Darum ist Vielfalt wichtiger ist als strikte Vorgaben - Ein Standpunkt von Rupert Ebner
Wir sind eine Graswurzelbewegung und nehmen alle mit
»Vielfalt ist uns wichtiger als strikte Vorgaben von oben.«
Die Anfänge von Slow Food Deutschland
1991 fand im Piemont ein denkwürdiges Treffen statt: Der Slow-Food-Gründer Carlo Petrini und der Verleger sowie Weinhändler Eberhard Spangenberg entwickelten die Idee, die Slow-Food-Bewegung nach Deutschland zu bringen. Spangenberg war sofort begeistert. Im Gegenzug bot Petrini ihm die Rechte an der deutschen Ausgabe des italienischen Restaurantführers »Osterie d’Italia an«.
Bereits ein Jahr später lud Spangenberg zur Gründungsversammlung von Slow Food Deutschland nach Königstein im Taunus ein. Menschen aus ganz Deutschland kamen zusammen, einig in dem Wunsch, eine gute, saubere und faire Esskultur zu fördern. Die Details reiften erst mit der Zeit – und das war gut so. Heute blicken wir auf 35 Jahre einer nicht immer einfachen, aber erfolgreichen Reise zurück. Slow Food Deutschland ist weiterhin als Verein organisiert, seit zwei Jahren wieder gemeinnützig.
Die Rolle der Convivien: Regionale Netzwerke stärken
Das Fundament unserer Arbeit bilden die Convivien: regionale und lokale Gruppen, die sich regelmäßig treffen. Sie verbinden Geselligkeit mit Wissensvermittlung über Produkte, Erzeuger*innen, Köch*innen, Händler*innen und Verbraucher*innen. Diese dezentrale Struktur erlaubt es uns, tief in die regionale Kulinarik einzutauchen und kulinarisches Erbe wiederzuentdecken.
Inzwischen engagieren sich in Deutschland 83 Convivien für genussvolles, nachhaltiges und gemeinschaftliches Essen – immer verbunden mit unserem Leitmotiv »gut, sauber und fair für alle«.
Engagement für nachhaltige Ernährung und Lebensmittelkultur
Slow Food setzt sich für die Pflege der Ess- und Trinkkultur ein, für den Erhalt alter Nutzpflanzen und Tierrassen sowie für Wissen über Lebensmittel und deren Qualität. Als Non-Profit-Organisation stehen wir für verantwortungsvolle Landwirtschaft, traditionelles Lebensmittelhandwerk und gegen die massive Lebensmittelverschwendung.
Allein in Deutschland landen jährlich Millionen Tonnen Essen im Müll. Die industrialisierte Landwirtschaft mit Massentierhaltung und ihren gravierenden ökologischen Folgen steht unseren Zielen diametral entgegen. Wertschätzung für Lebensmittel entsteht durch Wissen über ihre Herkunft, Herstellung und Produzent*innen. Was geschätzt wird, wird seltener weggeworfen.
Lebensmittel retten, Vielfalt bewahren
Wir sind stolz darauf, dass Lebensmittelverschwendung durch unsere Arbeit gesellschaftlich und politisch stärker wahrgenommen wird. Unser Motto »Teller statt Tonne« fand Unterstützung im Landwirtschaftsministerium und wurde später erfolgreich zu »Zu gut für die Tonne« weiterentwickelt.
Viele Lebensmittel gelten heute als unrentabel oder aus der Mode. Die »Arche des Geschmacks« schützt alte Sorten und seltene Tierrassen, bewahrt Biodiversität und bringt kulinarische Schätze zurück auf unsere Teller. »Essen, was wir erhalten wollen«, lautet passenderweise das Motto der Arche. Zu ihren Passagieren zählen unter anderem die Alblinse und die Ahle Wurscht.
Von der Arche in die Küche: Gastronomie und Genuss
Auch die Gastronomie profitiert davon. Köchinnen und Köche der Chef Alliance integrieren vergessene Lebensmittel kreativ in ihre Menüs. Unser »Genussführer«, bald in sechster Auflage und ergänzt durch eine App, fördert nachhaltige, regionale und saisonale Gastronomie – unterstützt von engagierten ehrenamtlichen Tester*innen.
Basisdemokratisch und unabhängig organisiert
All dies gelingt, weil Slow Food eine echte Graswurzelbewegung ist. Wir sind basisdemokratisch organisiert: Jedes Mitglied kann Anträge stellen, kandidieren, Kritik äußern – vor Ort oder digital. Vielfalt ist uns wichtiger als strikte Vorgaben von oben.
Prozesse dauern manchmal länger, doch die Ergebnisse sind tragfähig und tief in unserer Philosophie verwurzelt: gut, sauber und fair für alle. Das ist unsere Vorstellung von Professionalität.
Unabhängigkeit als Grundlage unserer Arbeit
Diesen Weg gehen wir weiter, um unsere Unabhängigkeit zu bewahren. Wir finanzieren uns über Mitgliedsbeiträge und ausgewählte, passende Sponsoren. Diese Zusammenarbeit ist effizient und macht Freude.
Und Freude – neben unserer Botschaft – ist der Treibstoff unseres Handelns. Heute und morgen.
Text: Von Rupert Ebner, Vorsitzender von Slow Food Deutschland I Mitarbeit: Herrmann Drummer
Quelle: Erschienen im Slow Food Magazin 02/2026