Terra-Madre-Eröffnungsrede von Slow-Food-Präsident Edward Mukiibi

24.09.2026 - Bei der Eröffnungszeremonie von Terra Madre Salone del Gusto 2026 begrüßte der Slow-Food-Präsident Edward Mukiibi Delegierte, Vertreter*innen von Institutionen und Gäste aus aller Welt und erinnerte dabei an das Vermächtnis von Carlo Petrini sowie an die Stärke des globalen Terra-Madre-Netzwerks. In einer Rede, die seinen persönlichen Weg nachzeichnete, vom jungen ugandischen Landwirt, der erstmals an Terra Madre teilnahm, bis hin zu seiner heutigen Rolle als Leiter der internationalen Bewegung, rief Mukiibi zu Einheit, Frieden, Ernährungsgerechtigkeit und dem Schutz der biologischen Vielfalt auf. Zugleich bekräftigte er das Engagement von Gemeinschaften weltweit für den Aufbau eines gerechteren und nachhaltigeren Ernährungssystems.

Rede von Edward Mukiibi

ERöffnung Terra Madre - Edward Mukiibi (c) Paolo Properzi Archivio slow food.jpgHerr Präsident der Italienischen Republik, Herr Präsident der Region Piemont, Herr Bürgermeister der Stadt Turin, alle Delegierten von Terra Madre aus 120 Ländern: Willkommen bei Terra Madre 2026.

In dieser Woche sind vier Monate vergangen, seit Carlo von uns gegangen ist, und ich denke oft an das erste Mal zurück, als ich ihm begegnet bin.

Im Jahr 2008 kam ich als Delegierter aus Uganda zu Terra Madre. Ich war ein junger Landwirt, wissbegierig, neugierig auf die Welt und entschlossen, die Biodiversität in meiner Gemeinschaft zu verteidigen.

Wie viele von Ihnen kam ich hierher, ohne zu wissen, dass diese Erfahrung mein Leben verändern würde.

Hier traf ich Menschen aus allen Teilen der Welt, die dieselben Werte und dieselben Herausforderungen teilten. Und hier traf ich Carlo Petrini.

Carlo hatte eine seltene Gabe: Er konnte einem Menschen aus einer kleinen ländlichen Gemeinschaft das Gefühl geben, dass seine Stimme bei der Gestaltung der Zukunft der Welt zählt.

Er hörte zu, bevor er sprach. Er gab den Menschen das Gefühl, gesehen und wahrgenommen zu werden.

Und er lehrte uns, dass jede Gemeinschaft, ganz gleich wie klein oder abgelegen sie ist, über Wissen verfügt, das die Welt nicht verlieren darf.

Heute, da ich als Präsident von Slow Food International vor Ihnen stehe, wird mir erneut bewusst, dass Terra Madre nicht einfach nur eine Veranstaltung ist. Es ist ein Ort, an dem Leben verändert werden, an dem Freundschaften entstehen, an dem Gemeinschaften Kraft finden und an dem gewöhnliche Menschen entdecken, dass sie zu Gestaltern des Wandels werden können.

Mein eigener Lebensweg ist der Beweis dafür.

Und wenn ich mich in diesem Saal umschaue, weiß ich, dass es viele weitere Geschichten wie meine gibt.

Das ist Carlos Vermächtnis.

Kein Gebäude. Keine Institution.

Sondern ein lebendiges Netzwerk von Menschen, die daran glauben, dass ein anderes Ernährungssystem und eine andere Welt möglich sind.

Carlo widmete sein Leben dem Aufbau dieser Vision: einer Welt, in der Nahrung Menschen und den Planeten nährt, in der Biodiversität geschützt wird und in der denjenigen Würde zuteilwird, die unsere Lebensmittel anbauen, fischen, Vieh halten, sammeln und zubereiten.

Einer der kraftvollsten Ausdrucksformen dieser Vision ist Terra Madre.

Ein globales Netzwerk mit tiefen lokalen Wurzeln.

Ein Ort, an dem Vielfalt zur Stärke wird.

Ein Ort, an dem Unterschiede zum Dialog werden.

Ein Ort, an dem Gemeinschaften entdecken, dass sie nicht allein sind.

Deshalb sind wir zusammengekommen.

Nicht nur, um an Konferenzen und Workshops teilzunehmen.

Nicht nur, um Esskulturen zu teilen und Beziehungen aufzubauen.

Wir sind hier, weil die Welt unsere gemeinsame Stimme braucht.

Wir sind hier, um Hunger, Ungerechtigkeit, Nationalismus, Krieg und die Zerstörung der Biodiversität zurückzuweisen.

Wir sind hier, um ein System abzulehnen, das unsere Zukunft zerstört.

Wir sind hier, um eine andere Vision zu bekräftigen.

Eine Vision, die in Gemeinschaften, Solidarität und der Sorge um unseren einzigen Planeten verwurzelt ist.

Und vor allem sind wir hier, weil wir glauben, dass Ernährung eine Kraft der Veränderung sein kann.

Veränderung braucht Vertrauen und Einheit.

Vertrauen in unsere Gemeinschaften.

Einheit über Grenzen hinweg.

Die Überzeugung, dass kleine Handlungen, vervielfacht durch Millionen von Menschen, die Welt verändern können.

Wie Carlo uns oft erinnerte: Wer Utopien sät, wird Wirklichkeit ernten.

Die Zukunft, die wir uns wünschen, wird entstehen, wenn die Menschen die Macht zurückgewinnen, Nahrung zu produzieren, Saatgut zu schützen, Wissen zu teilen und die Biodiversität zu bewahren. Diese Macht gehört den Menschen, nicht den Konzernen.

Ich möchte uns alle dazu aufrufen, mit einer Stimme gegen Krieg, Hunger, die Klimakrise und den Verlust der Biodiversität zu sprechen.

Heute Morgen hatte ich die Ehre, den Präsidenten der Italienischen Republik zu treffen.

Im Namen unseres globalen Netzwerks überreichte ich ihm einen Brief, der die Hoffnungen, Sorgen und Erwartungen von Millionen Menschen trägt, die an gutes, sauberes und faires Essen für alle glauben.

Ich bat ihn, unsere Botschaft über diese Mauern hinauszutragen, denn die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, machen nicht an Landesgrenzen halt.

Die Bewältigung der heutigen Krisen erfordert globale Führung, muss jedoch damit beginnen, den Menschen zuzuhören, die von diesen Herausforderungen direkt betroffen sind.

Herr Präsident, danke, dass Sie heute bei uns sind.

Lassen Sie uns gemeinsam politische Entscheidungsträger überall auf der Welt daran erinnern, dass Frieden, Ernährungsgerechtigkeit und der Schutz der Biodiversität politische Entscheidungen sind.

Die Aufgabe, die vor uns liegt, besteht darin, gemeinsam Menschen zu ernähren, die Biodiversität zu schützen, unseren Planeten zu bewahren und den nachfolgenden Generationen eine bessere Zukunft zu hinterlassen.

Die Welt braucht Gemeinschaften, die mutig genug sind, sich eine andere Zukunft vorzustellen, und entschlossen genug, sie Wirklichkeit werden zu lassen.

Lassen Sie uns während dieser Tage bei Terra Madre unser Vertrauen erneuern.

Lassen Sie uns unsere Einheit stärken.

Lassen Sie uns dieses Treffen bereit zum Handeln verlassen.

Denn die Zukunft unserer Ernährung darf nicht von wenigen entschieden werden.

Sie muss von den Millionen von Menschen in Gemeinschaften überall auf der Welt gestaltet werden, die sich jeden Tag dafür entscheiden, sich um die Erde und umeinander zu kümmern.

Und wenn zukünftige Generationen uns fragen, was wir in diesem Augenblick der Krise getan haben, dann soll unsere Antwort einfach sein:

Wir haben das Leben statt der Gleichgültigkeit gewählt.

Wir haben die Zusammenarbeit statt der Spaltung gewählt.

Wir haben die Biodiversität statt der Uniformität gewählt.

Wir haben den Frieden statt des Konflikts gewählt.

Und gemeinsam haben wir durch Lebensmittel entschieden, die Welt zum Besseren zu verändern.

Carlo hat uns gelehrt, dass eine bessere Welt möglich ist. Er hat seinen Teil dazu beigetragen; nun liegt es an mir und an Ihnen, diese Vision weiterzutragen.

Jetzt sind wir an der Reihe, sie Wirklichkeit werden zu lassen.

Danke für Ihre tägliche Arbeit.

Danke, dass Sie Hoffnung in Ihre Gemeinschaften tragen.

Danke, dass Sie den Geist von Terra Madre lebendig machen.

Genießen Sie Terra Madre.

Feiern Sie die Vielfalt.

Seien Sie Biodiversität.

Für gutes, sauberes und faires Essen für alle.

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