Nahrung ist ein Menschenrecht für alle
»Echte zwischenmenschliche Beziehungen sind der stärkste Motor für systemischen Wandel.«
Nahrung ist ein Menschenrecht
Nahrung ist ein Menschenrecht. Das stellen die Vereinten Nationen unmissverständlich klar: »Das Recht auf angemessene Ernährung ist verwirklicht, wenn jeder Mann, jede Frau und jedes Kind, allein oder in Gemeinschaft mit anderen, jederzeit physischen und wirtschaftlichen Zugang zu angemessener Nahrung oder den Mitteln zu deren Beschaffung hat.« Dies müsse sich in quantitativ und qualitativ angemessener und ausreichender Nahrung widerspiegeln, die mit den kulturellen Traditionen der Menschen im Einklang steht. Wenn die Ernährungspolitik dieses grundlegende Menschenrecht ignoriert, untergräbt sie die Würde und das Wohlergehen ganzer Gemeinschaften.
Warum Überfluss nicht gleich Zugang zu Nahrung bedeutet
In ganz Europa räumt die Ernährungspolitik der industriellen Landwirtschaft Vorrang ein. Laut Eurostat produzierte die EU im Jahr 2024 258 Millionen Tonnen Getreide, 162 Millionen Tonnen Rohmilch und 21 Millionen Tonnen Schweinefleisch und erzielte damit einen Handelsüberschuss im Agrar- und Lebensmittelbereich von 36 Milliarden Euro. Darüber hinaus werden in der EU jedes Jahr mehr als 58 Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet. Es ist offensichtlich, dass Überfluss nicht gleichbedeutend mit Zugang ist.
Die Schwächen unseres Ernährungssystems
Subventionen begünstigen Monokulturen, lange Lieferketten und standardisierte Rohstoffe statt die biodiversen, in der Gemeinschaft verankerten Systeme zu unterstützen, die das Recht auf angemessene Ernährung gewährleisten. Diese Politik zersplittert die Beziehungen, die Ernährung erst möglich machen, indem sie Landwirte von den Märkten, Köche von lokalen Erzeugern und Bürger von der Herkunft ihrer Lebensmittel trennen.
Werden Lebensmittel lediglich als wirtschaftliche Einheit behandelt, werden ihre kulturellen, ökologischen und sozialen Dimensionen ausgeblendet. Dies zementiert ein Ernährungssystem, das nur auf dem Papier effizient ist, während reale Kosten wie Bodendegradation, Verlust der biologischen Vielfalt und geschwächte ländliche Wirtschaftssysteme systematisch externalisiert werden.
Wer unter der aktuellen Ernährungspolitik leidet
Landwirt*innen, Köch*innen und junge Menschen
Landwirte, die Agrarökologie praktizieren, indem sie Saatgut vervielfältigen, Insekten schützen und Böden regenerieren, haben Mühe, in einem System zu gedeihen, das auf Monokulturen und niedrige Preise ausgelegt ist. Schulköche, die frische, lokale Zutaten servieren wollen, sehen sich mit Vorschriften konfrontiert, die die Kosten über Ernährung, Geschmack und kulturelle Angemessenheit stellen. Junge Menschen, die Fuß in der Landwirtschaft fassen wollen, stoßen auf Hindernisse, etwa beim Zugang zu Land.
Agrarökologie als Schlüssel für eine gerechte Ernährung
Die Folgen sind spürbar. Im Jahr 2024 konnten sich 8,5 Prozent der Europäer nicht jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit leisten. Auch sind die Kosten für Lebensmittel seit 2019 um mehr als 35 Prozent gestiegen.
Die Wahrung des Rechts auf Nahrung erfordert politische Maßnahmen, die die Agrarökologie als Eckpfeiler von Resilienz, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit anerkennen. Europa muss auf eine diversifizierte Landwirtschaft, Bodenregeneration und kurze Lieferketten umlenken. Die öffentliche Beschaffung sollte zu einem transformativen Instrument werden, das Landwirte unterstützt, die Ökosysteme schützt und Küchen fördert, die mit saisonalen, lokalen Lebensmitteln kochen.
Warum Beziehungen der Motor für Veränderung sind
Entscheidend ist dabei, dass Landwirte und Träger traditionellen Wissens, Köche und Bürger – insbesondere auch junge Menschen – diese Politik mitgestalten. Die Agrarökologie wächst durch Netzwerke wie Saatgutbörsen, gemeinsame Mahlzeiten, Bauernmärkte und Gemeinschaftsküchen. Jede Verbindung stärkt die kollektive Fähigkeit, Nahrung als Menschenrecht zu verteidigen.
Essen bringt Menschen zusammen
Slow Food spielt hier eine entscheidende Rolle. Indem wir Landwirte, Köche, Bürger und politische Entscheidungsträger zusammenbringen, fungieren wir als Bindeglied. Wenn Gemeinschaften sich zusammenschließen, schaffen sie den Beweis, dass Veränderung möglich ist. Schulen servieren saisonale Mahlzeiten, aktive Regionen beleben die lokale Wirtschaft und Landwirte stellen die biologische Vielfalt wieder her. Diese Verbindungen offenbaren eine wesentliche Wahrheit: Politische Maßnahmen, die das Recht auf Nahrung respektieren, sind Maßnahmen, die aus Beziehungen entstehen – nicht aus Abstraktionen.
Europäische Bürgerinitiative: Nahrung ist ein Menschenrecht für alle
Slow Food unterstützt darauf aufbauend die Europäische Bürgerinitiative „Nahrung ist ein Menschenrecht für alle“. Diese fordert die EU-Institutionen auf, die Anerkennung des Rechts auf Nahrung in konkrete politische Verpflichtungen umzusetzen, die eine gesunde, faire und nachhaltige Ernährung für alle garantieren.
Mehr Informationen:
www.slowfood.de/good-food-for-all
>>> Gutes Essen für alle: Hat Europa ein Problem beim Zugang zu Lebensmitteln?
Quelle:
Kolumne von Edward Mukiibi, Präsident von Slow Food International, erschienen im Slow Food Magazin 03/2026