Ernährungsstrategie: ein Wind des Wandels?

07.02.2023 - Im aktuellen Slow Food Magazin äußert sich die Vorsitzende von Slow Food Deutschland, Nina Wolff, zu den Eckpunkten für eine nationale Ernährungsstrategie, die von der Bundesregierung im Dezember vorgestellt wurden.

Nina Wolff 4 (c) Dirk Vogel.jpgIm Dezember hat die Bundesregierung erste Eckpunkte ihrer künftigen Ernährungsstrategie veröffentlicht. Darin hat sie dargelegt, wie sie die Neuausrichtung hin zu einer gesünderen und gerechteren Ernährung vollbringen will. Ein zentrales Motiv ist, dass jede und jeder die Chance erhalten soll, sich angemessen zu ernähren. Ein weiteres Hauptziel besteht darin, mit einem umfassenden Wandel unserer Ernährung vom Acker bis auf den Teller Nachhaltigkeitsziele und Klimaneutralität zu erreichen. Gut, sauber, fair für alle. Fast könnte es slowfoodiger nicht sein – traut man dem noch druckfrischen Papier.

Viele Jahre hat Slow Food dafür gekämpft und gekocht, einen solchen Wandel in den Köpfen und Töpfen herbeizuführen. Es wurde demonstriert, kritisiert, motiviert, insistiert. Und ganz praktisch gezeigt, dass nichts besser schmeckt als ein Essen, das Genuss und Verantwortung gleichermaßen zur Geltung bringt.

Nun sind einige der klugen Köpfe, in denen die Ernährungswende zum politischen Masterplan gereift ist, an der Macht. Und ein Gelegenheitsfenster öffnet sich. Herein weht das sinnig strukturierte und von vielen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Vorarbeiten inspirierte Konzept für ein besseres Ernährungs-Morgen. Bereits im Sommer dieses Jahres soll ein Strategie-Entwurf mit den gesellschaftlichen Akteur*innen der Ernährungswelt abgestimmt sein. Was bis dahin noch fehlt, sind konkrete, messbare Ziele, verbindliche Maßnahmen und die Beantwortung der keineswegs beiläufigen Frage, wie die Umsetzung dieses Masterplans finanziert werden soll.

Nach langen Jahren des Stillstands soll es nun schnell gehen, für manche sogar zu schnell. Die Zweifel sind zahlreich: Wird die notwendige Reichweite der Strategie erlangt? Gelingt so die verlässliche Verankerung wichtiger Ziele wie eine pflanzlichere Kost, ein Mehr an Bio, eine gute und gesunde Gemeinschaftsverpflegung? Werden Kompetenz und Know-how der relevanten Interessenträger*innen angemessen berücksichtigt?

So wichtig und richtig es ist, auf die Qualität der Reform zu drängen: Die meisten Gelegenheitsfenster schließen sich so schnell, wie sie sich öffnen. Und spätestens ein Jahr vor Ende der Legislatur werden keine großen Sprünge mehr gelingen, heißt es auf Berliner Korridoren. So paradox es erscheint: Im Schneckentempo würden wir die Chance auf ein neues »Slow« in unseren Küchen verfehlen. Deshalb ist es richtig, genau jetzt den ernährungspolitischen Parforceritt zu wagen.

Die Umstände sind herausfordernd: Während ernährungsbedingte Umwelt- und Gesundheitskrisen sich verschärfen, wird auch die soziale Frage bei davongaloppierenden Lebensmittelpreisen immer drängender. Das Papier der Bundesregierung adressiert beides: Es benennt die Notwendigkeit einer deutlich pflanzlicheren Ernährung als zentralen Hebel für das Erreichen globaler Umwelt- und Nachhaltigkeitsziele; es sagt zugleich der Ernährungsarmut den Kampf an. Die Quadratur des Kreises, unken die einen. Andere aber mahnen, das Ruder jetzt endlich umzulegen, bevor Klima- und Biodiversitätskrise einen biologisch und kulturell vielfältigen und selbstbestimmten Genuss von Lebensmitteln unmöglich machen.

Denn da ist, neben dem politischen, ein zweites Gelegenheitsfenster. Es schließt sich gerade noch so langsam, dass wir die Dringlichkeit unterschätzen könnten: Es ist die Gelegenheit eines »Bevor es zu spät ist«, die so viele junge Menschen in unserer Gesellschaft bewegt. So sehr, dass manche durch störrisches Auftreten, Besetzen oder Festkleben anecken und – ja! – mitunter nerven. Aber Tatsache ist: Mit jedem Zehntelgrad mehr, mit jedem Ökosystem, das unter Stress gerät, wird die Rettung unserer natürlichen Vielfalt von Lebensmitteln ein bisschen unwahrscheinlicher. Es ist eine noch immer unbequeme Wahrheit und eine immense Herausforderung für Slow Food: Nicht weniger als das Fortbestehen unserer natürlichen Ernährungssysteme, Garanten einer guten, sauberen und fairen Ernährung, steht auf dem Spiel.

Sind wir, die unter der Flagge von »Genuss und Verantwortung« segeln, bereit? Und brennt uns das so sehr auf der Seele wie die Juli-Sonne des vergangenen Jahres auf unseren Äckern? Denn das sollte es. Es ist Zeit, dem Wandel alle Fenster und Herzen zu öffnen.

Text: Nina Wolff

Quelle: Slow Food Magazin 1/2023. Zu mehr Informationen zum Magazin >> gehts hier.

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