Terra Madre 2026: Vielfalt, Gemeinschaft und Politik in Turin
Vom 24. bis 27. September 2026 hat sich die weltweite Slow-Food-Gemeinschaft in Turin getroffen, zum ersten Mal mitten in der Altstadt. Unter dem Motto „Biodiversity – Be Diversity“ ging es um Austausch, Ernährungspolitik und Genuss. Slow Food Deutschland war mit Delegierten, Köch*innen und dem Youth-Netzwerk dabei.
Terra Madre mitten in der Stadt
Alle zwei Jahre wird Turin zum Treffpunkt der weltweiten Slow-Food-Bewegung. 2026 war vieles anders: Zum ersten Mal fand Terra Madre Salone del Gusto auf den Plätzen, Straßen und in den Palazzi der Altstadt statt. Der Markt zog sich über Piazza Castello, Piazza San Carlo und Via Roma, dazwischen liefen Geschmackswerkstätten, Konferenzen und Begegnungen.
Rund 1.500 Delegierte aus über 120 Ländern waren angereist: Erzeuger*innen, Köch*innen, Fischer*innen, Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen und Politiker*innen. Das Motto „Biodiversity – Be Diversity“ meinte dabei mehr als Sortenvielfalt. Es ging auch um kulturelle und soziale Vielfalt und darum, Unterschiede als Stärke zu sehen.


Das deutsche Netzwerk in Turin
Aus Deutschland war eine Gruppe aus Delegierten, Köch*innen und jungen Aktiven nach Turin gereist.
Köch*innen unserer Chef Alliance trafen beim internationalen Treffen der Cook Alliance auf Kolleg*innen aus aller Welt. Dort ging es um die Frage, wie Küchen Erzeuger*innen stärken und Vielfalt auf den Teller bringen können. Anna Struth trug für das Youth-Netzwerk die Fahne von Slow Food Deutschland.
Abseits des Programms kam das deutsche Netzwerk zu einem Get-together zusammen, gemeinsam mit Slow Food Youth International. Gerade diese Abende zeigen, was Terra Madre ausmacht: Aus Begegnungen werden Kontakte, aus Gesprächen gemeinsame Ideen.
Weichen stellen: die erste Versammlung der Teilnehmenden
Parallel zu Terra Madre tagte zum ersten Mal die Versammlung der Teilnehmenden der Slow Food Foundation. Sie ist das wichtigste Gremium der internationalen Bewegung und löst den früheren Internationalen Kongress ab. Rund 800 stimmberechtigte Delegierte aus über 120 Ländern berieten über die Ausrichtung der kommenden Jahre und den internationalen Vorstand. Für Slow Food Deutschland war unser Vorsitzender Dr. Rupert Ebner als Delegierter dabei, unter anderem im Gespräch mit Generalsekretärin Marta Messa und Präsident Edward Mukiibi.
Einen starken inhaltlichen Akzent setzte Sofía Monsalve Suárez, UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Nahrung, mit ihrer Rede bei der Abschlusskonferenz.
Ein besonderer Moment für uns war die Verleihung des Ursula-Hudson-Preises. Er ist nach unserer früheren Vorsitzenden benannt und ging 2026 an das Slow-Food-Netzwerk Kuba, vertreten durch Leydi Casimiro Rodríguez und Amalia Leonor Salazar Ruz.
Grazie Carlo
Es war die erste Terra Madre ohne Carlo Petrini. Der Gründer von Slow Food ist im Mai 2026 verstorben, und die Erinnerung an ihn prägte die vier Tage. Eröffnet wurde Terra Madre von Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella, gemeinsam mit Slow-Food-Präsident Edward Mukiibi und Barbara Nappini, Präsidentin von Slow Food Italien.
Petrinis Satz „Wer Utopie sät, erntet Wirklichkeit“ stand auf der Leinwand und auf T-Shirts. Er beschreibt gut, was Terra Madre bis heute ist: ein Ort, an dem aus einer Idee eine weltweite Gemeinschaft geworden ist.


Eine Weltreise auf dem Teller
Schon der Gang über den Markt war wie eine Weltreise. Alte Obstsorten lagen neben buntem Mais, und an jeder Ecke gab es Käse, Brot und Wein aus aller Welt. In den Geschmackswerkstätten ging es von Teller zu Teller weiter.
In Asien führte die Reise zu wildem Tee aus Taiwan, zur koreanischen Kunst, Hülsenfrüchte zu fermentieren, und zu den Fermentationstraditionen Nagalands im Nordosten Indiens. Am Stand aus Mersin gab es türkischen Tee und den Geschmack Anatoliens, dazu die nomadische Küche Kirgisistans und Honig aus Aserbaidschan.
Aus Afrika kam Sorghum, eines der wichtigsten Getreide der Welt, und die nigerianische Küche erzählte von Herkunft und Identität. Maniok verbindet Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks. In Mexiko, Brasilien und Uganda kümmern sich Hüter*innen um den Kakao, und in Lateinamerika und der Karibik zeigt der Mais tausend Gesichter. Im Busch Westaustraliens geben junge Menschen altes Wissen weiter, und im Pazifik kämpfen indigene Gemeinschaften für ihre Ernährungssouveränität.
Und in Europa: Bergküche, die die Dolomiten mit den Appalachen verbindet, Kastanien und alles, was der Wald auf den Tisch bringt. Ligurien zwischen Land und Meer, Sardinien von Carloforte bis in die Barbagia und einmal rund durch die Toskana. Dazu kamen der katalanische Escabetx, eine alte Kunst des Haltbarmachens, Hülsenfrüchte aus der Türkei und der Schweiz und fermentierte Getränke aus aller Welt.
Hinter jedem Produkt steht ein Mensch mit einer Geschichte. Jede bewahrte Sorte und jedes traditionelle Handwerk ist ein Stück gelebte Biodiversität.





Was wir mitnehmen
Terra Madre hat gezeigt, wie eng Genuss und Politik zusammengehören. Vielfalt auf dem Teller gibt es nur, wenn Menschen Sorten, Rassen und Wissen bewahren, und sie bleibt nur erhalten, wenn wir sie genießen, kaufen und weitergeben. Das gilt in Turin genauso wie bei uns: auf dem Wochenmarkt, in der eigenen Küche und bei den Produkten der Arche des Geschmacks.
Wir kommen zurück mit vielen Gesprächen, neuen Kontakten und jeder Menge Inspiration für unsere Arbeit in Deutschland. Vor allem aber mit dem Gefühl, Teil einer weltweiten Gemeinschaft zu sein, über alle Grenzen und Teller hinweg.
Danke an alle, die dabei waren, und an alle, die Terra Madre möglich gemacht haben.




