Wassenberger Sämling
Ein starkwüchsiger Pfirsich aus dem Rheinland
Arche-Passagier seit 2016
Unterstützt von Slow Food Düsseldorf
Beschreibung des Passagiers
Am Rande des Naturparks Schwalm-Nette, zwischen Heinsberg und Wegberg, liegt das alte Städtchen Wassenberg, das dem Wassenberger Sämling seinen Namen gab. Eine Legende besagt, dass eine Baronesse einige Pfirsichsteine aus Italien mitgebracht und dann am Wasserschloss Elsum eingepflanzt habe. Eine andere erzählt, dass ein Auswanderer aus Wassenberg, der später zurückgekehrt sei in heimische Gefilde und den man im Volksmund den „Amerikaner“ genannt habe, das Steinobst bekannt machte. Eine Auswertung alter Obst- und Gartenzeitschriften hat inzwischen zu mehr Klarheit geführt. So berichtet der Pomologe und Baumschulinhaber Albert Abendroth aus Rheinbreitbach 1921 im Praktischen Ratgeber im Obst- und Gartenbau, dass er nach langen Recherchen die Herkunft klären konnte. Laut seinem Bericht gab es in Wassenberg einen Sonderling, der Pfirsichbäume züchtete, deren Früchte er nicht an Fremde weiter gab. Erst nach seinem Tod um etwa 1900 war es einem jungen Gärtner möglich, von einem etwa 50 Jahre alten Pfirsichbaum Früchte zu ernten und über die Aussaat der Steine Bäume nachzuziehen. Diese wurden dem Winterschuldirektor Tunkel in Geilenkirchen vorgelegt, der dem Pfirsich den Namen gab „Sämling von Wassenberg“. In den sogenannten Winterschulen wurden Nachwuchskräfte aus der Landwirtschaft unterrichtet. Wie der Pfirsich gegen 1850 nach Wassenberg kam, bleibt weiter ungeklärt.
Die Baumschule von Albert Abendroth hat den Wassenberger Sämling laut einem Bericht in „Der Lehrmeister im Garten und Kleintierhof“ aus dem Jahre 1926 bereits seit 1906 zum Kauf angeboten. In einem Katalog der Baumschule aus dem Jahr 1925 wird er hochgelobt „Der schönste kernechte Pfirsich der Gegenwart.“ In dem Bericht wird auch eine Bewertung vom Pomologen Gustav Schaal aus Stuttgart zitiert: „Mit einer solchen Sorte können wir den Markt beherrschen.“ Bestätigt wird die Wertschätzung auch durch die Redaktionsleitung: „Die Frucht schmeckt weinsäuerlich und scheint eine ganz vorzügliche Einmachsorte und wertvolle Marktpfirsich zu sein.“

Der Wassenberger Sämling eignet sich besonders für die Weiterverarbeitung, dort entfaltet er sein einmaliges Aroma. Eingesetzt werden kann er in vielen Bereichen: halbiert in Einkochgläsern, verarbeitet in Marmeladen und Gelees, gepresst als Saft. Der Wassenberger Sämling ist äußerst kalorienarm, 100 Gramm haben nur etwa 40 Kilokalorien. Reif geerntetes Obst und Gemüse enthält viele Vitalstoffe. Diesen Vorteil bietet auch der regional vermarktete Pfirsich gegenüber importierten Früchten.
Gefährdung des Passagiers
Die Gründe für das weitgehende Verschwinden des Wassenberger Sämlings liegen nicht nur im Untergang der Einmach- und Marmeladenkultur. Der gewerbliche Anbau dieser Pfirsichsorte ist auch riskant: Der Baum trägt unzuverlässig und ist zudem als Frühblüher in vielen Jahren ein Opfer später Fröste. Um die Ernte zu retten, zündeten die Obstbauern früher sogar Feuer unter den Pfirsichbäumen an, wenn es zu kalt wurde.
Kräuselkrankheit, Schorf, die Pilzkrankheit Monilia und Gummifluss können beim Wassenberger Sämling standort- beziehungsweise witterungsabhängig auftreten. Schädlingsbefall, Arbeitskräftemangel bei Bodenbearbeitung und Baumschnitt, fehlende Wärme während der Blütezeit mit wenig Bienenflug und die Nutzung früherer Anbauflächen für den Wohnungsbau führten Schritt für Schritt zur Aufgabe größerer Plantagen. Schließlich hatten Billigangebote von ausländischen Pfirsichen in Supermärkten eine sinkende Nachfrage nach dem Wassenberger Sämling zur Folge.
Im Jahr 2014 waren etwa 200 Bäume auf Plantagen und rund 500 Bäume in Privatgärten im Kreis Heinsberg und Rhein-Kreis Neuss zu verzeichnen. Offizielle Statistiken gibt es nicht, aber in Zeitungsberichten ist eine Erntemenge von 150 000 Kilogramm im Jahr 1953 bei einem Baumbestand von 15 000 Exemplaren erwähnt. Daraus kann für den gewerblichen Anbau in einem normalen Erntejahr eine Menge von 8 000 Kilogramm abgeleitet werden.
Vermarktung des Passagiers
Das Anbaugebiet betrug im Jahr 2006 nur noch circa vier Hektar. Bis 2014 wurde der Bestand wieder auf etwa fünf Hektar erweitert. In Regionen mit passenden klimatischen Bedingungen werden heute wieder neue Flächen angelegt, unter anderem im Rheinischen Obstgarten auf dem Gelände einer ehemaligen Plantage des Wassenberger Sämlings. Die Stadt Wassenberg und der Naturschutzbund Deutschland (NABU) betreiben im Rahmen eines vom Landschaftsverband Rheinland und den Biologischen Stationen im Rheinland geförderten Projektes den Rheinischen Obstsorten-Garten. Im Rahmen dieses die Biodiversität fördernden Projektes konnten bereits viele verschollene Sorten aufgespürt werden. Diese werden beschrieben im Handbuch „Lokale und regionale Obstsorten im Rheinland – vom Aussterben bedroht!“ Der Pfirsich war als Frischfrucht noch bis 2021 bei den Plantagenbesitzern Rita und Hans Esser in Wildenrath erhältlich. Derzeit gibt es leider keinen Betrieb, der den Pfirsich kommerziell anbaut. Eine Baumschule hat Pflanzen im Sortiment und in mehreren gastronomischen Betrieben in Wassenberg wird der Sämling verarbeitet.
Regionale Bedeutung des Passagiers
In den 1930er-Jahren wurden vor allem in der Wassenberger Oberstadt und im Stadtteil Birgelen Plantagen angelegt. Der Höhepunkt des Pfirsichanbaus in der Region wurde nach dem zweiten Weltkrieg erreicht. Insbesondere Neusiedler sorgten für eine starke Ausweitung des Pfirsichanbaus. In den 1960er-Jahren mit 20 Plantagen und einem Ertrag von bis zu 7 500 Zentnern pro Jahr erreicht. Die Heinsberger Versteigerungsgenossenschaft verkaufte die Pfirsiche vor allem ins Ruhrgebiet, aber auch nach Hannover. Dadurch kam manche Familie zu bescheidenem Wohlstand. Die Plantagen sind seit den 1990er-Jahren zunehmend aus dem Stadtbild verschwunden. Die Bevölkerung weiß jedoch um die einstige Bedeutung des Wassenberger Sämlings und hält die Erinnerung wach. So wurde von einer Karnevalsgesellschaft schon ein „Sämlingsorden“ verliehen und von der Stadt Wassenberg 2014 zur Wiederbelebung des Pfirsichtourismus das Maskottchen „Samy, der Sämling“ kreiert. Außerdem bekommt jeder Neubürger der Stadt einen Pfirsichbaum für den Hausgarten geschenkt. Diese Aktivitäten fördern die Vermarktung des Pfirsichs. Die überaus gute Ernte 2015 ist restlos verkauft worden.
Geschmack des Passagiers
In frischem Zustand schmeckt der Wassenberger Sämling leicht herb, er hat eine deutliche Säure. Sein prickelnd feinherbes, säuerliches Aroma kommt erst in Verbindung mit Zucker voll zur Entfaltung, durch Einkochen ganzer Früchte oder als Marmelade.
Spezielles Know-how zur Erzeugung des Passagiers
Die Bäume werden im Herbst stark zurückgeschnitten, denn nur die neuen Triebe tragen Früchte.
Züchter*innen, Erzeuger*innen und Bezugsquellen
Gastronomische Betriebe:
Restaurant Landhaus
Hans Brender
Am Roßtor 20
41849 Wassenberg
Restaurant Tüschenbroicher Mühle
Gerderhahner Str. 1
41844 Wegberg
Burgstuben Residenz
Feldstr. 50
52525 Heinsberg-Randerath
Burg Wassenberg GmbH
Kirchstr. 17
41849 Wassenberg
Pfirsichbäume:
Rheinweg 30
41812 Erkelenz-Grambusch
info@baumschule-morjan.de
www.baumschule-morjan.de
Links und Aktivitäten rund um den Passagier
Slow Food Einkaufsführer die Region Düsseldorf, Neuss und Mönchengladbach
>>Slow Food Magazin: Wassenberger Sämling
Download
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Bannerbild: © Hans Ulrich List, weiterer Bilder © Naturschutzstation Wildenrath e.V., Kunstblatt aus dem Erfurter Führer für den Obst- und Gartenbau 1937