Das erworbene Wissen über Lebensmittelverschwendung konsequent nutzen

16.07.2026 - Wie lässt sich Lebensmittelverschwendung wirksam vermeiden? Die Expertin Nora Brüggemann ordnet im Interview die Ergebnisse des "Dialogforum Private Haushalte 2.0" ein mit Blick auf den europäischen Kontext und die Bedeutung nationaler sowie internationaler Netzwerkarbeit.

Nora Brüggemann arbeitet als Senior Projekt Manager mit dem Schwerpunkt Reduzierung der Lebensmittelverschwendung am CSCP (Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production gGmbH). Sie war Moderatorin und Koordinatorin des Nationalen Dialogforums zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen im Groß- und Einzelhandel in Deutschland und begleitet zahlreiche Projekte zu diesem Thema. Unter anderem berät sie als Mitglied des projekteigenen Expert*innennetzwerks das Projekt „Dialogforum private Haushalte 2.0 – Reduzierung von Lebensmittelverschwendung (DiFo 2.0)“, das Slow Food Deutschland gemeinsam mit der Abteilung Bildung für Nachhaltige Ernährung und Lebensmittelwissenschaft der TU Berlin durchführt.

Gitta Köllner, Projektmitarbeiterin beim DiFo 2.0, hat mit ihr darüber gesprochen, wie das Projekt von der Vernetzung vieler Akteur*innen profitiert und wie sich die gewonnenen Erkenntnisse künftig noch besser in die Praxis umsetzen lassen.

Hand hält eine herzförmige Kartoffel vor rotem Hintergrund

Was sind Anknüpfungspunkte zwischen dem Projekt und Ihrer Arbeit?

Die Vermeidung und Reduzierung von Lebensmittelverschwendung ist ein Herzensthema für mich – und seit über zehn Jahren auch ein beruflicher Schwerpunkt meiner Arbeit am CSCP. Besonders eng ist der Bezug dort, wo es um private Haushalte, wirksame Interventionen und die Frage geht, wie gute Ansätze aus Projekten in die Breite getragen werden können.

Welche Rolle spielt das Consumer-Science-Element, z. B. App-Messung?

Einblicke in den Alltag von Haushalten sind zentral, um zu verstehen, warum Lebensmittel verschwendet werden – und um darauf aufbauend wirksame Maßnahmen zu entwickeln. Niedrigschwellige und technologiegestützte Hilfsmittel wie eine App können dazu einen wichtigen Beitrag leisten, weil sie näher an der Alltagspraxis sind als viele klassische Erhebungsformate. Natürlich bleiben Herausforderungen bestehen, etwa soziale Erwünschtheit – also die menschliche Tendenz, sich so zu präsentieren, dass man gesellschaftlichen Erwartungen entspricht - oder unvollständige Angaben. Aber gerade wenn solche Grenzen mitgedacht werden, kann ein digitales Consumer-Science-Element sehr wertvolle Erkenntnisse liefern.

Welche Synergien konnten Sie bereits erkennen?

Die Veranstaltungen und der Expert*innenkreis sind aus meiner Sicht sehr wertvoll, um sich in Deutschland über laufende Aktivitäten zu informieren, voneinander zu lernen und auf dem neuesten Stand zu bleiben. Eine wichtige Synergie liegt auch in der Rolle des Dialogforums als Bindeglied. Nach dem Ende der anderen Dialogforen für Produktion und Verarbeitung, Groß- und Einzelhandel sowie Außer-Haus-Verpflegung war das Dialogforum Private Haushalte 2.0 lange einer der wenigen direkten Austauschpunkte zwischen Akteur*innen und Ministerium – bis mit der KLAV (Kompetenzstelle zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen) und -verlusten wieder eine breitere Struktur hinzugekommen ist.

Wie können andere Organisationen oder Unternehmen Teil des Dialogforums werden bzw. vom Projekt profitieren?

Aus meiner Sicht spielen die Mitmachaktionen hier eine große Rolle. Sie bieten Organisationen und Unternehmen die Möglichkeit, eigene Maßnahmen sichtbarer zu machen, deren Wirkung besser einzuordnen und Teil eines größeren gemeinsamen Engagements zu werden. Gleichzeitig entsteht dadurch ein wichtiges Signal: In Deutschland passiert weiterhin etwas zur Reduzierung von Lebensmittelverschwendung – und unterschiedliche Akteur*innen können dazu konkret beitragen.

Die „Nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung“ hat konkrete Ziele bis 2030 festgelegt . Wie trägt das Projekt „Dialogforum private Haushalte 2.0“ dazu bei und wo sehen Sie noch offene Herausforderungen?

Das Dialogforum Private Haushalte 2.0 ist aus meiner Sicht – neben Zu gut für die Tonne! – eines der zentralen Vehikel, um die große Herausforderung der Reduzierung von Lebensmittelverschwendung im Haushaltsbereich anzugehen. Ein besonders wichtiger Baustein ist die entwickelte Mess-App. Sie kann dazu beitragen, den Effekt von Maßnahmen besser und vor allem vergleichbarer abzubilden. Das ist aus meiner Sicht ein großer Mehrwert: Andere Projekte müssen diese methodische Herausforderung nicht jedes Mal neu lösen, sondern könnten von diesem Instrument profitieren. Die offene Herausforderung besteht darin, bis zum Ende des Projekts unbedingt die technischen und rechtlichen Schnittstellen zu klären und bereit zu stellen, so dass Dritte mit ihren eigenen Projektdaten arbeiten können. Mein Appell an Ministerium, Projekte und weitere Akteur*innen wäre deshalb,  dieses Potenzial unbedingt zu nutzen.

Sie arbeiten beim CSCP auch zu EU-weiten Initiativen zur Reduzierung von Lebensmittelverschwendung, u. a. im Europäischen Verbraucherforum für Lebensmittelabfälle und in Kooperation mit der Europäischen Umweltagentur. Wie würden Sie Ihre Rolle auf EU-Ebene beschreiben und welche Ziele verfolgen Sie dort?

Ich habe das große Glück, in sehr unterschiedliche Projekte und Aktivitäten zur Reduzierung von Lebensmittelverschwendung eingebunden zu sein. Seit 2016 haben wir am CSCP elf Projekte in diesem Themenfeld umgesetzt oder begleitet; an zehn davon war ich mehr oder weniger intensiv beteiligt. Meine Rolle sehe ich deshalb vor allem darin, auf bestehendem Wissen aufzubauen, Erfahrungen zusammenzubringen und Synergien zu schaffen, wo immer das möglich ist. Besonders wichtig ist mir die Wirkung von Maßnahmen und Projekten. Ich versuche daher, Kolleg*innen und Projektpartner*innen dabei zu unterstützen, aus guten Ideen auch wirksame Ansätze zu machen – also Pläne so weiterzuentwickeln, dass sie in der Praxis möglichst viel erreichen können.

Welche aktuellen EU-Politikprozesse zur Lebensmittelverschwendung sind für Sie besonders relevant – z. B. die Revision der Abfallrahmenrichtlinie mit verbindlichen Zielen bis 2030 – und wie können Projekte wie das Dialogforum private Haushalte 2.0 dazu beitragen?

Besonders relevant sind aus meiner Sicht die erstmals auf EU-Ebene festgelegten Reduzierungsziele für Lebensmittelabfälle, welche die Mitgliedstaaten nun individuell umsetzen müssen. Viele Staaten unternehmen bereits viel. Die entscheidende Frage ist aber, ob diese Maßnahmen zielgerichtet und wirksam genug sind. Der geplante Early-Warning-Prozess der Europäischen Umweltagentur im Auftrag der Europäischen Kommission wird 2027 dazu wichtige Einblicke geben. Dass die Anstrengungen drei Jahre vor dem Zieljahr bewertet werden, ist ein wichtiges Möglichkeitsfenster: Dann kann noch nachgesteuert, angepasst und gezielt unterstützt werden. Projekte wie das Dialogforum Private Haushalte 2.0 können dieses Fenster konstruktiv nutzen, indem sie Erfahrungen aus der Praxis einbringen, bestehende Herausforderungen sichtbar machen und lösungsorientierte Vorschläge entwickeln. Ich hoffe sehr, dass Entscheidungsträger*innen offen für solche fundierten und praxistauglichen Impulse sind.

Inwiefern fließen Erkenntnisse aus wissenschaftlichen EU-Initiativen oder Foren wie dem Europäischen Verbraucherforum für Lebensmittelabfälle in Ihre Arbeit in Deutschland ein – und umgekehrt?

Im European Consumer Food Waste Forum (ECFWF) haben wir uns intensiv mit der Wirkung von Interventionen in privaten Haushalten beschäftigt. Methodisch treibt mich seitdem besonders die Frage an, wie wir zu mehr vergleichbaren Erkenntnissen kommen können: Was wirkt wirklich, unter welchen Bedingungen und wie lässt sich das auf andere Kontexte übertragen? Und wie können wir das was wirkt, transferieren bzw. skalieren? Diesen Gedanken nehme ich auch in meine Arbeit in Deutschland mit. Ein Beispiel ist ein aktueller kleiner Praxistest in zwei deutschen Supermärkten zur Wirkung von POS-Maßnahmen (Point of Sale = Vor-Ort-Verkauf) für den besseren Abverkauf von suboptimalem Obst. Die Ergebnisse möchte ich so teilen, dass andere – auch auf europäischer Ebene – daran anknüpfen können. Besonders spannend finde ich die Idee, wirksame Maßnahmen nicht immer neu zu erfinden, sondern gezielt zu replizieren und weiterzuentwickeln. So habe ich zuletzt die Übertragung eines belgischen Praxisbeispiels in einen Projektantrag für Nordrhein-Westfalen einfließen lassen.

Wie können digitale Tools wie die Erweiterung der Zu gut für die Tonne!-App einen Beitrag zur Umsetzung der EU-Ziele leisten? Sehen Sie hier Potenziale für die EU-Berichterstattung oder Policy-Evaluation?

Digitale Tools wie die Erweiterung der Zu gut für die Tonne!-App können aus meiner Sicht auf zwei Ebenen einen Beitrag leisten. Erstens ermöglichen sie zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Seit 2020 sind EU-Mitgliedstaaten verpflichtet, Lebensmittelabfälle systematisch zu erfassen. Für private Haushalte sind Küchentagebücher eine etablierte, wenn auch aufwendige Methode. Sie machen sichtbar, welche Lebensmittel weggeworfen werden, ob sie noch essbar waren und warum sie im Abfall landen. Außerdem erfassen sie auch Abfälle, die in klassischen Müllanalysen oft nicht auftauchen – etwa Lebensmittel, die über das Spülbecken oder den Kompost entsorgt werden. Zweitens können digitale Tools direkt im Alltag der Haushalte ansetzen. Ein digitales Küchentagebuch erinnert ans Eintragen, erleichtert die Dokumentation und kann sowohl gewogene als auch geschätzte Mengen erfassen. Dadurch kann die Datenqualität steigen, während gleichzeitig Sensibilisierung und Lernen stattfinden. Das Potenzial liegt also genau in dieser Verbindung: Digitale Tools können harmonisierte und standardisierte Haushaltsdaten liefern und gleichzeitig als Intervention wirken. Für die verpflichtende, aber auch die freiwillige EU-Berichterstattung und Policy-Evaluation ist das interessant, weil nicht nur gemessen wird, sondern auch Hinweise entstehen können, wie Veränderung im Alltag gelingt.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen, Forschungseinrichtungen und politischen Akteur*innen auf EU-Ebene in diesem Themenfeld? Welche Chancen und Herausforderungen gibt es?

Die Strukturen und Intentionen sind grundsätzlich da. EU-Horizon-Projekte bringen beispielsweise sehr unterschiedliche Akteur*innen zusammen und haben den Auftrag, sich mit anderen Projekten zu vernetzen sowie den Austausch mit EU-Einrichtungen wie dem JRC oder der EU Platform on Food Losses and Food Waste zu suchen. Das ist eine große Chance und ein richtiger Ausgangspunkt. In der Praxis bleibt dieses Potenzial aber manchmal hinter seinen Möglichkeiten zurück. Vernetzung wird teils eher als Pflichtaufgabe verstanden, das richtige Zeitfenster für echten Austausch wird verpasst, oder es geht stärker darum, Erfolge zu präsentieren, als offen über Fragen, Unsicherheiten und Probleme zu sprechen.

Ein anderes Beispiel ist die EU Platform on Food Losses and Food Waste, die ich sehr wichtig finde. Dort kommen zweimal im Jahr zentrale Organisationen und Expert*innen zusammen, und es werden relevante Themen gesetzt. Gleichzeitig könnte auch dort aus meiner Sicht noch stärker der offene Austausch über Herausforderungen im Mittelpunkt stehen – weniger Präsentationsfolge mit kurzer Q&A (Questions and Answers), mehr gemeinsames Lernen.

Welche strategischen Veränderungen oder politischen Instrumente auf EU-Ebene wären Ihrer Ansicht nach notwendig, um die Reduzierung von Lebensmittelverschwendung in Haushalten noch wirksamer zu gestalten – und wie könnte ein Projekt wie das Dialogforum dazu beitragen?

Aus meiner Sicht wäre es auf EU-Ebene wichtig, Anforderungen an Wirkung, Austausch und Vernetzung in Förderprogrammen konkreter und verbindlicher zu machen. In den Ausschreibungen ist vieles bereits gut angelegt, in der Praxis wird aber noch zu oft nebeneinander statt miteinander gearbeitet, weil Laufzeiten, Berichtspflichten und eigene Projektlogiken teilweise parallele Strukturen begünstigen. Ein Beispiel ist der Umgang mit Daten und Projektwissen. Hilfreich wäre aus meiner Sicht, wenn Projekte nicht immer wieder eigene Datenbanken oder Wissensplattformen aufbauen müssten, sondern stärker auf gemeinsame europäische Strukturen zurückgreifen könnten, etwa über die , in die Projekte ihre Datensätze, Maßnahmenbeschreibungen und Erkenntnisse gezielt einspeisen müssten. Das würde Doppelungen vermeiden und die Nachnutzung erleichtern.

Ähnliches gilt für die Zusammenarbeit zwischen EU-Projekten. Austauschformate und Veranstaltungen sind wichtig, sollten aber noch stärker mit konkreten gemeinsamen Ergebnissen verknüpft werden: zum Beispiel durch Co-Creation von Maßnahmen, gemeinsame Living Labs oder Politikempfehlungen. Das ist anspruchsvoll und bringt eigene Herausforderungen mit sich, könnte aber helfen, vorhandenes Wissen noch besser zusammenzuführen. Zudem sollte das im ECFWF mit JRC entwickelte Data Collection Protokoll des Evaluationsframework stärker genutzt werden – idealerweise verpflichtend für Projekte, die Interventionen in privaten Haushalten durchführen. Ein Projekt wie das Dialogforum könnte dazu einen Beitrag leisten, in dem z.B. die Erkenntnisse in das Hub eingespeist werden oder das Evaluierungsframework breiter bekannt gemacht wird in Deutschland. Darüber hinaus könnte es aber auch hier in Deutschland als Resonanzraum wirken: Maßnahmen, die an einer Stelle gut funktioniert haben, werden gemeinsam weiterentwickelt, um passende Bausteine ergänzt und mithilfe der Mess-App vergleichbar auf ihre Wirkung überprüft.

Wenn Sie eine Botschaft aus Ihrer EU-Arbeit an Entscheider*innen oder Praktiker*innen weitergeben könnten, die heute an der Reduzierung von Lebensmittelverschwendung arbeiten, welche wäre das?

Meine zentrale Botschaft wäre: Bitte nicht immer wieder bei null anfangen. In den vergangenen zehn Jahren ist auf europäischer und nationaler Ebene sehr viel Wissen entstanden – aus Forschung, Praxisprojekten, Plattformen und Interventionen. Dieses Wissen sollten wir alle konsequenter nutzen. Natürlich ist jede Situation unterschiedlich. Im ECFWF haben wir auch gesehen, dass individuelle Lösungen und die kluge Kombination verschiedener Ansätze wichtig sind. Aber gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Was gibt es bereits? Was hat unter welchen Bedingungen funktioniert? Und wo bestehen noch echte Wissenslücken? Für Praktiker*innen heißt das aus meiner Sicht: auf Bestehendem aufbauen, Maßnahmen weiterentwickeln, Doppelungen vermeiden und Wirkung konsequent mitdenken. Dazu gehört auch, selbst über Ergebnisse zu berichten – nicht nur über Erfolge, sondern auch über Grenzen und Lernprozesse. Nur so entsteht der Erkenntnisgewinn, den wir brauchen, um Lebensmittelverschwendung wirksam zu reduzieren.

Hintergrund zum Projekt

Das Dialogforum private Haushalte 2.0 wird im Rahmen der Nationalen Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gefördert. Es arbeitet eng mit der BMEL-Initiative ‚Zu gut für die Tonne!‘ zusammen. Die Projektträgerschaft erfolgt über die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) über den Zeitraum Oktober 2023 bis September 2026. Das Dialogforum wird von Slow Food Deutschland zusammen mit dem Fachgebiet Bildung für Nachhaltige Ernährung und Lebensmittelwissenschaft der TU Berlin durchgeführt.

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