Slow Food Youth Akademie: "Essen ist politisch!"

4.7.2018 – „Essen ist politisch“ – dieser Überzeugung sind auch die Changemaker der Slow Food Youth Akademie, die sich an ihrem dritten Wochenende bei der Evangelischen Landjugendakademie in Altenkirchen trafen. Ziel des Wochenendes war es, bei den jungen Frauen und Männern ein tiefer gehendes Verständnis für die politische Dimension von Landwirtschaft und Lebensmittelherstellung zu entwickeln, für die darin involvierten Akteure, deren Verantwortlichkeiten und Entscheidungsprozesse.
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Unser aktuelles Ernährungssystem wurde vor Jahrzehnten von einer europäischen Agrarpolitik mitgestaltet, welche sich nicht nur die Produktion von Lebensmitteln zu erschwinglichen Preisen, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft auf dem globalisierten Lebensmittelmarkt zum Ziel setzte. Diese Art der Lebensmittelerzeugung stößt inzwischen an seine Grenzen, das zeigen unter anderem die Milchkrise, die Landwirte dazu zwang ihre Höfe zu schließen, die verheerenden Auswirkungen des Exports von Lebensmitteln, welche lokale Märkte im globalen Süden zerstört, der Klimawandel, die Wasserverschmutzung sowie weitere Umweltschäden, welche unsere Zukunft und die der nächsten Generation gefährdet. Es ist überfällig, Agrarpolitik als Ernährungspolitik auf Bundes- und EU-Ebene zu denken und neu zu gestalten – daran möchten auch die jungen Erwachsenen der Akademie mitwirken.

Bild oben: Mitbringbuffet am Freitagabend

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In der Region etwas bewegen

Ihr Wochenende startete mit Peter Zens vom Getrudenhof in Hürth. Zens ist Sprecher des Ernährungsrats Köln und Umgebung und konnte den Teilnehmenden aufzeigen, was sie als Verbraucher in ihrer Region alles bewegen und erreichen können, sobald sie sich gemeinsam organisieren. Der Ernährungsrat Köln zählt zu den Vorreitern für diese Organisationsform in Deutschland, arbeitet inzwischen erfolgreich mit der Stadt Köln zusammen und ist Vermittler zwischen verschiedenen Interessensgruppen im Bereich Ernährung. Er hat dafür gesorgt, das Thema Ernährung auf die Agenda des Kommunalwahlkampfs zu setzen. Kandidaten verschiedener Parteien versuchten Lebensmittel und die adäquate Versorgung mit ihnen für sich zu besetzen und das Thema bekam breite Aufmerksamkeit.

Bild oben: Peter Zens vom Getrudenhof in Hürth

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Die gemeinsame Europäische Agrarpolitik

Am Samstag trafen die Teilnehmenden zunächst auf Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Er nahm sie von der regionalen auf die europäische Ebene mit und sprach über die Notwendigkeit einer gemeinsamen, klug ausgestalteten EU-Agrarpolitik. Das weckte bei den Teilnehmenden aufgrund der Debatte um die nächste GAP-Reform regen Diskussionsbedarf. Zu den Anforderungen der AbL für diese Reform wies Janßen auf die gemeinsame Stellungnahme der breiten Verbände-Plattform aus Umwelt- und Naturschutz, Landwirtschaft, Entwicklungspolitik und Tierschutz, darunter auch Slow Food, hin. Ziel sei nicht ein moderates Nachjustieren, sondern die grundlegende Reform der EU-Agrarpolitik. Die GAP solle den gesellschaftlichen und fachrechtlichen Anforderungen an die Lebensmittelerzeugung nachkommen, ökonomische Perspektiven bieten und dabei zugleich ökologische Grenzen respektieren und wahren.

Bild oben: Georg Janßen von der AbL erklärt die Notwendigkeit einer Agrarpolitik.

Geschichte der Esskultur

Um sich nach dem Vormittag zu stärken, kochten die Akademieteilnehmer mit Lebensmitteln, die sie von verschiedenen Initiativen gegen Lebensmittelverschwendung wie zum Beispiel Food Sharing mitgebracht hatten und nun zu einem köstlichen Mittagsimbiss verwerteten.

Nach dem Essen nahm Markus Schreckhaas, Anthropologe für Esskultur am Institut für Information, Medien, Sprache und Kultur der Universität Regensburg, die Teilnehmenden mit auf eine Reise durch die Geschichte der Esskultur und des Konsumverhaltens der Menschen. Auf besonderes Interesse stieß bei vielen Teilnehmenden die Zeit, in der Essen in all seinen Dimensionen nicht nur politischer wurde, sondern auch zum Statussymbol erwuchs. Aus Sicht von Schreckhaas ist es notwendig, die heute etablierte Esskultur und ihre Geschichte zu kennen und zu verstehen, um von hieraus eine echte Veränderung zu gestalten und die Menschen dabei mitzunehmen und den notwendigen Wandel verargumentieren zu können. Er debattierte mit den jungen Frauen und Männern zu Fragen wie: Warum essen wir das, was wir essen? Was wirkt alles auf die Entscheidung ein, was, wie, wann und wo wir essen – Wetter, Medien, die Zyklen der Konjunktur bis hin zu Kategorien wie die Religion?

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Slow Food in Brüssel

Marta Messa, Leiterin des Brüsseler Büros von Slow Food International, knüpfte an die EU und ihre Gemeinsame Agrarpolitik an und berichtete von ihrer Arbeit als Slow Food Lobbyistin in Brüssel. Sie hob die Notwendigkeit hervor, klein- und mittelständische Produzenten und Ko-Produzenten in direkten Kontakt und Austausch mit den politischen Entscheidungsträgern der EU zu bringen, damit unterschiedliche Bedürfnisse und Anforderungen vermittelt und diskutiert werden können und ein Konsens gefunden wird. Diesem Ziel geht Messa mit ihrem Team in Brüssel nach. Messa stellte die Position von Slow Food zur nächsten GAP-Reform vor. Gefordert wird der Wandel von einer Agrar- zu einer Ernährungspolitik, in der alle Ressorts, die direkt oder indirekt Einfluss auf die Landwirtschaft und das Lebensmittelsystem nehmen, an einem Strang ziehen. Messa hielt klar fest: Die Zukunft von Ernährung und Landwirtschaft in Europa liegt nicht zuletzt darin begründet, ob und wie wir es schaffen, Biodiversität zu bewahren, besser gestern als heute.

Bild oben: Marta Messa, Leiterin des Brüsseler Büros von Slow Food International 

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Positionen der deutschen Politik

Anschließend diskutierten Politiker verschiedener Parteien über die Zukunft der Europäischen Agrarpolitik. Claudia Leibrock, Expertin für Agrarpolitik und Vorsitzende des Forums für internationale Agrarpolitik e. V., moderierte die Gesprächsrunde. Als Mitdiskutierende waren dabei: Hanno von Raußendorf von Die Linke NRW, Ophelia Nick von Bündnis 90 Die Grünen und Rainer Spiering, Sprecher der SPD im Ausschuss für Landwirtschaft und Ernährung. Sie stellten die jeweilige Position ihrer Parteien kurz vor, bevor es in einen regen Austausch ging. Bei der Frage, ob Direktzahlungen nach Betriebsgröße gestaffelt werden sollen, waren sich SPD und Grüne einig: Kleinbäuerliche Betriebe müssten mehr profitieren. Raußendorf von Die Linke plädierte dafür, das Prinzip „öffentliches Geld für öffentliche Leistungen“ verstärkt zu berücksichtigen. Alle drei Parteien bekräftigten die zweite Säule der GAP und damit das Ziel, mehr in die Entwicklung des ländlichen Raumes zu investieren. Diskutiert wurden auch das Greening sowie weitere Möglichkeiten, die Biodiversität in den Agrarlandschaften zu schützen.

Bild oben: (v.l.n.r.): Hanno von Raußendorf von DIE LINKE NRW, Claudia Leibrock, Expertin für Agrarpolitik und Vorsitzende des Forums für internationale Agrarpolitik e. V., Dr. Ophelia Nick von BÜNDNIS 90 DIE GRÜNEN und Rainer Spiering, Sprecher der SPD im Ausschuss für Landwirtschaft und Ernährung.

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Kreative Kampagnen für die Agrarwende

Zum Abschluss des Wochenendes begrüßte der Nachwuchs Jutta Sündermann von Aktion Agrar, ein Verein, der mit kreativen Kampagnen Bewegung in die Agrarwende bringen möchte und an diesem Wochenende zu einem spannenden Workshop über Kampagnengestaltung und Umsetzung einlud. Sundermann griff erfolgreiche Beispiele für Themen wie Lebensmittelverschwendung sowie die „Wir haben es satt Demo!“ auf und motivierte die Akademieteilnehmenden ihre Ideen künftig sowohl inhaltlich als auch kommunikativ und visuell zu gestalten.

All der Input und die Diskussionen aus dem Wochenende unterstrichen: Jede einzelne Entscheidung, die wir rund um unser Essen treffen, ist politisch. Wenn wir qualitativ hochwertige Produkte, die gut, sauber und fair produziert sind, kaufen und genießen, verstärken wir die Nachfrage nach genau solchen Produkten und setzen damit auch ein politisches Signal. Konsumieren wir stattdessen vereinfachte, standardisierte und industriell hergestellte Produkte, tragen wir die Mitverantwortung für die externalisierten Kosten, welche die Gesellschaft, unsere Tiere und die Ökosysteme zu tragen haben. Sie sind auf unserem Kassenbon nicht abgebildet. Gestaltet man seine Alltagsgewohnheiten bewusst(er), so führt dies nicht nur zu einem besseren sozialen Miteinander in unserer Gesellschaft, sondern auch zu mehr Schutz und einem achtsamen Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten.

Bild oben: Jutta Sundermann von Aktion Agrar beim Kampagnenworkshop

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Diskussion über die GAP-Reform am Samstagabend in der Gruppe

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Backworkshop mit TeilnehmerInnen der SFYA 2017

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Fallstudienbearbeitung im Grünen

Alle Bilder: © Slow Food Archiv

Mehr Informationen:

Slow Food Youth Akademie

Erfahrungsberichte 2018

Erfahrungsberichte 2017

Die Teilnehmer 2017 stellen sich vor

Europäische Agrarpolitik: 3 Fragen an Marta Messa