Europäische Agrarpolitik: Drei Fragen an Marta Messa

4.7.2018 – Marta Messa leitet das Slow-Food-Büro in Brüssel und war als Referentin beim Treffen der Slow Food Youth Akademie (SFYA) zum Thema Europäische Agarpolitik dabei. Elia Carceller, Koordinatorin der SFYA bei Slow Food Deutschland, sprach mit ihr über die negativen Auswirkungen der aktuellen Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik, über notwendige Änderungen im Sinne der Slow-Food-Philosophie und die Möglichkeiten der Zivilgesellschaft, auf die Politik Einfluss zu nehmen.
aktuelles-aktuelles_2018-marta-messa-288x288.jpg

Was sind aus deiner Sicht die drei größten Schwierigkeiten an der Europäischen Agrarpolitik in ihrer aktuellen Form?

Marta Messa: Erstens begünstigt die Gemeinsame Agrarpolitik der EU in ihrer aktuellen Form nicht den Wandel hin zu einem Lebensmittelsystem, welches zukunftsfähig ist. Ganz im Gegenteil, wir halten weiter fest an einer industriellen Agrarpolitik, welche längst überholt und gescheitert ist. Die Fakten sprechen für sich: Alleine zwischen 2003 und 2013 haben über vier Millionen landwirtschaftliche Betriebe oder besser gesagt, jeder vierte, in der EU dichtgemacht. Die landwirtschaftliche Nutzfläche aber ist annähernd dieselbe geblieben ist.

Es ist schlichtweg zu einer zunehmenden Konzentration und dem Anwachsen einzelner Betriebe gekommen. Die durchschnittliche Fläche eines Landwirtschaftsbetriebs wuchs in dieser Zeit um 38 Prozent, von 11,7 auf 16,1 Hektar. Dadurch haben rund 30 Prozent der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft ihren Job verloren. Die GAP verstärkt diese Tendenz, indem rund 70 Prozent ihrer Subventionen auf nur 20 Prozent der Betriebe und Höfe in der EU fallen.

"Slow-Food-Studie bestätigt schädliche Wirkung der GAP"

Eine Studie, die Slow Food 2017 durchgeführt hat, sowie Besuche auf Höfen über die letzten Jahre unterstreichen das Fehlmanagement der GAP. Die Förderung ist alles andere als auf die Bedürfnisse klein- und mittelständischer Betriebe ausgerichtet. Denn diese bräuchten eine ganz andere Art der Unterstützung. Hinzu kommt, dass viele von ihnen aufgrund des bürokratische Aufwands nicht einmal Förderungen aus Entwicklungsfonds der EU beantragen. Es mangelt ihnen an Vertrauen ins System sowie in eine monetäre Unterstützung, die sie nicht bräuchten, hätten sie in einem fairen Wettbewerb die Chance, ausreichendes Einkommen zu erwirtschaften.

Zugleich bezweifeln sie, dass die Fördermittel die effektive Hilfe sind, ihren Betrieb weiterzuentwickeln und fortzubestehen. Im Rahmen unserer Umfrage gaben klein- und mittelständische Landwirte außerdem an, dass die GAP ihre Vorschriften und Kontrollen effektiver und fairer auslegen sollten und zwar angepasst an das rechte Verhältnis zu Betriebsgröße und realen Gegebenheiten. Die Kluft zwischen den politischen Entscheidungsträgern und ihrer Basis wächst. Nicht zuletzt, weil die Menschen, die uns ernähren, sich im derzeitigem System verständlicherweise nicht ausreichend wertgeschätzt fühlen.

"Ziele der GAP beruhen auf Situation der 60er-Jahre"

Zweitens basiert die heutige GAP auf einer Narrativen der 60er-Jahre. Die politischen Entscheidungsträger verkennen, dass wir inzwischen in 2018 angekommen sind. Als die GAP 1962 das erste Mal in Kraft trat lag ihr Ziel darin, allen Bürgern der Europäischen Union Zugang zu Lebensmitteln zu sichern, zu erschwinglichen Preisen und in ausreichender Menge. Im industrialisierten Lebensmittelsystem sahen sie dafür die Lösung. Und in der Tat, dieses Systems brachte ausreichend große Mengen an Produkten hervor, sogar zunehmend mehr, als Bedarf bestand. Zugleich aber stiegen dessen ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Kosten.

Die bisherige Lebensmittelproduktion noch weiter anzuheizen und zu steigern, rechtfertigen Politik und Wirtschaft damit, dass die Weltbevölkerung bis 2050 auf neun Millionen Menschen anwächst und diese gelte es zu ernähren und zwar mithilfe des industriellen Systems. Das ist ein Trugschluss und täuscht über den wahren Umstand hinweg, dass wir um einen Wandel nicht umhinkommen. Ein weiter wie bisher ist nicht die Antwort. Rund ein Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel werden verschwendet und landen auf dem Müll. Die Lösung besteht also ganz bestimmt nicht darin, noch mehr Lebensmittel zu produzieren – selbst bei einer wachsenden Bevölkerungszahl. Was es braucht, sind der freie Zugang zu sowie die faire Verteilung von Ressourcen wie Land, Wasser, Saatgut und Lebensmittelerzeugnissen.

Außerdem werden wir dem erklärten UN-Ziel für Nachhaltige Entwicklung, die Lebensmittelerzeugung im globalen Süden zu stärken, weiterhin nicht gerecht. Aggressive Exportstrategien mit Dumpingpreisen erreichen exakt das Gegenteil. Denn unsere EU-subventionierten Produkte sind billiger als die Erzeugnisse von Produzenten vor Ort. Wir zerstören die Existenzen zahlreicher Erzeuger und behindern die Entwicklung lokaler Versorgungsketten. Unsere Produkte beeinflussen einheimische Ernährungsweisen und –gewohnheiten negativ.

"Wir brauchen eine europäische Ernährungspolitik!"

Drittens müsste die GAP deutlich breiter angelegt sein. Wenn wir eine zukunftsfähige Erzeugung von Lebensmitteln umsetzen wollen, müssen wir an mehr Ressorts als an Landwirtschaft denken. Unser Ernährungssystem ist schon jetzt viel mehr Einflüssen, Ressorts und Akteuren ausgesetzt, die oftmals divergierende Ziele und Interessen verfolgen. Dieses Nebeneinander führt zu widersprüchlichen Ergebnissen etwa zwischen Umwelt-, Gesundheitspolitik und Landwirtschaftspolitik und ist für eine ganzheitliche Ernährungspolitik kontraproduktiv. Eine langfristig angelegte und von den verschiedenen Ressorts mitgetragenen europäische Ernährungspolitik ist längst überfällig.

In welche Richtung muss die GAP-Reform gehen und was kann realistischerweise erreicht werden?

Die GAP-Reform muss ein Lebensmittelsystem entwickeln, welches auf den Prinzipien agrarökologischer Landwirtschaft basiert. Öffentliche Gelder dürften nur noch in die Wertschöpfung von Nahrungsmitteln fließen, die dem Allgemeinwohl dient und weder an Mensch und Tier noch an der Umwelt Schaden anrichtet oder zur Lebensmittelverschwendung beiträgt. Betriebe, die zukunftsfähig wirtschaften und so in das Wohl ihrer Region investieren, müssen unterstützt werden. Die Anzahl an Hektar darf nicht der Schlüssel für Subventionen sein, wie es aktuell der Fall ist: Das spielt nur den landwirtschaftlichen Großbetrieben in die Hände und führt zu immer mehr Intensivierung. Klein- und Mittelständler bleiben auf der Strecke. Ziel einer europäischen Agrarpolitik sollten die faire Bewirtschaftung sowie Verwaltung von Land sein. Auch die angemessene Vergütung von Arbeitskraft und die Förderung von Nachwuchskräften sollte oben auf der Agenda stehen. Klein- und mittelständischen Betrieben gebührt die notwendige finanzielle und technische Unterstützung bei der Umstellung auf ökologische Landwirtschaft. Außerdem dürfen wir die Randgebiete nicht aus den Augen verlieren.

Ich denke, dass wir sehr viel erreichen können, um eine Ernährungspolitik auf den Weg zu bringen und dabei sind, dies zu tun und zwar gemeinsam: In den vergangenen Jahren haben sich zahlreiche Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft dafür zusammengefunden. Es haben sich etwa Ernährungsräte und Food Councils gegründet, um über Ernährung wieder in den Regionen mitzuentscheiden. Sie zeigen, wie es gehen kann. Es braucht nur noch politischen Willen.

Wie kann die Zivilgesellschaft am effektivsten Einfluss auf die Entscheider in Brüssel nehmen?

In dem sie weiterhin ihre Stimme erhebt – für den Wandel von der Agrar- hin zur Ernährungspolitik. Das gelingt umso besser, wenn wir als Zivilgesellschaft an einem Strang ziehen. Nur so können wir effektiv Druck auf die Entscheidungsträger in Brüssel ausüben. Deshalb haben wir gemeinsam mit anderen Organisationen den europäischen Aktionstag „Good food – Good Farming“ Ende Oktober 2018 ins Leben gerufen. In verschiedenen europäischen Städten finden an diesem Wochenende Aktionen statt. Politische Entscheidungsträger werden mit Vertretern aus Zivilgesellschaft und Landwirtschaft zusammenkommen und über die notwendigen Reformen in der Agrarpolitik diskutieren.

Wir haben uns bewusst dafür entschieden, nicht nur mit Aktionen in Brüssel präsent zu sein, sondern die nationalen Regierungen zu adressieren. Denn diese haben ihre Vertreter in Brüssel, geben dort ihre Stimme ab und setzen die GAP letztlich auf bundes- und regionaler Ebene um. Deswegen ist es wichtig, auf nationaler Ebene mit ihnen im Dialog zu bleiben – das hat Strahlkraft auf Europa. Alle Menschen in Europa sind eingeladen, sich am Aktionstag zu engagieren. Wir freuen uns über jeden, der dabei ist.

Marta Messa

Marta Messa ist Leiterin des Brüsseler Büros von Slow Food International und arbeitet dort als Slow-Food-Lobbyistin. Ihr Ziel ist es, klein- und mittelständische Produzenten und Ko-Produzenten in direkten Kontakt und Austausch mit den politischen Entscheidungsträgern der Europäischen Union zu bringen.

© Slow Food Archiv

Mehr Informationen:

Nachbericht Slow Food Youth Akademie: "Essen ist politisch" (4.7.2018)

Slow Thema: Europäische Agrar- und Ernährungspolitik

Fisch: 3 Fragen an Barbara Geertsema-Rodenburg (20.6.2018)

Gerechter Welthandel: 3 Fragen an Tobias Reichert von Germanwatch (24.5.2018)

Saatgut: 3 Fragen an Stig Tanzmann (25.4.2018)

Freihandelsabkommen: 4 Fragen an Martin Häusling (MEP) (14.3.2018)