Weinlese 2026: „Als wäre ein Ufo gelandet“
Hat sich der Weinstock als Mittelmeerpflanze langsam an die Hitze und Trockenheit der letzten beiden Jahrzehnte gewöhnt und angepasst? Man könnte es vermuten, denn trotz des extrem heißen Sommers mit seinen Rekordtemperaturen und fehlendem Regen haben die deutschen Winzer einen großen Jahrgang eingebracht. Es waren allerdings vor allem die hohe Winterfeuchte und der überwiegend nasse Mai, die den Jahrgang gerettet haben. So gab es wenig Trockenschäden, selbst nach der letzten Hitzewelle im September standen die meisten Rebhänge noch gut im Saft.
Wenn Winzer nach Worten suchen
Weil schon mehrere Jahrgänge dieses Jahrzehnts inflationär mit Superlativen ausgestattet worden sind, fällt es den Winzern schwer, für die außergewöhnliche Qualität der 2026er Lese noch die passenden Attribute zu finden. Auch Philipp Kuhn, Top-Winzer in der nördlichen Pfalz, ringt nach Worten: „Es war als wäre ein Ufo gelandet. In dieser Vollkommenheit habe ich trotz meiner 35-jährigen Erfahrung noch keine Trauben gesehen, das waren lauter kleine Kunstwerke; ich habe mich gar nicht getraut, die Pressmaschine einzuschalten, um sie nicht zu zerstören.“ Kuhn ist sicher, dass man über diesen Jahrgang noch lange sprechen wird.
Beim Spitzen-Weingut Aldinger im schwäbischen Fellbach begann die Lese schon am 18. August, nochmal drei Tage früher als beim historisch frühen Jahrgang 2018. Und schon Mitte September war alles in trockenen Tüchern, waren sämtliche Trauben gekeltert „Die frühe Lese ist ein Muss, um die Säurewerte zu halten“, sagt Hansjörg Aldinger. Um Reife und Oechsle – die Maßeinheit für den Zuckergehalt der Trauben – mussten sich die Winzer in diesem Jahr ohnehin keine Sorgen machen. Aber auch die Säure war trotz Hitze und Trockenheit noch relativ gut. In den kleinen Beeren hatten sich die Inhaltsstoffe aufkonzentriert, auch die Weinsäuren.
Typisch für den Jahrgang ist allerdings die geringe Saftausbeute. „Lange dachte ich, da hängt ganz gut was dran, aber am Ende lief doch ziemlich wenig aus der Presse“, sagt Hermann Deppisch, Slow-Wine-Winzer in Franken. Viel Schale und wenig Saft, das reduziert die Menge, bringt aber viel Aroma, weil der meiste Geschmack bekanntlich in der Beerenhaut steckt. Von dem markanten Schale-Saft-Verhältnis profitieren vor allem die Rotweine, die in diesem Jahr besonders konzentriert, farbintensiv und aromatisch ausfallen dürften mit gutem Gerbstoffgerüst. Aber auch der Sylvaner sei relativ gut mit der Hitze zurechtgekommen, bilanziert Deppisch.
Auch nachts wurde gelesen
Für die Winzer und ihre Lesetrupps war das Einholen der Trauben schon wegen der hohen Temperaturen während der Lese extrem anstrengend. Frühes Aufstehen war Pflicht, um kurz nach Sonnenaufgang im Weinberg zu stehen und mit der Arbeit zu beginnen. Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut berichtet, dass in einigen Regionen auch wieder nachts gelesen wurde.
„Die körperliche Belastung war enorm dieses Jahr“, sagt Alexander Schneider, spätestens um 14 Uhr habe man die Lese am Kaiserstuhl wegen der großen Hitze abbrechen müssen. Schneider kann sich noch gut erinnern, wie er in seiner Jugendzeit zur Weinlese dick eingemummt und fröstelnd in den Weinbergen stand. Heute wird im Muscleshirt und mit kurzer Hose geerntet. Die eskalierende Klimaveränderung ist gerade im Weinbau besonders deutlich zu spüren.
Das Entblättern der Traubenzone, früher eine regelmäßige Winzerarbeit, damit die Früchte mehr Sonne abbekommen, ist in diesem Jahr fast ganz ausgefallen. Eher galt es, die Trauben vor zu viel Sonne zu schützen und allenfalls an den sonnenabgewandten Seiten zu entblättern, damit die Luftzufuhr verbessert wird. Ausgefallen ist auch die sonst aufwendige Selektion am Sortiertisch, um faulige Beeren auszulesen. Die Trauben waren perfekt, so das übereinstimmende Urteil der Winzer, allenfalls sehr kleine, rosinenartig geschrumpfte Beeren fielen durch den Rost, damit die Mostgewichte (*) nicht zu hoch wurden und sich kein Rosinengeschmack mausig macht.
Auch in den beiden ostdeutschen Weinanbaugebieten Saale-Unstrut und Sachsen, hart am 51. Breitengrad, fällt der Jahrgang 2026 ausgesprochen gut aus. Klaus Zimmerling, Biowinzer in Dresden-Pillnitz, hat am 3. September die Rebscheren an seine Helfer verteilt und dann in zweieinhalb Wochen die gesamte Lese trockenen Fußes absolviert. Allerdings war die Menge mit nur 30 Hektolitern je Hektar äußerst bescheiden. Ein Novum für Zimmerling: Er hat den Gewürztraminer, der meist erst Ende Oktober gelesen wird, in diesem Jahr als erste Rebsorte schon Anfang September geholt, sieben Wochen früher als gewohnt.
An solche Kuriositäten scheinen sich die deutschen Winzer langsam zu gewöhnen. Nur die älteren Semester erinnern sich noch an die kalten unreifen Jahrgänge. 1984 etwa lag zu Beginn der Lese Ende Oktober schon Schnee auf den Rebzeilen. Das Lesegut war unreif, faulig und sauer wie Zitronensaft, eigentlich konnte man keinen Wein daraus machen. 42 Jahre später kämpfen die Winzer gegen Hitze, Trockenheit und zu hohe Mostgewichte, und sie müssen immer öfter die Weine künstlich ansäuern.
* Das Mostgewicht wird in Deutschland in Grad Oechsle gemessen. Je höher das Mostgewicht, desto alkoholischer wird der Wein. Mostgewichte über 100 Oechsle werden von den meisten Winzern vermieden, damit die Weine nicht zu schwer werden und brandig schmecken.

Sind die Trauben reif? - Der Blick ins Refraktometer zeigt die Oechsle-Grade an (c) Deutsches Weininstitut
Text: Manfred Kriener
Bilder: Deutsches Weininstitut
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