Klimamigration: Das Recht zu bleiben – Terra Madre 2026

10.09.2026 - Terra Madre 2026: Bäuer*innen und indigene Gemeinschaften zeigen, wie Klimakrise, Landrechte und Ernährung zusammenhängen – und was Bleiben ermöglicht. Bei Terra Madre 2026 untersuchen Bäuer*innen, indigene Führungspersönlichkeiten und ländliche Gemeinschaften aus aller Welt, wie Klimaschocks, Landdruck und schwache ländliche Ökonomien Menschen zum Weggehen zwingen – und was nötig ist, um Bedingungen zu schaffen, die ein Bleiben ermöglichen.

Warum ist klimabedingte Migration mehr als eine Klimafrage?

Für Slow Food lässt sich klimabedingte Migration nicht allein mit steigenden Temperaturen erklären. Dürren, Überschwemmungen und Extremwetter sind Teil des Problems – ebenso entscheidend sind aber Landbesitz, Zugang zu Wasser, Agrarpolitik, öffentliche Investitionen und die Frage, ob ländlichen Regionen überhaupt eine Zukunft eingeräumt wird. Die Klimakrise verschärft bestehende Ungleichheiten und macht es für Millionen Menschen zunehmend schwerer, an ihrem Wohnort ihre Existenzgrundlage zu sichern. Migration wird jedoch meist erst thematisiert, wenn Menschen bereits aufgebrochen sind – die Ursachen, die das Bleiben zuvor unmöglich gemacht haben, finden deutlich weniger Beachtung.

Bei Terra Madre Salone del Gusto 2026 bringt Slow Food Bäuer*innen, Indigene, Lebensmittelerzeuger*innen, Forschende und politische Entscheidungsträger*innen aus aller Welt zusammen. Sie zeigen, wie die Klimakrise bestehende Ungleichheiten verstärkt – und wie Gemeinschaften Wege finden, zu bleiben, zu gedeihen und ihre Zukunft zu schützen.

© Claudia Saglietti  .jpgWas sagt Slow Food zum Recht auf Bleiben?

„Das Recht auf Migration ist grundlegend – aber das Recht zu bleiben und sich vor Ort eine würdige Zukunft aufzubauen, verdient genauso viel Aufmerksamkeit. Klimabedingte Migration ist nicht nur Bewegung, sondern auch die Folge von Bedingungen, die das Bleiben unmöglich machen. Niemand verlässt leichtfertig sein Zuhause, seine Gemeinschaft oder sein Land. Menschen werden zur Flucht gezwungen, wenn ihre Lebensgrundlagen wegbrechen, Ressourcen knapp werden und ländlichen Regionen Investitionen und Chancen fehlen", sagt Marta Messa, Generalsekretärin von Slow Food. „Wenn wir Klimamigration ernsthaft angehen wollen, müssen wir die Ungerechtigkeiten an ihrer Wurzel bekämpfen: ungleicher Zugang zu Land und Wasser, fragile Ernährungssysteme und die Vernachlässigung ländlicher Gebiete. Wir müssen die unterstützen, die gehen müssen – und ebenso dafür sorgen, dass diejenigen, die bleiben wollen, Rechte, Schutz und Möglichkeiten dazu haben."

Bei Terra Madre teilen Delegierte ihre eigenen Erfahrungen aus ganz unterschiedlichen Situationen und Herausforderungen.

Amazonas: Wie verteidigen Gemeinschaften Biodiversität und Landrechte?

Maria do Socorro Almeida Nascimento arbeitet mit lokalen Gemeinschaften im brasilianischen Amazonasgebiet. Ihr Engagement gilt dem Erhalt der biologischen Vielfalt, den kulinarischen Traditionen und der Ernährungssouveränität – und zeigt, wie eng der Schutz von Ökosystemen mit Lebensgrundlagen, kultureller Identität und Landrechten verknüpft ist. In einer Zeit, in der großflächige Landnutzungsänderungen das Amazonasgebiet weiter umgestalten, macht ihre Arbeit deutlich, wie lokale Gemeinschaften Biodiversität bewahren und sich damit zugleich die Grundlage zum Bleiben sichern.

Ihre Geschichte steht beispielhaft für Herausforderungen, denen sich ländliche Regionen weltweit stellen müssen: Vom Amazonas bis zum Horn von Afrika müssen Menschen mit einem veränderten Klima, schwindender biologischer Vielfalt und wachsender wirtschaftlicher Unsicherheit zurechtkommen. Dabei bauen sie auf dasselbe Fundament: lokales Wissen, starke Netzwerke, vielfältige landwirtschaftliche Systeme und die Fähigkeit, Ressourcen selbstbestimmt zu nutzen.

Kenia: Was zeigt Lake Baringo über schleichende Vertreibung?

In Kenia bringt Francis Muia, Koordinator des Slow Food Farms Accelerator in Afrika, die Perspektive der Gemeinschaften rund um den Lake Baringo ein, wo steigende Wasserstände Landschaft und Lebensrealität der Menschen verändert haben. Einst ein Zentrum für Fischerei, Viehzucht, Landwirtschaft und Tourismus, sind dort Häuser, Schulen, Straßen und Weideflächen vom wachsenden See verschlungen worden. Familien mussten ihr angestammtes Land verlassen – manche sogar mehrfach.

Für Muia zeigt Lake Baringo, dass klimabedingte Vertreibung selten mit einem einzigen einschneidenden Ereignis beginnt. Sie verläuft oft schleichend: Verdienstquellen brechen weg, der Zugang zu Land wird unsicher, und Gemeinschaften verlieren nach und nach die Basis, die ihnen das Bleiben ermöglichte. Seine Geschichte widerlegt die Vorstellung, Klimamigration sei ein Problem der Zukunft. In vielen Teilen Afrikas ist sie längst Realität – sie betrifft Ernährungssicherheit, Bildung, Arbeitsplätze und die Perspektiven ganzer Generationen.

Was untersucht das CERERE-Projekt im Mittelmeerraum?

Weltweit nimmt der Wettbewerb um fruchtbares Land, Wasser und andere natürliche Ressourcen zu. Damit werden Fragen von Eigentum, Governance und Gerechtigkeit für die Diskussion um Vertreibung und Mobilität immer wichtiger.

Fortgesetzt wird diese Debatte im Rahmen des Projekts CERERE (Cereals Resiliency Revolution for Agile Supply Chain Management in the Mediterranean), gefördert vom europäischen PRIMA-Programm, und auf dessen Fachkonferenz während Terra Madre. Das Projekt untersucht, wie demografischer Wandel, Jugendabwanderung und Veränderungen in der Landwirtschaft den ländlichen Raum im Mittelmeerraum, Nahen Osten und Nordafrika neu prägen.

In vielen Regionen wenden sich junge Menschen von der Landwirtschaft ab. Das lässt das Durchschnittsalter auf dem Land steigen und gefährdet die Weitergabe von Erfahrung und Wissen, das lokale Ernährungssysteme über Generationen getragen hat. Forschende, Bäuer*innen und politische Entscheidungsträger*innen, die am CERERE-Austausch teilnehmen, untersuchen, wie ländliche Räume wieder zu Orten werden, an denen junge Menschen bleiben, etwas aufbauen und ihren Lebensunterhalt sichern wollen.

Was fordert Slow Food von der Politik?

Diese Beispiele zeigen zweierlei: die tiefen Ungerechtigkeiten, die heutigen Ernährungssystemen innewohnen, und die außergewöhnliche Fähigkeit von Gemeinschaften, ihr Recht zu bleiben zu verteidigen. Die Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaften darf jedoch keine Ausrede für politisches Nichtstun sein. Die vor Ort entstandenen Lösungen zeigen nicht nur, was unterstützt werden muss, sondern auch, was sich grundlegend ändern muss: Politiken, Investitionen und Machtstrukturen, die gerechten Zugang zu Land, Wasser und Lebensgrundlagen verwehren. Damit Menschen dort bleiben können, wo sie leben wollen, reicht Anpassung allein nicht aus – es braucht eine grundlegende Transformation der Systeme, die Vertreibung immer wahrscheinlicher machen.

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