Reform wies Janßen auf die gemeinsame Stellungnahme der breiten Verbände-Plattform aus Umwelt- und Naturschutz, Landwirtschaft, Entwicklungspolitik und Tierschutz, darunter auch Slow Food, hin. Ziel sei nicht ein moderates Nachjustieren, sondern die grundlegende Reform der EU-Agrarpolitik. Die GAP solle den gesellschaftlichen und fachrechtlichen Anforderungen an die Lebensmittelerzeugung nachkommen, ökonomische Perspektiven bieten und dabei zugleich ökologische Grenzen respektieren und wahren.

Bild oben: Georg Janßen von der AbL erklärt die Notwendigkeit einer Agrarpolitik.

Geschichte der Esskultur

Um sich nach dem Vormittag zu stärken, kochten die Akademieteilnehmer mit Lebensmitteln, die sie von verschiedenen Initiativen gegen Lebensmittelverschwendung wie zum Beispiel Food Sharing mitgebracht hatten und nun zu einem köstlichen Mittagsimbiss verwerteten.

Nach dem Essen nahm Markus Schreckhaas, Anthropologe für Esskultur am Institut für Information, Medien, Sprache und Kultur der Universität Regensburg, die Teilnehmenden mit auf eine Reise durch die Geschichte der Esskultur und des Konsumverhaltens der Menschen. Auf besonderes Interesse stieß bei vielen Teilnehmenden die Zeit, in der Essen in all seinen Dimensionen nicht nur politischer wurde, sondern auch zum Statussymbol erwuchs. Aus Sicht von Schreckhaas ist es notwendig, die heute etablierte Esskultur und ihre Geschichte zu kennen und zu verstehen, um von hieraus eine echte Veränderung zu gestalten und die Menschen dabei mitzunehmen und den notwendigen Wandel verargumentieren zu können. Er debattierte mit den jungen Frauen und Männern zu Fragen wie: Warum essen wir das, was wir essen? Was wirkt alles auf die Entscheidung ein, was, wie, wann und wo wir essen – Wetter, Medien, die Zyklen der Konjunktur bis hin zu Kategorien wie die Religion?


Slow Food in Brüssel

Marta Messa, Leiterin des Brüsseler Büros von Slow Food International, knüpfte an die EU und ihre Gemeinsame Agrarpolitik an und berichtete von ihrer Arbeit als Slow Food Lobbyistin in Brüssel. Sie hob die Notwendigkeit hervor, klein- und mittelständische Produzenten und Ko-Produzenten in direkten Kontakt und Austausch mit den politischen Entscheidungsträgern der EU zu bringen, damit unterschiedliche Bedürfnisse und Anforderungen vermittelt und diskutiert werden können und ein Konsens gefunden wird. Diesem Ziel geht Messa mit ihrem Team in Brüssel nach. Messa stellte die Position von Slow Food zur nächsten GAP-Reform vor. Gefordert wird der Wandel von einer Agrar- zu einer Ernährungspolitik, in der alle Ressorts, die direkt oder indirekt Einfluss auf die Landwirtschaft und das Lebensmittelsystem nehmen, an einem Strang ziehen. Messa hielt klar fest: Die Zukunft von Ernährung und Landwirtschaft in Europa liegt nicht zuletzt darin begründet, ob und wie wir es schaffen, Biodiversität zu bewahren, besser gestern als heute.

Bild oben: Marta Messa, Leiterin des Brüsseler Büros von Slow Food International 


Positionen der deutschen Politik

Anschließend diskutierten Politiker verschiedener Parteien über die Zukunft der Europäischen Agrarpolitik. Claudia Leibrock, Expertin für Agrarpolitik und Vorsitzende des Forums für internationale Agrarpolitik e. V., moderierte die Gesprächsrunde. Als Mitdiskutierende waren dabei: Hanno von Raußendorf von Die Linke NRW, Ophelia Nick von Bündnis 90 Die Grünen und Rainer Spiering, Sprecher der SPD im Ausschuss für Landwirtschaft und Ernährung. Sie stellten die jeweilige Position ihrer Parteien kurz vor, bevor es in einen regen Austausch ging. Bei der Frage, ob Direktzahlungen nach Betriebsgröße gestaffelt werden sollen, waren sich SPD und Grüne einig: Kleinbäuerliche Betriebe müssten mehr profitieren. Raußendorf von Die Linke plädierte dafür, das Prinzip „öffentliches Geld für öffentliche Leistungen“ verstärkt zu berücksichtigen. Alle drei Parteien bekräftigten die zweite Säule der GAP und damit das Ziel, mehr in die Entwicklung des ländlichen Raumes zu investieren. Diskutiert wurden auch das Greening sowie weitere Möglichkeiten, die Biodiversität in den Agrarlandschaften zu schützen.

Bild oben: (v.l.n.r.): Hanno von Raußendorf von DIE LINKE NRW, Claudia Leibrock, Expertin für Agrarpolitik und Vorsitzende des Forums für internationale Agrarpolitik e. V., Dr. Ophelia Nick von BÜNDNIS 90 DIE GRÜNEN und Rainer Spiering, Sprecher der SPD im Ausschuss für Landwirtschaft und Ernährung.


Kreative Kampagnen für die Agrarwende

Zum Abschluss des Wochenendes begrüßte der Nachwuchs Jutta Sündermann von Aktion Agrar, ein Verein, der mit kreativen Kampagnen Bewegung in die Agrarwende bringen möchte und an diesem Wochenende zu einem spannenden Workshop über Kampagnengestaltung und Umsetzung einlud. Sundermann griff erfolgreiche Beispiele für Themen wie Lebensmittelverschwendung sowie die „Wir haben es satt Demo!“ auf und motivierte die Akademieteilnehmenden ihre Ideen künftig sowohl inhaltlich als auch kommunikativ und visuell zu gestalten.

All der Input und die Diskussionen aus dem Wochenende unterstrichen: Jede einzelne Entscheidung, die wir rund um unser Essen treffen, ist politisch. Wenn wir qualitativ hochwertige Produkte, die gut, sauber und fair produziert sind, kaufen und genießen, verstärken wir die Nachfrage nach genau solchen Produkten und setzen damit auch ein politisches Signal. Konsumieren wir stattdessen vereinfachte, standardisierte und industriell hergestellte Produkte, tragen wir die Mitverantwortung für die externalisierten Kosten, welche die Gesellschaft, unsere Tiere und die Ökosysteme zu tragen haben. Sie sind auf unserem Kassenbon nicht abgebildet. Gestaltet man seine Alltagsgewohnheiten bewusst(er), so führt dies nicht nur zu einem besseren sozialen Miteinander in unserer Gesellschaft, sondern auch zu mehr Schutz und einem achtsamen Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten.

Bild oben: Jutta Sundermann von Aktion Agrar beim Kampagnenworkshop


Backworkshop mit TeilnehmerInnen der SFYA 2017


Fallstudienbearbeitung im Grünen


Alle Bilder: © Slow Food Archiv


2. Wochenende: „Globaler Handel, globaler Süden“

Minden: 20.-22.4.2018 – Am zweiten Wochenende der Slow Food Youth Akademie 2018 stand das Thema "Globaler Handel, globaler Süden" im Fokus. Die Changemaker setzten sich zwei Tage intensiv mit globalen Zusammenhängen, den Auswirkungen unseres Welthandels sowie unserer Ess- und Konsumgewohnheiten auseinander.

Tobias Reichert, Teamleiter der Abteilung für Welternährung, Landnutzung und Handel bei Germanwatch e.V., führte die jungen Erwachsenen ins Thema sowie in die wichtigsten Fragestellungen ein. Dabei nahm er nicht nur Bezug auf die aktuell wirksamen Handelsstrukturen, sondern fasste für ein besseres Verständnis deren Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten zusammen. Germanwatch beobachtet und analysiert die Politik und Wirtschaft des globalen Nordens und ihre Auswirkungen auf Entwicklungs- und Schwellenländer seit vielen Jahren. Zusammen mit Mitgliedern und Förderern sowie verschiedenen Akteuren der Zivilgesellschaft wie Slow Food hat Germanwatch eine starke Lobby für eine nachhaltige Entwicklung mitbegründet.

Bild oben: Tobias Reichert, Teamleiter der Abteilung für Welternährung, Landnutzung und Handel bei Germanwatch e.V, führt die Gruppe ins Thema des Wochenendes ein.

Unternehmen müssen mehr Verantwortung übernehmen

Die Einflussnahme entwickelter Länder auf ärmere im globalen Süden stellte Reichert beispielhaft am Exportmeister Deutschland vor. Ein anderes politisches Klima im globalen Norden sei Voraussetzung, so Reichert, um im Süden für anhaltende und wirksame Verbesserungen zu sorgen – ökonomisch, ökologisch sowie sozial. Dafür müsse die Bildung für nachhaltige Entwicklung vorangetrieben und deutlich mehr Verantwortung von Unternehmen übernommen werden.

Politische Entscheidungsträger müssten endlich verbindliche Richtlinien für einen fairen Handel umsetzen. Wenn es um Welthandel geht, weiß Tobias Reichert natürlich um die Macht von Großhandel und -konzernen. So etwa liegen alleine in Deutschland rund 90 Prozent des Lebensmittelhandels in den Händen von Edeka/Lidl/Aldi/Rewe; auf internationaler Ebene sind die Big 4 ABCD (ADM, Bunge, Cargill, Louis Dreyfus) die für 60 Prozent der Grundnährstoffe verantwortlichen Händler. Sie üben eine enorme Marktmacht aus, nicht zuletzt bei Futtermitteln wie Sojaschrot.

Die Welthandelsorganisation muss umdenken

Doch es gibt sie, die Alternativen und Reformansätze, um den Schalter umzulegen. Es müsste „nur“ an den richten Stellen in die richtige Richtung gehandelt werden. Dazu gehört, dass Unternehmen für Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette ihrer Produkte sorgen und fair ablaufende Prozesse sicherstellen. Weltweit gilt es, die regionale Erzeugung von ökologisch arbeitenden Landwirten zu fördern und die Ernährungssouveränität eines jeden Menschen zu achten. Für einen tragfähigen und gerechten Handel muss nicht zuletzt die Welthandelsorganisation umdenken.


Besuch bei Edeka

Am Samstag besuchten die Akademie-Teilnehmenden das Zentrallager von Edeka in Lauenau und gewannen dort Einblick in die logistische Organisation eines Großhandels. Norbert Flegen von Edeka führte sie durch das Lager. Zu den Stationen gehörten die Leergutabteilung, das Trocken- sowie das Frischelager, welches Tiefkühlkost, Convenience-Produkte, frisches Obst und Gemüse sowie Feinkost aufbewahrt. Ein weiterer Stopp waren die sogenannten Sozialräume für Kantine, Dusche sowie Betriebsleitung.

Edeka wurde 1907 in Leipzig als Genossenschaft der Einzelhändler gegründet, um Einkaufvorteile zu etablieren. Anfangs nannte sich der Zusammenschluss Einkaufgenossenschaft der Kolonialwarenhändler, kurz EDK. Inzwischen besteht Edeka aus sieben regionalen Großhandelsbetrieben mit einem Gesamtumsatz von 8,4 Milliarden Euro. Edeka ist die größte Handelsgesellschaft in Deutschland.

Eine Frage, welche den Teilnehmenden ganz besonders auf dem Herzen lag, war der Umgang mit Lebensmittelverschwendung in Unternehmen wie Edeka. Norbert Flegel von Edeka erklärte, dass sie mit den Tafeln zusammenarbeiten, um die abgelaufenen Waren an Bedürftige weiterzugeben. Denn verkaufen darf Edeka diese nicht mehr. Der unmittelbare Zusammenhang zwischen Verschwendung und Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) ist ein sensibles Thema und Flegel sieht ganz deutlich die Bundesregierung in der Verantwortung die Richtlinien zu ändern und mehr Handlungsspielraum zuzulassen.

Bild oben: Besuch im Zentrallager der Handelsgesellschaft Edeka


„Hunger ist ländlich und weiblich.“

Iris Schöninger ist in der Grundsatzabteilung der Welthungerhilfe tätig und arbeitet seit 30 Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit. Schon zum zweiten Mal begleitete sie die Akademie zum Thema Welternährung. Mit Sorge betrachtet sie die Bandbreite an Ursachen für Hunger auf der Welt: Armut, verzerrter Welthandel, Ressourcenverschwendung, Naturkatastrophen, Kriege, schlechte Regierungsführung aber auch Klimawandel und ungleiche Distribution von Lebensmitteln. Schöninger unterstreicht die großen Fortschritte, die laut des Welthungerindexes seit 2000 in der Bekämpfung von Hunger erreicht worden seien. Weiterhin aber verhungerten immerhin acht Prozent der Weltbevölkerung. „Hunger ist ländlich und weiblich“, betonte Schöninger. Die bäuerliche Landwirtschaft zu unterstützen, sei damit der richtige Weg.

Weitere Lösungsansätze diskutierte sie gemeinsam mit den Teilnehmenden, etwa den Aufbau wichtiger Infrastrukturen für Straßen, Energie, Wasser und Kommunikation, die Förderung von Investitionen in Form von Krediten und Anschubfinanzierungen sowie von fairem Agrarhandel, verbindlichen Mindeststandards, lokaler Wertschöpfung in Entwicklungs- und Schwellenländern. Ebenso relevant sei das zivilgesellschaftliche Engagement gegenüber Regierungen.

Bild oben: Iris Schöninger von der Hilfsorganisation Deutsche Welthungerhilfe referiert zum Thema Welternährung.


Best-Practice-Beispiel: Coffee Circle

Schöninger nannte in ihrem Beitrag auch konkrete Best-Practice-Beispiele für sozial wirtschaftende Unternehmen wie etwa Coffee Circle, mit dem die Welthungerhilfe kooperiert. Wie sie das machen, berichtete Moritz Voigt von Coffee Circle den Akademieteilnehmern persönlich. Das machte ihm besondere Freude, weil er 2018 selbst an der Slow Food Youth Akademie teilnimmt. Die Gesprächsrunde endete natürlich mit einer Verkostung verschiedener Kaffeesorten.

Bild oben: Kaffeeverkostung mit Moritz Voigt (im blauen Hemd) von Coffee Circle


Slow-Food-Ziel Ernährungssouveränität

Doch damit für den Tag nicht genug. Am Abend stiegen die Changemaker in eine spannende Diskussion über Ernährungssouveränität mit Lena Michelsen von dem INKOTA-Netzwerk, Sven Perten von Goliathwatch, Jürgen Cramer von Edeka Cramer und Tatjana Wolff von Planet Retail ein. Viele Fragen rund um Alternativen für ein nachhaltigeres Handeln, höheres Tierwohl und den ökologischen Lebensmittelanbau wurden in den Raum gestellt und versucht, in ihrer Bandbreite zu diskutieren. Dafür skizzierte Lena Michelsen zunächst die Prinzipien der Ernährungssouveränität und nutzte dafür die Definition von La Via Campesina: „Das Recht aller Völker ihre Ernährung zu bestimmen.“ Dafür brauche es auch aufgeklärte Verbraucher, die selbstständig entscheiden können und wollen.

Sven Perten von dem Projekt Goliathwatch stellte die Menschenrechte entlang der Produktionskette in den Fokus seines Beitrags. Diese müssen eingehalten werden. Außerdem sei es für eine sozial gerechtere Welt unabdingbar, die Marktprinzipien substanziell zu verändern um so unter anderem die Marktkonzentration zu verringern.

Bild oben: Sven Perten, Goliathwatch – Verein für Demokratie statt Macht der Konzerne, bei der Expertendiskussion (2. v. l.)


Siegel im Lebensmittelhandel

Am Sonntag stand das Thema Transparenz und Lebensmittelzertifizierung auf der Agenda. Dazu führten die Teilnehmenden ein Gespräch mit Frank Thiedig, Geschäftsführer der Marketingabteilung und des Qualitätsmanagement der Edeka-Zentrale in Minden. Dabei wurde schnell deutlich, wie schwierig es inzwischen für Verbraucher ist, den Überblick über die verschiedenen Zertifizierungen im Lebensmittelhandel zu behalten und zu wissen, welche Kriterien sich dahinter verbergen.Thiedig erklärte Eigenschaften und Kriterien ausgewählter Tierschutz-, Bio- und Fair-Trade Label und konnte damit etwas Licht ins Dunkel bringen. Ebenso in die Kooperation zwischen Edeka und dem WWF, an der die jungen Erdwachsensen besonderes Interesse zeigten.

Wichtig war es ihm, auch auf die Verantwortung des Verbrauchers hinzuweisen. Denn natürlich mache auch Edeka die Erfahrung, dass sich zwar immer mehr Konsumenten besser ernähren möchten, sich viele von ihnen aber zugleich schwer damit tun, angemessenere Preise für ausgewählte Erzeugnisse zu bezahlen.

Bild oben: Gruppenarbeit mit Frank Thiedig, Geschäftsführer der Marketingabteilung und des Qualitätsmanagement der Edeka-Zentrale in Minden (ganz links)


Teilnehmende bei einem Vortrag


Gruppenarbeit im Seminarraum


Gruppenarbeit im Freien


Mittagspause am Samstag


Alle Bilder: © Slow Food Archiv


Das Eröffnungswochenende der Slow Food Youth Akademie 2018

Das zweite Slow Food Youth Akademiejahr hat begonnen. Am 23. März kamen die neuen 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum ersten Mal in der Naturlandschaft Döberitzer Heide bei der Heinz Sielmann Stiftung zusammen. Lesen Sie hier den Bericht vom ersten gemeinsamen Wochenende. Von Elia Carceller, Projektleiterin.

Die jungen Changemaker wurden von Hannes Petrsichak von der Heinz Sielmann Stiftung sowie Frederik Schulze-Hamann von Slow Food Deutschland willkommen geheißen.

Das gemeinsame Wochenende stand ganz im Zeichen des Kennenlernens untereinander sowie der Annäherung an die Themen, mit denen sich die jungen Erwachsenen die nächsten acht Monate und hoffentlich weit darüber hinaus beschäftigen. Nach der Begrüßung kamen alle zum bunt gemischten Abendessen zusammen, denn jeder hatte dafür Leckereien und für seine Region typische Lebensmittel mitgebracht. Ganz im Slow-Food-Sinne war das Essen auch hier der Beziehungsstifter schlechthin!

Bild oben: Das erste Wochenende fand in der Döbritzer Heide bei der Heinz Sielmann Stiftung statt.


Im Fokus: unser Lebensmittelsystem

Am Samstag starten die jungen Frauen und Männer in ihr gut gefülltes Tagesprogramm mit inspirierenden Beiträgen. Den Anfang machten Simone Luijckx und Marieke Creemers von Slow Food aus den Niederlanden. Sie stiegen mit dem großen Ganzen ein: Unser Lebensmittelsystem, dessen Herausforderungen und die Chancen für einen Wandel, um die Art und Weise unsere Nahrung zu erzeugen grundlegend zu ändern. Die beiden Aktivistinnen verwiesen dabei auf die individuellen Handlungsräume, die ein jeder von uns hat. Diese nämlich wollen die Akademieteilnehmer nutzen, so viel steht schon zu Beginn fest. Simone und Marieke führten die Nachwuchskräfte in die Slow-Food-Prinzipien von „gut, sauber, fair“ ein und riefen dazu auf, sich auch international zu vernetzen.

Bild oben: Marieke Creemers spricht über die Wende im Lebensmitttelsystem. | © Slow Food Youth Akademie


Besuch eines Artenschutz-Projekts und eines Öko-Bauernhofs

Anschließend ging es raus an die frische Luft und auf Expedition. Denn die Heinz Sielmann Stiftung hat in einem einmaligen Wildnisgroßprojekt unmittelbar vor den Toren von Berlin und Potsdam auf dem früheren Truppenübungsplatz „Döberitz“ fast ausgestorbene Wildtierarten angesiedelt. Hannes Petrischak führte über das beeindruckende Gelände.

Am Nachmittag ging es „tierisch“ weiter, denn Anja Hradetzky vom Ökohof „Die Stolze Kuh“ gab den Nachwuchskräften Einblick in ihren Alltag als Bäuerin und den Herausforderungen, dies mit ihrem Familienleben zu vereinbaren. Das, so wurde schnell deutlich, ist nicht immer leicht, aber sie lebt es mit Leidenschaft. Ihre 30 Kühe weiden auf den Naturschutzflächen des Nationalparkvereins Unteres Odertal. Darunter sind gefährdete Zweinutzungsrassen wie das Original Baunvieh, Angler Rotvieh alter Zuchtrichtung, Tiroler Grauvieh und Deutsches Schwarzbuntes Niederungsrind.

Den Übergang vom Lokalen zum Globalen auch in Hinblick auf Zukunftsperspektiven übernahm Wilfried Bommert vom Institut zur Welternährung. Antwort auf die Frage, was aus Slow-Food-Sicht ein gutes Lebensmittel ausmacht, übernahm Lars Jäger von Slow Food Berlin. Mithilfe einer Verkostung von Brot aus industrieller und handwerklicher Herstellung machte er das für die Teilnehmer mit allen Sinnen erfahrbar.

Bild oben: Teilnehmer füttern Wisente.


Das Gänseei als Nischenprodukt und andere Fallstudien

Bevor es am letzten Tag für alle nach Hause ging, wurden die Akademieteilnehmenden in das Thema Fallstudien eingeführt. Diese wurden von Unternehmen und Organisationen an die Akademie herangetragen, um innovative Lösungen für Bereiche wie Marketing und Produktion zu finden.

In Arbeitsgruppen werden nun fünf Fallstudien im Laufe der Monate bearbeitet und abschließend vorgestellt und diskutiert. Die diesjährigen Themen reichen von der Programmgestaltung eines Festivals für junge Landwirte und Bauern über die Entwicklung einer Kampagne, welche die Zusammenhänge zwischen dem Erhalt von Biodiversität und unserer Ernährungsweise beleuchtet bis hin zur Weiterverarbeitung und Vermarktung des Gänseeis als Nischenprodukt. Für den Berliner Raum arbeiten die Gruppen an den Themen saubere und faire Schulverpflegung sowie der Weiterentwicklung des Stadt-Land-Food-Festivals 2018 in der Markthalle Neun.

Voller Eindrücke hieß es dann Abschiednehmen. „Nie in meinem Leben war ich von so vielen inspirierenden Menschen umgeben. Ich bin echt stolz und dankbar, bei der Slow Food Youth Akademie 2018 dabei zu sein“, sagte Antonie Demmel, Kommunikatorin aus München, mit strahlenden Augen.

Bild oben: Gruppenarbeit bei den Fallstudien.


Die Vorstellungsrunde.


Alle Bilder: © Slow Food Youth Akademie


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