Bernward Geier
Es hilft der betrübten Seele, wenn sich die Trauer um den Tod eines Menschen auch mit tiefer Dankbarkeit verbindet. Ich durfte Carlo schon sehr früh kennenlernen, d. h. zu einer Zeit, als die Schnecke sich gerade so langsam über die Alpen Richtung Deutschland bewegte. Für mich war die Entdeckung von Carlo mit seiner Vision und Tatkraft für eine bewusste und vor allem auch ökologische Esskultur die Öffnung eines neuen Horizontes. Damit bekam ich auch eine neue Mission - nämlich der Brückenschlag zwischen der ökologischen Agrarkultur bzw. dem Biolandbau und der bewussten Esskultur im Zeichen der Schnecke.
In den Anfängen unserer Begegnungen vernahm ich bei Carlo noch viel Skepsis zu Bio und dies vor allem, weil Bio seinen sensorischen Slow Food Qualitätsansprüchen nicht immer gerecht wurde. Da war er noch geprägt und etwas zu lange voreingenommen, weil es im Bio-Weinbau in den frühen Jahren zwar in den Weinbergen prima lief, aber der Umgang beim Ausbau der Biotrauben im Weinkeller noch gelernt werden musste. Ganz viele Gemeinsamkeiten gab es aber von Anfang an im Kontext der Biodiversität und für mich als „barocken Genussmensch“ hat „natürlich“ die Qualität unserer Lebensmittel auch eine hohe Priorität. Nicht nur geehrt, sondern hoch motiviert durfte ich bei der Entwicklung der Slow Food Universität in Polenzo sowie dem „wahnsinnig“ ambitionierten Terra Madre Projekt mitwirken.
Als Direktor des Dachverbands für biologischen Landbau IFOAM - Organics International hatte ich viele Möglichkeiten, den gerade erwähnten Brückenschlag auch konkret umzusetzen. Dies auch mehrmals, indem ich Carlo und Slow Food große Bühnen bereitstellen konnte, um mit der Slow Food Idee und gerade auch den Qualitätsansprüchen, die Biobewegung im positiven Sinne herauszufordern. So vermittelte ich unter anderem einen Auftritt als Redner der großen Eröffnungsfeier der Weltleitmesse BioFach, die er übrigens in fast akzentfreiem Deutsch mit "Ich bin ein Biobauer" beendete. Ein klares Bekenntnis, das sich hoffentlich auch immer mehr in die Philosophie und das Bewusstsein unserer Slow Food Bewegung eingräbt, denn Bio-Aversion kommt nach wie vor immer mal wieder zum Vorschein. Unvergessen bleibt Carlo als brillanter Keynote Speaker bei unserer großen internationalen Bio-Handelskonferenz in den 90er Jahren in Florenz, wo er uns wohlmeinend die Leviten las und wie so oft standing ovation bekam. Auch auf dem Weltkongress bzw. der Generalversammlung 2008 unserer Biobewegung in Modena war er im Rampenlicht.
Wie so viele Menschen auf der ganzen Welt war auch ich vom Charisma von Carlo fasziniert. Dazu kam seine ansteckende Lebensfreude und sein Humor. Schon sehr früh schätzte ich sein großes Talent immer wieder junge Menschen für unsere Bewegung zu begeistern und einzubinden. Sein Besuch und sein Vortrag auf unserem Biohof im Bergischen Land im Rahmen unserer Jahresmitgliedsversammlung in Bonn, für den ich ihm zu Ehre eine regionale kleine Variante von "Terra Madre" auf die Beine stellte, bleibt in unserem Herzen.
Die Dankbarkeit für die Inspiration und das segensreiche Wirken von Carlo werden mich sicher noch für den ja auch nicht mehr so langen Rest meines Lebenswegs begleiten, denn Carlos Inspirationen erlöschten nicht mit seinem Tod, sondern die sind ganz im Sinne der Schnecke nachhaltig.
Grazie Mille Carlo!