Grenzen überschreiten, in der Gemeinschaft verwurzelt: Der Slow-Food-Weg in einer fragmentierten Welt

02.10.2026 - Slow-Food-Präsident Edward Mukiibi über Terra Madre 2026: Zusammenarbeit über Grenzen, kontinentale Netzwerke und Gastfreundschaft als politische Praxis.

Nach Terra Madre 2026 in Turin zieht Edward Mukiibi Bilanz. Slow Food will Grenzen überwinden statt neue zu ziehen. Dafür sollen kontinentale Netzwerke gestärkt und Biodiversität, Bildung und politische Arbeit konsequent fortgeführt werden. Gastfreundschaft versteht er dabei als politisches Werkzeug.

(c) PaoloProperzi-Archivio SlowFood

Bei der Versammlung in Turin hat die internationale Slow-Food-Bewegung ihre politische Erklärung „Reale Verbindungen für echten Wandel“ verabschiedet. In seinem Beitrag erläutert Präsident Edward Mukiibi, was daraus für die kommenden Jahre folgt. Er stellt sich gegen wachsenden Nationalismus und plädiert für Zusammenarbeit über Kontinente hinweg. Außerdem bestätigt er die drei Säulen der Slow-Food-Strategie.

Wir veröffentlichen den Text in der deutschen Fassung von Slow Food International:

Einer der bedeutendsten Momente der Terra Madre ereignete sich noch bevor die erste Debatte begann. Das Bild, das mir am tiefsten im Gedächtnis bleiben wird, ist der Einzug der Delegationen bei der Eröffnungszeremonie. Die Länder wurden einzeln aufgerufen, um die Geschichte, Identität und den Beitrag jedes Netzwerks zur Bewegung zu würdigen. Doch alle Delegationen zogen unter der Slow Food Flagge ein und nicht unter ihren nationalen Bannern.


Diese Entscheidung war eindeutig politisch und wurde nach intensiven Diskussionen und Beratungen innerhalb der Slow Food Führung getroffen. Damit wurde die Vielfalt der Bewegung anerkannt und gleichzeitig ein zentraler Gedanke aus der Politischen Erklärung der Teilnehmer*innenversammlung zum Ausdruck gebracht: Die großen Herausforderungen unserer Zukunft lassen sich nicht mehr innerhalb nationaler Grenzen bewältigen. Gerade in einer Zeit, in der viele Gesellschaften eine zunehmende Polarisierung, das Erstarken ausgrenzender Narrative und einen Rückzug in immer engere Definitionen von Identität und Zugehörigkeit erleben, ist diese Perspektive besonders aktuell. Slow Food schlägt einen anderen Weg vor und ist überzeugt, dass kulturelle Vielfalt, menschliche Mobilität und der Austausch zwischen Gemeinschaften grundlegende Ressourcen sind, um widerstandsfähige Gesellschaften und Lebensmittelsysteme zu schaffen.

Slow Food stellt sich gegen den wachsenden Nationalismus. Grenzen können für die Verwaltung sinnvoll sein, dürfen jedoch niemals zu Barrieren zwischen Menschen und Werkzeugen der Ausgrenzung werden. Das Konzept der Nation ist kaum zwei Jahrhunderte alt und sollte eigentlich im kollektiven Interesse aller Völker der Vergangenheit angehören, zumal es im 20. Jahrhundert zu zwei verheerenden Weltkriegen geführt hat. Heute erleben wir jedoch ein gefährliches Wiedererstarken des Nationalismus und Imperialismus, die erneut versuchen, die Kontrolle über natürliche Ressourcen zum Vorteil einiger weniger zu sichern. Ich spreche als Vertreter meines Kontinents Afrika, wo die nationalen Grenzen von Kolonialmächten ohne Rücksicht auf die historisch von verschiedenen Völkern und Gemeinschaften bewohnten Gebiete gezogen wurden. Diese Grenzen ignorierten oft kulturelle, sprachliche und soziale Realitäten, die über Jahrhunderte bestanden hatten, und ihre Folgen prägen das Leben von Millionen Menschen bis heute.

Der Klimawandel, der Verlust der Biodiversität, Ernährungssicherheit, wachsende Ungleichheiten und erzwungene Migration sind miteinander verbundene Phänomene, die nicht an den Grenzen einzelner Länder haltmachen und Gemeinschaften in ganz unterschiedlichen Regionen betreffen. Während der Gespräche in Turin kamen die Teilnehmer*innen immer wieder auf die Notwendigkeit zurück, neue Formen der Zusammenarbeit zu schaffen, die Menschen und Gemeinschaften über politische und geografische Grenzen hinweg verbinden können.

Terra Madre Turin 2026 (c) Slow Food Archiv

Vielfalt, Mobilität und die Politik der Verbindung

Die politische Erklärung Reale Verbindungen für echten Wandel bekräftigt dieses Prinzip klar. Esskulturen sind das Ergebnis jahrhundertelanger Begegnungen, Wanderungen und Austausch. Die Bewegung lehnt daher die Vorstellung ab, Vielfalt sei eine Bedrohung, und erkennt sie stattdessen als Quelle von Wissen, Innovation und gesellschaftlicher Resilienz an. Dies gilt sowohl für biologische, kulturelle und Erfahrungsvielfalt, die in unserem weltweiten Netzwerk zusammenkommen.
Diese Prinzipien beeinflussen auch die Organisation von Slow Food. Eine der wichtigsten Entwicklungen, die auf der Versammlung diskutiert wurden, ist der Ausbau der makroregionalen Zusammenarbeit. Die Bewegung setzt zunehmend darauf, ihre internationale Struktur durch stärkere Kontinental- und Regionalnetzwerke zu ergänzen – in dem Bewusstsein, dass viele heutige Herausforderungen große geografische Räume gleichermaßen betreffen.

Kontinentale Netzwerke aufbauen

Das regionale Treffen der Amerikas war dafür ein konkretes Beispiel: Anstatt die Diskussionen in separate regionale Blöcke (Nordamerika, Lateinamerika, Zentralamerika und Karibik) zu gliedern, kamen die Gemeinschaften des Kontinents in einem gemeinsamen Dialog- und strategischen Planungsraum zusammen – einem Raum, in dem sprachliche Unterschiede kein Hindernis für Zusammenarbeit und Austausch sind. Ziel ist weit mehr als die Organisation einzelner Veranstaltungen: Terra Madre Americas in Sacramento ist mehr als nur ein Event. Es soll zum Zentrum eines kontinentalen Netzwerks werden, das dauerhaft lokale Gemeinschaften stärkt und zum Entwickeln gemeinsamer politischer Strategien beiträgt. Wenn auch Länder wie Brasilien und Kanada sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben, sieht Slow Food die Amerikas als Raum für Vernetzung und Kooperation über nationale Perspektiven hinaus. Dieselbe Logik liegt auch den anderen großen kontinentalen Slow Food Veranstaltungen zugrunde: Terra Madre Asien und Pazifik auf den Philippinen und Terra Madre Europa in Brüssel.

Diese Logik spiegelt sich ebenso im Wandel der Strukturen unseres Netzwerks wider. Die Zusammensetzung des Internationalen Vorstands zeigt immer deutlicher die Vielfalt unseres globalen Netzwerks und verstärkt ein Modell der Repräsentation, das auf großen Weltregionen und nicht auf einzelnen nationalen Perspektiven beruht. Dies trägt dazu bei, die Verbindungen zwischen Gemeinschaften zu stärken, die in unterschiedlichen Kontexten agieren, aber häufig vor ähnlichen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen stehen.

Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella bei der Eröffnung von Terra Madre mit Slow Food Präsidenten Edward Mukiibi (c) Paolo Properzi.jpeg

Vom Prinzip zur Praxis: Biodiversität, Bildung und politisches Engagement

Gleichzeitig geht die Arbeit von Slow Food weiter: Die Teilnehmer*innen bestätigten die Strategie, die die Bewegung in den vergangenen Jahren geleitet hat – die Verteidigung der Biodiversität, die Ausweitung von Bildungsarbeit und Bewusstseinsbildung sowie die Stärkung der politischen Interessenvertretung. Das sind die drei zentralen Säulen, mit denen Slow Food seine politische Vision in konkrete Maßnahmen umsetzen möchte.
Im Verlauf der Versammlung erneuerten Delegierte aus den Bereichen Landwirtschaft, Fischerei, Küche, indigene Völker und lokale Gemeinschaften ihr Engagement für die Idee, dass gut, sauber und fair erzeugte Lebensmittel ein grundlegendes Menschenrecht sind und nicht als Privileg betrachtet werden dürfen. Damit dieses Recht auf Nahrung Realität wird, ist es entscheidend zu verstehen, dass es von unserer Fähigkeit abhängt, die politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Kräfte zu hinterfragen, die den Klimawandel antreiben, Konflikte schüren und den Verlust biologischer Vielfalt beschleunigen.

Gastfreundschaft als politische Praxis

Die Diskussionen in Turin haben gezeigt, dass die zentrale Aufgabe in den kommenden Jahren nicht darin besteht, neue Prioritäten zu definieren, sondern darin, die Fähigkeit der Bewegung zu stärken, über Grenzen hinweg zu arbeiten, unterschiedliche Erfahrungen zu verbinden und stabile Allianzen zu bilden – dank des einzigartigen Charakters unserer Bewegung, die das Thema Ernährung ins Zentrum stellt und einen Aspekt nicht außer Acht lassen darf, der unsere Erfolgsgeschichte von Anfang an prägt: die Gastfreundschaft.
Gastfreundschaft ist kein nebensächlicher Aspekt unserer Bewegung – sie ist eines unserer wichtigsten politischen Werkzeuge. Jede gemeinsame Mahlzeit, jeder Bauernmarkt, jeder Schul- oder Gemeinschaftsgarten und jeder gemeinsame Festtag schafft Beziehungen, die soziale Kohäsion und demokratische Teilhabe stärken. Freude ist kein oberflächliches Gefühl, sondern eine Form des Widerstands gegen Isolation und Spaltung.

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