Neues Positionspapier: Fairer Umgang mit landwirtschaftlich genutzten Tieren

08.09.2021 - Zentrales Anliegen von Slow Food ist die Verknüpfung von Ernährung mit Verantwortung für Mensch, Tier und Umwelt. Das neue Papier führt aus, was für Slow Food Tiergesundheit im Rahmen von Tierzucht und Tierhaltung auszeichnet. Denn für Slow Food ist klar: Eine Agrarwende erfordert nicht ein „weniger vom Schlechten“, sondern Tiergesundheit als oberste Priorität.

Zum fairen Umgang mit landwirtschaftlich genutzten Tieren

Positionspapier von Slow Food Deutschland (>> Download)

Stand: September 2021

Einleitung:

Zentrales Anliegen von Slow Food ist die Verknüpfung von Ernährung mit Verantwortung für Mitmenschen, Umwelt und Tiere. Dies kommt zum Ausdruck, wenn wir von „Genuss und Verantwortung“ sowie von „gut – sauber – fair“ sprechen. Wir setzen uns für Maßnahmen ein, die unsere Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung zukunftsfähig machen:

  • Bodenfruchtbarkeit, Gewässerqualität und biologische Vielfalt müssen erhalten und gefördert werden.

  • Eine Schlüsselfunktion kommt dabei der nachhaltigen Beweidung zu.

  • Das gilt auch für die Regeneration des Grundwassers.

  • Diese Maßnahmen sind zudem auch alle zwingend notwendig zur Klimaentlastung und für die Resilienz der Ökosysteme gegenüber Dürreperioden und Starkregenereignissen.

  • Berufe in der Landwirtschaft und im Lebensmittelhandwerk sind systemrelevant und müssen existenzsichernd und damit wieder attraktiv werden.

Rengoldshausen (c) Ingo Hilger.jpgSlow Food fordert über die Grenzen der aktuellen Tierwohldebatte hinaus ein fundamental anderes Agrarsystem. Das Ziel ist die „Rückkehr“ zu einer um das Wissen des 21. Jahrhunderts bereicherten bäuerlichen Landwirtschaft; eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft, die ganzheitlich mit und nicht gegen die Natur arbeitet. Unsere ethische Verantwortung, auch gegenüber landwirtschaftlich genutzten Tieren, erfordert eine drastische Reduktion des Genusses tierischer Produkte zugunsten einer Nahrungsumstellung: mehr Gemüse- und Getreideanteile und tierische Produkte von Lebewesen, die in einer ihren natürlichen Gewohnheiten entsprechenden Umgebung aufgewachsen sind.

Slow-Food-Ziele für die Tiergesundheit im Rahmen der Tierzucht und -haltung:

  • Tiergesundheit, Nutzung von Weideland, Verwertung regionaler Futtermittel sowie artgemäßes Sozialverhalten müssen neben Fleisch-, Milch- und Eiermenge sowie deren Qualität Ziele der Tierzucht sein. Slow Food insistiert nicht auf einer alleinigen Nutzung alter Rassen: Nutztiere lassen sich durch Zucht weiterentwickeln. Aber die alten Zweinutzungsrassen bilden eine essentielle Basis für nachhaltige Tierzucht.

  • Tierhaltung muss flächengebunden sein. Futtermittel müssen in normalen Ertragsjahren auf dem Hof oder von Partnerbetrieben in der Region erzeugt werden. Davon ausgenommen sind Futtermittel aus Resten der Lebensmittelverarbeitung (z. B. Rapskuchen, Rübenschnitzel, Trester). Gülle, Mist und Jauche müssen im eigenen Betrieb als Dünger eingesetzt werden, ohne den Boden zu überdüngen.

  • Weidehaltung und Pflege von extensiv gedüngten Wiesen sind ein wichtiger Beitrag zum Klima- und Artenschutz. Sie bedürfen einer besonderen Förderung durch die Agrarpolitik.

  • Tiere brauchen Auslauf und eine Umgebung, die an ihren natürlichen Gewohnheiten orientiert ist. Weidehaltung muss wieder Standard werden. Neu- und Umbauten von Ställen dürfen nur dann aus öffentlichen Mitteln gefördert werden, wenn sie Auslauf und Haltung mit Einstreu gewährleisten.

  • Die Nutztierhaltung muss auf die Versorgung der inländischen Bevölkerung und nicht an der Bedienung des Weltmarktes ausgerichtet sein. Dies ist ein wichtiger Beitrag zur Stabilisierung der Preise und gibt Landwirt*innen verlässliche Perspektiven.

Landwirtschaftlich genutzte Tiere sind traditionell ein wichtiger Bestandteil von nachhaltigen Kreisläufen zur Landbewirtschaftung und Ernährung: Sie wandeln die für die Ernährung des Menschen ungeeigneten Pflanzen des Graslandes in tierische Eiweiße für die menschliche Nahrung um. Außerdem fressen sie nicht für die menschliche Ernährung geeignete Produkte der Landwirtschaft und der Lebensmittelverarbeitung (z. B. Kleie, Trester, Presskuchen aus der Ölerzeugung etc.). Soweit Tiere nicht auf der Weide gehalten werden, sind ihr Kot und Urin – richtig gereift und gelagert - wertvolle organische Dünger für die Äcker. Der Gedanke an nachhaltige Kreisläufe existiert aber in der heutigen industrialisierten Landwirtschaft nicht mehr: Betriebe sind auf wenige Erzeugnisse spezialisiert. Dünger, Futtermittel, Energie werden teuer in die Betriebe eingebracht, tierische Exkremente werden teilweise als „Abfallstoffe“ „entsorgt“. Böden werden durch Erosion, Verdichtung, Auslaugung, Belastung durch Chemikalien langfristig unfruchtbar.

Die Entwicklung zu spezialisierten Großbetrieben mit rein betriebswirtschaftlichem Input/Output-Denken war und ist seit dem Mansholt-Plan der EG politisch gewollt. Die „Wachse oder Weiche“-Ideologie hat die Landwirt *innen entweder ruiniert oder zu Abhängigen der Banken, Futtermittel-Landmaschinenkonzerne, Lebensmittelkonzerne und Betriebsberatung gemacht. Zementiert wird dieses System durch starken Lobbyismus für die Bindung der EU-Agrarsubventionen nahezu ausschließlich an die Fläche. Ganzheitliches Arbeiten in Kreislaufwirtschaften im Einklang mit der Natur findet nicht mehr statt.

Im Zuge der Ausbreitung der industrialisierten Landwirtschaft ist die Tierzucht zu einer treibenden Kraft geworden. Die Zuchtziele sind bei Rindern, Schweinen und Geflügel seit langem auf extrem einseitige Leistungen (Fleisch oder Milch oder Eier) ausgerichtet; mit dramatischen Folgen:

  • Hochleistungsrassen und Hybridlinien können bzw. sollen das natürliche Lebensalter nicht mehr erreichen.

  • Die einseitige Orientierung auf ein Hochleistungserzeugnis führt dazu, dass das im Sinne des Produktes überflüssige Geschlecht ökonomisch wertlos wird: Männliche Küken von Legelinien werden getötet, männliche Kälber von Milchrassen häufig vernachlässigt und über sehr weite Strecken ins Ausland transportiert.

  • Viele Tiere können ihr kurzes Leben nicht ohne häufige Medikamentenbehandlungen überstehen.

  • Künstliche Besamung ist bei Rindern und Puten und zunehmend auch bei Schweinen zum Normalfall geworden.

  • Sauen sollen immer noch mehr Ferkel pro Wurf und Jahr bekommen, die dadurch immer geringere Geburtsgewichte haben und noch anfälliger werden. Da die Milchmenge nicht zunimmt, können die Sauen nicht mehr alle ihre Ferkel auf natürliche Weise ernähren. Deshalb ergänzen Milchbehälter (sogenannte künstliche Ammen) die Aufzucht. Zu schwache Ferkel werden als „überzählig“ getötet.

  • Bei der Rinderrasse blau-weiße Belgier ist seit Jahrzehnten nicht mehr die natürliche Geburt der Kälber der Normalfall, sondern der Kaiserschnitt.

  • Mastgeflügel ist das Sättigungsgefühl weggezüchtet worden, damit sich z.B. Hühner-Masthybriden in vier bis fünf Wochen ihr sogenanntes Mastendgewicht von circa zwei Kilogramm anfressen. Da auch die Zuchttiere – die Großeltern und vor allem die Eltern der Masttiere – ebenfalls unbegrenzt fressen würden, werden sie restriktiv gefüttert und leiden dauerhaft unter Hunger.

  • Für die Tiere und den Tierschutz besteht ein spezielles Dilemma: Tierärztliches Handeln ist keine Ausnahme mehr, sondern eine tragende Säule des kranken Agrarsystems, ohne die die extremen tierischen Leistungen gar nicht möglich wären.

Die Ausrichtung der Agrarpolitik entscheidet über die Intensität der Tierhaltung und -fütterung. Noch nimmt – wie in jedem industriellen Bereich – die Rentabilität auch in der Landwirtschaft bei höheren „Stückzahlen“ zu; d. h. die Kosten sinken, je mehr Tiere gehalten werden (Economies of Scale). Zudem ist billig nur scheinbar billig, weil tierisches Leid durch Minimalstandards und Verstöße gegen den Tier- und Umweltschutz nicht in die Preise einfließen (Externalisierung der Kosten):

  • Auf Normierung und Rationalisierung ausgerichtete Ställe mit großen Tierbeständen verursachen den Tieren Leiden und Schmerzen (Technopathien). Dies gilt für Spaltenböden für Rinder und Schweine, Kastenstände für Sauen und Volieren- und Bodenhaltung beim Geflügel.

  • Rinder, Schweine und Hühner verfügen über ein angeborenes Sozialverhalten. In der industrialisierten Landwirtschaft gelten solche Bedürfnisse als kontraproduktiv.

  • Kannibalistische Verhaltensformen wie Federpicken und Schwanzbeißen sind die Folge von Zucht- und Haltungsstress. Hörnertragende Rinder „verbrauchen“ mehr Platz. Reagiert wird mit präventiven Verstümmelungen der Tiere. Die immer weiter steigenden Tierbestände machen Freilandhaltung ebenso unmöglich wie einen Blick der Landwirt*innen auf das Wohlergehen der einzelnen Tiere.

Tiere werden zunehmend zu Nahrungskonkurrenten des Menschen gemacht – mit drastischen sozialen und ökologischen Folgen:

  • Schnellste Gewichtszunahmen ebenso wie hohe Milch- und Eierleistungen lassen sich nur durch energie- und eiweißreiches Futter erzielen. Das Ausmaß der nicht artgemäßen Fütterung ist nicht nur krankmachend, sondern zerstört die natürlichen Ressourcen und verstärkt soziale Ungleichheiten und den Hunger in ärmeren Teilen der Welt, deren Landwirtschaft auf Soja- und Maisproduktion für die Fütterung auch unserer Nutztiere ausgerichtet ist.

  • Jahrelange Monokulturen bedrohen dort wie hier Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit. Abholzung von Regenwäldern, Umbruch von Dauergrünland und Trockenlegung von Feuchtgebieten vernichten Lebensräume für eine vielfältige Fauna und Flora und verschärfen die Klimakrise.

  • Rückstände von Antibiotika, Antiparasitika und Desinfektionsmitteln führen über den Fleischkonsum und die Kontamination von Böden und Gewässern bis hin zum Grundwasser durch Gülle zu resistenten Erregern.

Bei der Schlachtung der Tiere muss die Vermeidung von Stress und Schmerzen oberstes Gebot sein. Mit der Spezialisierung der landwirtschaftlichen Betriebe und der Verdrängung handwerklicher fleischverarbeitender Betriebe ist ein Verschwinden kleiner Schlachtstätten zugunsten riesiger Schlachthöfe verbunden. Die Folge sind lange Transportwege, wobei die Tiere auf engsten Raum zusammenpfercht sind. Die Aufmerksamkeit für Stress und Leiden am Ende des Tierlebens haben in den industrialisierten Strukturen keinen Platz. Regionale Schlachtstätten müssen wieder selbstverständlicher Teil von Infrastrukturpolitik werden und bei Bedarf aus öffentlichen Mitteln gefördert werden. Die Tötung der Tiere am Lebensort (Weideschuss, Schlachtmobil) muss möglich gemacht werden.

Die EU-Agrarpolitik ist darauf ausgerichtet, mit industrialisierter Landwirtschaft Überschüsse für den sogenannten Weltmarkt zu produzieren. Das ermöglicht den Konzernen national und supranational, die landwirtschaftlichen Produkte zu Niedrigstpreisen aufzukaufen und zu Dumpingpreisen zu verkaufen. Dies zerstört auch in anderen Teilen der Welt die bäuerliche Landwirtschaft und die lokalen Märkte.

Fazit:

Aus Sicht von Slow Food Deutschland hat die Industrialisierung der Landwirtschaft – mit Hochleistungszucht sowie intensiver Haltung und Fütterung – in eine Sackgasse geführt. Eine exportorientierte Fleisch- und Milcherzeugung darf nicht weiter durch Steuermittel bzw. EU-Subventionen unterstützt werden. Eine Agrarwende erfordert nicht ein „weniger vom Schlechten“, sondern Tiergesundheit als oberste Priorität. Mehr Platz und mehr Licht im Stall, Begrenzung der Bestands- und Gruppengrößen, Spielzeug und ähnliche Maßnahmen sind zwar notwendig, aber durch eine alleinige Veränderung der Haltungsbedingungen kann dieses kranke Agrarsystem nicht geheilt werden.

Die „Borchert-Kommission“ und die „Zukunftskommission Landwirtschaft“ sind wichtige Errungenschaften der Zivilgesellschaft. Gleiches gilt für die Stellungnahme des Deutschen Ethikrates vom 16.6.2020: "Tierwohlachtung - Zum verantwortlichen Umgang mit Nutztieren". Aber auch in diesem Rahmen birgt die Debatte um das Tierwohl die Gefahr, von den zuchtbedingten Ursachen der tierschutzrelevanten Zustände abzulenken.

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