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Saatgut: 3 Fragen an Stig Tanzmann zur Macht der Konzerne im Saatgutmarkt

25.4.2018 – Die zunehmende Patentierung von Saatgut durch Konzerne ist eine Herausforderung für Landwirte weltweit. Slow Food fordert deshalb von der Politik, Saatgut wieder in Gemeingut zu überführen und die Landwirtschaft auf Agrarökologie umzustellen. Über dieses Thema sprach Slow Food Deutschland mit Stig Tanzmann, Referent für Landwirtschaft bei Brot für die Welt.

Slow Food Deutschland: Agrarkonzerne verfügen über immer größere Teile des Saatgutmarkts und bringen Erzeuger durch Privatisierung und Patentierung von Hybridsaatgut in Abhängigkeit von ihren Produkten. Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung zum Beispiel auf die Arbeit von lokalen Gemeinschaften und Erzeugern im globalen Süden?

Stig Tanzmann: Weltweit wirkt sich diese Entwicklung dramatisch aus, weil immer mehr Saatgut und Wissen über Saatgut verloren geht. Wenn man es nicht schafft, das eigene Saatgut zu bewahren oder Strukturen zu schaffen, um dies zu tun, hat die Konzernmacht im Bereich Saatgut häufig zur Folge, dass Abhängigkeit entstehen. Der Weg zur Saatgutfreiheit ist nicht mehr möglich, weil man an die Konzerne gebunden ist und mit dem Konzernsaatgut arbeiten muss.

Die Konzernmacht kann sich auch darin ausdrücken, dass sie indirekt die Aussaat bestimmt. Dies gilt insbesondere in Ländern, in denen der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen (GVO) weit verbreitet ist. Will man die Kontamination des eigenen Saatgutes verhindern, muss man sich danach richten, wann die Nachbarn ihre GVOs aussähen. Selbst wenn man also anders arbeiten kann und möchte, ist man immer noch vom Konzern abhängig. Auch die Ernährungssouveränität, die Existenzsicherung nachhaltig arbeitender Erzeuger und die Wahlfreiheit beim Essen wird durch die Konzernmacht eingeschränkt.

Dass die Saatgutvielfalt und der Erhalt traditioneller Sorten gefährdet ist, zeigt ein Beispiel aus Brasilien: Bei einem Festival zum Thema traditionellem Mais gab es eine unglaubliche Vielfalt an traditionellen Maissorten. Problematisch dabei ist nur, dass diese in einer Umgebung existiert, die von einer unglaublichen Konzentration des Anbaus von gentechnisch verändertem Mais zeugt. Die Hauptproduktion in dieser Region erfolgt durch GVOs, und das heißt, Erzeuger, die ihren eigenen traditionellen GVO-freien Mais erhalten wollen, müssen genau wissen, wann der Nachbar ausgesät hat, damit die eigene Ernte nicht kontaminiert wird. Dies stellt Erzeuger, die mit ihrem eigenen Saatgut arbeiten wollen, vor eine hohe züchterische und planerische Herausforderung und bedroht ihre Existenz durch Verunreinigung der Produkte.

Ein weiteres großes Problem im Hinblick auf Konzernsaatgut ist auch die unglaubliche Eskalation des Pestizideinsatzes, weil man nur noch mit Monokulturen arbeitet und auf den Einsatz verschiedenster Chemiekeulen zur Schädlingsbekämpfung setzt.

Das ist vor allem für Landwirte, die auf Agrarökologie und Vielfalt umstellen wollen, eine große Gefahr, weil in vielen Ländern auch wieder 2,4-D als Spritzmittel oder Mittelzusatz eingesetzt wird und Pflanzen per Gentechnik resistent gegen 2,4-D gemacht werden. 2,4-D ist flüchtig, das bedeutet es kann über mehrere Hundert Meter wandern und dann wieder einen Schaden herbeiführen. Das heißt zum Beispiel für Menschen, die ich in Süd-Brasilien besucht habe und die eigentlich wieder in den Weinanbau einsteigen wollen, dass sie gefährdet sind, von heute auf morgen ihren kompletten Weinbestand zu verlieren, wenn der Nachbar 2,4-D spritzt und der Wind ungünstig steht. Der Versuch sich zu schützen ist mit viel Aufwand und Ressourcen verbunden, was zeigt, dass es immer schwieriger wird, sich außerhalb des industriellen Systems zu bewegen.

Welchen Tipp würden Sie Verbrauchern und Erzeugern hierzulande geben, um sich gegen diese Machtkonzentration und Saatgut-Abhängigkeit von Konzernen zu wehren?

Man sollte sich bewusst machen, dass in jedem von uns ein Landwirt oder ein Gärtner steckt. Und jeder sollte wirklich mal wieder versuchen, selbst mit Saatgut zu arbeiten und Saatgut zu vermehren, um überhaupt mal den Produktionszyklus unserer Lebensmittel zu verstehen. Das muss gar nicht kompliziert sein und man kann es mit einfachen Kulturpflanzen probieren, die einem schmecken. Wenn man Salat mag, kann man zum Beispiel Rucola anbauen, ihn aufblühen lassen, das Saatgut ernten und dann wieder aussäen. Sogar auf kleinem Raum kann man so auch mehrere Produktionszyklen von Rucola im Jahr durchmachen. Durch Beobachten merkt man auch, was für eine schöne Bienenweide die Fläche ist, und man kann selbst erleben, wie die Blüte von den Pflanzen aussieht, die man isst.

Außerdem lege ich Verbrauchern ans Herz, wieder verstärkt in die Debatte um unsere Lebensmittel einzutreten, wie wir sie zum Beispiel beim Wein schon haben. Hier fragt man sich, aus welcher Traube oder welchem Traubengemisch der Wein hergestellt ist, und so sollte man dies auch bei anderen Kulturpflanzen tun. Wieso steht denn die Sorten- und Züchtungsbeschreibung bei Karotten im Supermarkt oder Laden zum Beispiel nicht dabei? Hier nachzufragen wäre ein erster Schritt, damit auch Erzeugerinnen und Erzeugern klar wird, dass auch sie sich verstärkt mit der Frage beschäftigen müssen, wo sie ihr Saatgut hernehmen, vor allem im ökologischen Landbau.

Was müsste politisch geschehen? Welche politischen Forderungen würden Sie an die Bundesregierung richten, was das Thema Saatgut betrifft?

Aus meiner Sicht muss die Politik endlich eingestehen, dass es nicht die deutschen Interessen sind, die sie zur Zeit in den internationalen Gremien vertritt, sondern die Interessen von Konzernen wie Bayer-Monsanto oder nationalen und internationalen Züchtern. Gerade Bayer-Monsanto und das starke Wachsen von BASF als Nebeneffekt zeigen, dass es transnationale Konzerne sind, die mit deutschen Interessen nichts zu tun haben und da muss man ganz klar eine Re-Orientierung machen und sich fragen, was die Interessen der deutschen Bevölkerung sind.

Zusätzlich hat der deutsche Staat natürlich auch noch andere Aufgaben, z. B. im Bereich der Entwicklungspolitik, zu erfüllen. Auch aus dieser Perspektive sollte die eigene Politik dringend überdacht werden. Die zentrale Aufgabe der Politik wäre es deshalb, Wege zu finden, diese Interessen wahrzunehmen, staatlich unabhängig von den Interessen der Industrie zu bleiben und Saatgut global wieder in das Gemeinwohl zu überführen. Da gibt es viele Prozesse, die sehr frustrierend sind, weil Deutschland häufig sehr rückwärts gewandt agiert, als würden wir uns in den 80er-Jahren befinden und eben auch positive Ansätze blockiert, die von der Basis aus Entwicklungsländern kommen. Jenseits der Saatgutfrage wäre es außerdem wünschenswert, dass Deutschland die ganzen Entwicklungen zum Thema Agrarökologie, die jetzt von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) kommen, unterstützt und als neuen Leitfaden aufnimmt.


Stig Tanzmann

Stig Tanzmann arbeitet seit 2010 bei Brot für die Welt. Als Referent für Landwirtschaft befasst er sich mit der Wirkung unterschiedlicher Agrarpolitiken auf Bäuerinnen und Bauern. Im Fokus steht hier vornehmlich die Südwirkung von Agrarpolitiken der Staaten des globalen Nordens. Weitere wichtige Themen die er bearbeitet sind Agrarökologie, Bioökonomie, Gentechnik, globale Auswirkungen der Fleischproduktion, Einfluss der Privatwirtschaft und philanthropischer Stiftungen auf die Entwicklungszusammenarbeit und internationale Saatgut- sowie Biodiversitätsfragen. Stig Tanzmann ist Agrarwissenschaftler und gelernter Landwirt. Anfang April modererierte Tanzmann auf dem Markt des guten Geschmacks – die Slow Food Messe 2018 in Stuttgart eine Podiumsdiskussion zum Thema „Saat für Vielfalt“.

Foto oben: © Brot für die Welt


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