Keynote von Prof. Dr. Hubert Weiger bei der Verleihung des Ursula Hudson Preises 2026
"Rettet die Welt durch die Rettung der Umwelt"
Einführung: Hoffnung statt Resignation
Liebe Tanja Busse, lieber Dr. Ebner, liebe Nominierte für den Ursula Hudson Preis 2026, sehr geehrte Damen und Herren,
ich bedanke mich herzlich für die freundliche Einladung und für die Möglichkeit eine kurze Keynote anlässlich der Verleihung des Ursula Hudson Preises sprechen zu dürfen. Ich freue mich deshalb besonders, weil sowohl Slow Food als erfolgreiche Basisbewegung für ein verantwortungsvolles Leben und Wirtschaften mit dem zentralen Einsatz für eine zukunftsfähige Ernährung und für ein genussvolles Essen wie auch die heute für den Preis Nominierten bewiesen haben und beweisen: die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen ist nicht unser Schicksal. Es gibt gangbare, positive Alternativen dazu – wenn wir wollen und bereit sind auch persönlich zu handeln.
Die Krisen unserer Zeit sind menschengemacht
Wir müssen also nicht die globalen Krisen unserer Zeit, d.h. die Klima- und die Biodiversitätskrisen als unabänderlich hinnehmen, sondern wir müssen sie hier und heute bekämpfen. Denn diese Krisen sind menschenverursacht. Sie sind das Ergebnis der Emission von Kohlenstoffen (THG), vor allem durch zivilisatorische Verbrennungsprozesse, in die Atmosphäre. Innerhalb von drei Generationen haben wir so viel Kohlenstoff emittiert, wie durch biologische Prozesse in 100 Millionen Jahren zuvor aus der Atmosphäre herausgenommen und fixiert wurde. Die Biodiversitätskrise wiederum ist die Folge der weltweiten Zerstörung von Lebensräumen, der Übernutzung der Ressourcen und der Aufdüngung mit künstlich erzeugtem Stickstoff (N).
Warum der Boden im Zentrum stehen muss
Und weil diese Krisen menschenverursacht sind, haben wir auch realistische Chancen sie zu lösen. Das setzt aber voraus, dass wir endlich anerkennen, dass auch wir Menschen Teil der Erde sind, von ihr leben und sie deshalb nur nachhaltig nutzen dürfen. Und diese Bewusstseinsänderung beginnt mit der Landbewirtschaftung als Agrarkultur. Die Agrarkultur, d.h. die dauerhafte Nutzung der Böden als belebtester Lebensraum unserer Erde muss damit im Zentrum unseres Denkens stehen. Damit bekommt die bäuerliche Landwirtschaft einen neuen Stellenwert, denn in ihrem System steht der Boden im Mittelpunkt – nach dem Motto: „Gesunder Boden – gesunde Pflanze – gesundes Tier – gesunder Mensch“!
Der Verlust bäuerlicher Strukturen
Ohne bäuerliche Landwirtschaft als Agrarstruktur und ohne nachhaltige Landnutzung wird es deshalb keine Zukunft auf unserem Planeten geben. Das ist keine These, das ist eine Tatsache – und das ist auch die zentrale Erkenntnis des Weltagrarberichts von 2008. Doch was wir seit Jahrzehnten erleben, ist das genaue Gegenteil: der dramatische Rückgang bäuerlicher Strukturen. Nicht, weil Bäuerinnen und Bauern nicht mehr auf ihren Höfen bleiben wollen. Nicht, weil die nächste Generation nicht bereit wäre, Verantwortung zu übernehmen. Sondern weil wir eine Agrarpolitik betreiben, die längst keine Politik für bäuerliche Betriebe mehr ist. Sondern eine Politik für die billige, industrielle Produktion von Nahrungsmitteln oder Rohstoffen – möglichst kostengünstig, möglichst preiswert, möglichst ohne Rücksicht auf die Folgen.
Die Folgen: Umweltzerstörung und Verlust von Vielfalt
Die Konsequenzen sind verheerend: Monokulturen, ausgelaugte Böden, das Sterben der Insekten, das Verschwinden alter Sorten, das Ausbluten ländlicher Regionen. Und am Ende: Lebensmittel, die zwar billig sind, aber teuer bezahlt werden – mit unserer Gesundheit, mit der Zerstörung unserer Umwelt, mit dem Verlust von Genuss und Vielfalt und mit der Abhängigkeit von fossiler Energie, sei es für Maschinen, sei es für Dünger.
Ein anderes Verständnis von Landwirtschaft
Die weltweit dafür verantwortliche Politik, sowohl im kommunistischen wie im kapitalistischen System hat den historischen Fehler begangen, industrielle Produktionsstrukturen auf die Landwirtschaft zu übertragen und damit auf den Bereich, der nicht nur unsere Lebensmittel produziert, sondern auch unsere Lebensgrundlagen sichert und der geprägt ist vom Umgang mit Leben. Leben, das geachtet, gepflegt und erhalten werden muss. Ein Tier ist etwas anderes als eine Maschine. Es ist ein Individuum, es hat Respekt verdient, es hat artgerechte Tierhaltung verdient. Auch eine Pflanze ist etwas anderes als eine Maschine. Sie ist etwas, von dem wir leben, auch weil sie Sauerstoff produziert, den wir alle einatmen, weil sie die Nährstoffe produziert, die wir und auch die Nutztiere als Nahrung zu uns nehmen. Das sind Mitgeschöpfe, die andere Pflanzen zum Leben benötigen und keine Dinge, die beliebig reproduzierbar sind und die nur gesund durch ihre Mitwelt bleiben, d.h. das zentrale, übergeordnete Prinzip in der Natur ist die Kooperation und nicht die Konkurrenz.
Warum wir unser Konsumdenken verändern müssen
Wir müssen deshalb das Leitbild unserer gesamten Gesellschaft „möglichst billig, möglichst einheitlich, möglichst zu jeder Jahreszeit alles, was diese Welt produziert“ verändern. Wir müssen erkennen, dass diese Art des Wirtschaftens nur scheinbar erfolgreich ist. Scheinbar, weil wir immer weniger unseres Gesamteinkommens für Nahrungsmittel ausgeben müssen und wir uns trotz aller Krisen dieser Welt keine Sorgen um unsere Nahrung machen müssen, denn unsere Regale sind immer voll.
Ein System mit versteckten Kosten
Scheinbar erfolgreich, denn die negativen Folgen dieses Wirtschaftens sehen wir nur, wenn wir genau hinschauen. Durch den großen Einsatz von hunderttausenden von Bäuerinnen und Bauern erbringen diese in Deutschland einen Produktionswert von ca. 77 Milliarden an volkswirtschaftlicher Gesamtproduktion. Diesen stehen jedoch volkswirtschaftliche Folgeschäden gegenüber, die nach der ZKL aber bei 90 Milliarden liegen, d.h. die externen Kosten der Produktion wie Klimaschäden, Umweltsanierung, Gesundheitsfolgen und Biodiversitätsverlust übersteigen die Wertschöpfung der Branche deutlich. Und das Jahr für Jahr! Wir sind deshalb als Gesellschaft aufgerufen, endlich umzudenken und umzuhandeln! Denn diese Wertschöpfung erfolgt häufig auch zu Lasten der in der Landwirtschaft Beschäftigten und der Tiere – und führt dazu, dass immer mehr Betriebe aufgeben.
Es gibt Alternativen: Initiativen, die Hoffnung machen
Und was gibt da Hoffnung?
Es gibt einen anderen Weg! Es gibt Menschen, die beweisen, dass Landwirtschaft anders geht. Dass sie nicht nur Nahrung produziert, sondern auch Kultur, Gemeinschaft und Zukunft bedeutet. Dass sie nicht nur den Magen füllt, sondern auch die Seele. Dass sie nicht nur den Boden bewirtschaftet, sondern ihn heilt.
Vielfalt bewahren: Alte Sorten und regionale Wertschöpfung
Nachhaltige, bäuerliche Landwirtschaft ist die Grundlage für eine genussvolle Ernährung aller Menschen. Nur wenn wir die Vielfalt der Natur bewahren, können wir die Vielfalt auf unseren Tellern erleben. Nur wenn wir den Boden schonen, können wir Lebensmittel ernten, die wirklich schmecken. Und nur wenn die Menschen, die unsere Lebensmittel produzieren, fair bezahlt werden, können wir mit gutem Gewissen genießen. Denn Genuss ist mehr als Geschmack. Genuss ist auch das Wissen, dass das, was wir essen, nicht auf Kosten anderer geht. Dass es nicht die Umwelt zerstört, nicht die Gesundheit derer, die es anbauen, nicht die Zukunft unserer Kinder.
Saatgut und Wissen als gemeinsames Erbe
Und es gibt sie, die Initiativen, die zeigen, wie das geht. Die beweisen, dass eine andere Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung möglich ist. Das sind zum Beispiel diejenigen, die alte Kulturpflanzen wie Leindotter und Hülsenfrüchte wiederentdecken. Die mit ihrem Engagement die Artenvielfalt stärken und beweisen, dass regionale Wertschöpfung und Genusskultur Hand in Hand gehen können – und dass eine lebendige Kulturlandschaft nicht nur der Natur, sondern auch den Menschen gut tut. (Indirekter Bezug zur Bliesgau Ölmühle) Und dass uns das Alles auch unabhängig macht von Ölimporten aus Russland, aus dem Iran, den Arabischen Staaten oder den USA.
Oder diejenigen, die sich der Erhaltung alter Sorten verschrieben haben. Denn Vielfalt ist kein Luxus, sondern ein Erbe, das wir bewahren müssen – für uns und für die folgenden Generationen. Und deswegen ist die Agrogentechnik ein Frontalangriff auf das Leben, ist ein Frontalangriff auf die bäuerliche Selbstbestimmung. (Indirekter Bezug zum Verein zum Erhalt und zur Rekultivierung von Nutzpflanzen (VERN e.V.))
Landwirtschaft als sozialer Raum
Wir brauchen sie, die Vorreiter, die durch ihr Engagement dafür sorgen, dass sich nachhaltiges Denken und Wirtschaften in der Gesellschaft verankert. Denn es ist ein Skandal, dass diejenigen, die die Lebensmittel produzieren, davon einen immer geringeren Anteil haben. Weil die Wertschöpfung außerhalb stattfindet und nicht mehr in der Landwirtschaft und im nachgelagerten Bereich im ländlichen Raum selbst. Man hat sie mit der Politik zum bloßen Rohstofflieferanten degradiert.
Wir brauchen sie, die Initiativen, die zeigen, dass ein Hof mehr ist als ein Betrieb, der nur der Maxime „Wachse oder Weiche“ folgt – er ist ein Ort des Lernens, des Teilens, des Zusammenlebens. Nachhaltige Ernährung kann gemeinwohlorientiert gelebt werden. Und nachhaltige Ernährung bedeutet auch soziale Ungerechtigkeiten abzubauen. Die Ausgrenzung von Bevölkerungsgruppen (z.B. Frauen oder BIPoCs (Black, Indigenous and People of Colour)), die verhindert, dass alle gleichberechtigt an ländlichen Räumen und Wissen teilhaben können, muss bekämpft werden.
Wir müssen die strukturellen Barrieren abbauen, die ihnen den Zugang zu Land, Fördermitteln, Netzwerken und traditionellem Wissen erschweren oder verwehren. (Indirekter Bezug zum Hof Sackern und der Rabelades Farm)
Neue Ernährungskultur: Genuss und Verantwortung verbinden
Diese Initiativen sind keine Einzelfälle. Sie sind Vorboten einer neuen Ernährungskultur. Eine Kultur, die Genuss und Verantwortung verbindet. Die weiß, dass gutes Essen nur auf gesunder Erde wächst. Die versteht, dass Fairness nicht nur ein Wort, sondern eine Haltung ist. Die zeigt, dass wir alle Teil der Lösung sein können – als Konsumentinnen und Konsumenten, als Produzentinnen und Produzenten, als Bürgerinnen und Bürger.
Die Rolle des Ursula Hudson Preises
Der Ursula Hudson Preis, der solche Engagierten auszeichnet, steht genau für diese Werte: für eine Ernährungswende, die fair, nachhaltig und zukunftsfähig ist. Für die Überzeugung, dass Essen uns verbindet – mit der Natur, mit den Menschen, die es erzeugen, und mit uns selbst. Dass es dazu sowohl die Produzenten braucht wie lokale und regionale Verarbeiter und zukunftsfähige Vermarkter von den kleinen bis zu den großen Gaststätten.
Was jede*r Einzelne tun kann
Jede und jeder von uns kann mitmachen. Indem wir bewusst einkaufen. Indem wir regionale, saisonale, faire Produkte wählen. Indem wir uns fragen: Wer hat dieses Lebensmittel produziert? Unter welchen Bedingungen? Indem wir diejenigen unterstützen, die den Mut haben, anders zu wirtschaften. Indem wir selbst zu Botschafterinnen und Botschaftern einer neuen Ernährungskultur werden.
Schluss: Die Entscheidung liegt bei uns
Denn am Ende geht es nicht nur um Lebensmittel. Es geht um die Frage: Wie wollen wir leben? In einer Welt, die ausbeutet und zerstört? Oder in einer Welt, die nährt und bewahrt? Und nutzen wir die Chance der Demokratie, das auch durch Änderung der politischen Rahmensetzung im Kleinen wie im Großen von unten durchzusetzen!
Die Antwort liegt auf unserem Teller. Und in unserer Hand.
Vielen Dank.
Prof. Hubert Weiger, Gründungsmitglied und Ehrenvorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND). Er war bis 2024 Honorarprofessor an der Universität Kassel für Naturschutz und nachhaltige Landnutzung und bis 2022 Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung. Diese Keynote sprach er anlässlich der Verleihung des Ursula Hudson Preises 2026 am 10. April 2026 in Stuttgart.