Rotes Höhenvieh: Naturschutz auf der Speisekarte

21.05.2019 - Der Tag der biologischen Vielfalt am 22. Mai erinnert daran, dass weltweit über eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind. Einer der wesentlichen Verursacher ist die  Landwirtschaft. Dass es auch anders geht zeigt ein außergewöhnliches Naturschutzprojekt in der bayerischen Oberpfalz. Es verbindet Artenschutz, Landwirtschaft und Leibgenuss miteinander Im Mittelpunkt steht der Slow Food Arche-Passagier Rotes Höhenvieh.

Rotvieh„Schützen durch Nützen“ ist die inoffizielle Losung von Tännesberg. Der kleine bayerische Markt im Naturpark Nördlicher Oberpfälzer Wald fördert seit über drei Jahrzehnten den Natur- und Artenschutz mit einem besonderen Konzept. Es verbindet den Erhalt der heimischen Fauna und Flora mit der Förderung extensiver Formen der Landwirtschaft. Das außergewöhnliche Projekt ist so erfolgreich, dass sich Tännesberg mittlerweile Erste Biodiversitätsgemeinde Deutschlands nennen darf und bereits zweimal (2015 und 2017) als UN-Dekade-Projekt ausgezeichnet wurde.

Keltenvieh am Kainzbach

Der auf etwa 800 Meter Höhe im Mittelgebirge gelegene Erholungsort lockt nicht nur viele naturliebende Urlauberinnen und Urlauber an, sondern auch immer mehr Menschen, die Naturerlebnisse mit leiblichen Genüssen verbinden wollen. Eine maßgebliche Rolle spielt dabei ein Slow Food Arche-Passagier: das Rote Höhenvieh. Diese alte deutsche Rinderrasse beweidet in ganzjähriger Weidehaltung einen Talabschnitt des Kainzbachtals in der Nähe Tännesbergs und liefert Fleisch, das von regionalen Betrieben zu kulinarischen Spitzenerzeugnissen verarbeitet wird, die mittlerweile weit über die Region hinaus bekannt sind.

„Die Liebe zur Natur und das Engagement für den Artenschutz liegen bei uns wohl in der Familie,“ sagt Irmtraud Schwarz, die gemeinsam mit ihrem Mann Alois eine der drei Höhenvieh-Herden in Tännesberg im Nebenerwerb unterhält. Ihre rund 30 Tiere beweiden einen Weideabschnitt oberhalb des Kainzbachtals und sind ökozertifiziert. Die Herde wird in sogenannter Mutterkuhhaltung geführt. Dies bedeutet Rinderhaltung mit Kühen zur Kälberaufzucht ohne Milchgewinnung. Die Mutterkuh säugt das Kalb bis zum Ende der Laktation. „Schon Ende der 1970er Jahre hat sich mein Vater und später mein älterer Bruder für den Erhalt und die Wiederherstellung artenreicher Lebensräume in Tännesberg eingesetzt,“ erinnert sich Schwarz. Als eine der ersten Initiativen wurde ein Obstlehrpfad eingerichtet, der die Besucherinnen und Besucher durch alte Streuobstwiesen führt und über die große Bedeutung dieser traditionellen Obstanbauform für den Erhalt besonders artenreicher Tier- und Pflanzenhabitate aufklärt.

Schlagschwirls Rückkehr

In den 1980er Jahren folgte die aufwändige Renaturierung des nordöstlich von Tännesberg gelegenen Kainzbachtals. Maßgeblichen Anteil am Gelingen dieses Projekts hatte Irmtrauds Bruder Anton. Als Angestellter der Unteren Naturschutzbehörde konnte er wichtige Verbindungen zu Naturschützerinnen und Naturschützern sowie staatlichen Stellen herstellen. Gemeinsam mit den Ortsgruppen von BUND Naturschutz und dem Landesbund für Vogelschutz (LBV) wurden große Teile des Bachtals ab der Quelle in seinen ursprünglichen Zustand zurückgeführt. Dazu wurde der drei Jahrzehnte zuvor angelegte Fichtenwald weitflächig gerodet und Moor- und Feuchtwiesen wieder hergestellt. Der Erfolg ist spektakulär: Hatte der Fichtenbestand das Kainzbachwasser über Jahre hinweg versauert, fließt es jetzt wieder in Trinkqualität. Elritzen, Bachforellen, Schmerlen und Mühlkoppen sind in den Bach zurückgekehrt. In den Feuchtwiesen und Moorflächen fanden sich schnell wieder echte Vogelraritäten wie Schlagschwirl und Waldwasserläufer ein. Auf den angrenzenden Flächen lassen Neuntöter und Baumpieper von sich hören.

Auf einem kurzen Spaziergang Mitte April führt Irmtraud Schwarz durchs Moorgebiet. Sie weist auf Bachfeldsalat und die hocharomatische Bachkresse hin. Im gerade anbrechenden Frühjahr spitzen echter Sonnentau und Ackerschachtelhalm durch das Moos. „Der Artenreichtum ist durch diese ersten Maßnahmen erstaunlich schnell wieder zurückgekehrt,“ berichtet die Tännesbergerin. „Der LBV hat hier Flächen angekauft oder dauerhaft angepachtet, um den langfristigen Erhalt zu sichern.“ Zum anschließenden Folgeprojekt, gehören die Weideflächen auf denen Irmtrauds Rotvieh-Herde steht. Hier hatten sich der LBV und weitere Träger die Aufgabe gestellt, in einem modellhaften Vorhaben die Ziele des Naturschutzes mit dem Aufbau alternativer Nutzungssysteme in der Landwirtschaft und dem Erhalt einer vom Aussterben bedrohten Nutztierrasse zu verknüpfen. Der Slow Food Arche-Passagier Rotes Höhenvieh war die vor dem zweiten Weltkrieg dominierende Nutzrindrasse in der Oberpfalz, erfolgreiche Zuchtarbeit wurde über Jahrhunderte im Kloster Waldsassen geleistet. Das Höhenvieh gilt als eine der ursprünglichsten Rinderrassen überhaupt. Es wurde nach dem 30-jährigen Krieg in den deutschen Mittelgebirgen bis nach Böhmen hinein als Dreinutzungsrind gehalten und ist in Europa seit dem Altertum als Keltenvieh bekannt. Mit zunehmender Industrialisierung verschwand es von den Weiden und wurde meist durch Fleckvieh ersetzt.

Rote Schönheiten

Mit dem Wiederaufbau von drei Herden in extensiver Weidehaltung verfolgen die Tännesberger nun die Offenhaltung des Grünlands rund ums Kainzbachtal. Gleichzeitig wird der Aufbau einer nachhaltigen Fleischwirtschaft gefördert. Die hohe Fleischqualität und feine Faserung gelten als Markenzeichen der Rasse. Wer die freilaufenden Tiere der Familie Schwarz im Kainzbachtal besucht, kann sich an der ausgesprochenen Lebhaftigkeit, Neugier und Schönheit von Mutterkühen, Kälbern und Ochsen freuen. Alois Schwarz weist auf eine Besonderheit bei der Herdenführung in seinem Betrieb hin: „Wenn wir schlachten, dann wird das Tier nicht in der Schlachterei getötet, sondern hier auf der Weide im Unterstand. Dies ist zwar teurer, weil der Schlachter eine spezielle Ausbildung und Genehmigung benötigt, für das Tier ist dies aber Angst ersparend und schonender.“

Alois Schwarz selbst ist im Hauptberuf Metzger. Er lässt das Fleisch im Kühlraum seines Cousins besonders lange abhängen. Mindestens zwei bis drei Wochen, in denen auch kein weiteres Tier im Raum hängen darf. Die Ware wird dann über einen Newsletter und eine eigene Website direkt an Kunden vertrieben. Die Nachfrage ist groß. „Im Prinzip ist das Tier bereits vor dem Schlachten vollständig verkauft,“ erklärt Schwarz. Zu den besonderen Spezialitäten in Bio-Qualität gehört eine würzige Rinderedelsalami und Hobelfleisch im Edelschimmel, die von einer Metzgerei im nahen Nabburg hergestellt wird. Aus eigener Herstellung stammen geräuchertes Rindfleisch und Leberwurst. So kann Naturschutz Teil der Speisekarte sein!

Hintergrund:

Im Jahr 2009 schlossen sich der Landesbund für Vogelschutz in Bayern, der BUND Naturschutz in Bayern , der Naturpark Nördlicher Oberpfälzer Wald und die Wildland-Stiftung Bayern zu einer Trägergemeinschaft zusammen. In Zusammenarbeit mit dem Markt Tännesberg initiierten sie das „Leuchtturmprojekt Biodiversität Tännesberg“. Gemeinsam wurde ein Biotopverbundsystem geschaffen. Das Projekt wurde von 2009 bis 2012 mit Mitteln der Bayerischen Staatsregierung im Rahmen der bayerischen Biodiversitätsstrategie gefördert. 2013 übernahm der Bayerische Naturschutzfonds die Finanzierung.

Text: Von Katharina Heuberger

Bilder: © Katharina Heuberger