Rückblick Terra Madre Europe 2026: Agrarökologie im Zentrum der europäischen Ernährungspolitik
Vom 7. bis 9. Juni 2026 kamen in Brüssel Vertreter*innen des Slow-Food-Netzwerks aus 27 europäischen Ländern zusammen. Im Rahmen von Terra Madre Europe 2026 diskutierten Landwirt*innen, Köch*innen, Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen und politische Entscheidungsträger*innen über die Zukunft der europäischen Lebensmittelsysteme. Ein Rückblick auf zentrale Themen, Begegnungen und politische Forderungen. Im Mittelpunkt standen die Frage, wie Europas Lebensmittelsysteme widerstandsfähiger, gerechter und nachhaltiger werden können, sowie die politische Rolle der Agrarökologie bei der Bewältigung von Klima-, Biodiversitäts- und Ernährungskrisen.
Terra Madre Europe brachte Menschen zusammen, die bereits heute konkrete Lösungen in ihren Regionen umsetzen – von agrarökologischen Höfen über Lebensmittelgemeinschaften bis hin zu Bildungs- und Ernährungsprojekten. Ziel war es, Erfahrungen auszutauschen, voneinander zu lernen und gemeinsame politische Forderungen für die Zukunft der europäischen Agrar- und Ernährungspolitik zu formulieren.
Lebensmittel als Verbindung zwischen Menschen, Regionen und Kulturen
Den Auftakt bildete am Sonntag ein Earth Market. Besucher*innen konnten regionale und handwerklich hergestellte Lebensmittel entdecken, Produzent*innen kennenlernen und an Workshops, Verkostungen und Bildungsangeboten teilnehmen. Neben dem Austausch über Lebensmittel und Esskulturen standen Begegnungen zwischen Produzent*innen und Verbraucher*innen im Mittelpunkt. Terra Madre Europe zeigte einmal mehr, dass gutes, sauberes und faires Essen Menschen verbindet und lokale Gemeinschaften stärkt.




Austausch, Vernetzung und Lernen im europäischen Netzwerk
Der zweite Veranstaltungstag war dem Austausch innerhalb des europäischen Slow-Food-Netzwerks gewidmet. Vertreter*innen aus den verschiedenen Ländern diskutierten über aktuelle Herausforderungen, erfolgreiche Projekte und gemeinsame Strategien für die Zukunft.
Dabei wurde deutlich: Obwohl die Ausgangssituationen in den einzelnen Ländern unterschiedlich sind, ähneln sich viele Herausforderungen. Klimawandel, Biodiversitätsverlust, wirtschaftlicher Druck auf landwirtschaftliche Betriebe und die zunehmende Konzentration entlang der Lebensmittelkette beschäftigen Lebensmittelgemeinschaften in ganz Europa.




Agrarökologie als Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit
Ein zentrales Thema der Veranstaltung war die Agrarökologie. Dieser Ansatz verbindet ökologische Landwirtschaft mit sozialer Gerechtigkeit, regionalen Wirtschaftskreisläufen und kultureller Vielfalt.
Wie Marta Messa, Generalsekretärin von Slow Food, betonte, handelt es sich dabei nicht um ein abstraktes Konzept, sondern um eine konkrete Realität, die bereits von zahlreichen Lebensmittelgemeinschaften in Europa gelebt wird.


Agrarökologische Systeme stärken die Bodenfruchtbarkeit, fördern Biodiversität, reduzieren die Abhängigkeit von fossilen Ressourcen und synthetischen Betriebsmitteln und erhöhen die Widerstandsfähigkeit landwirtschaftlicher Betriebe gegenüber Krisen.
(...) „Ernährungspolitik ist nicht nur eine technische oder wirtschaftliche Frage, sondern immer auch eine kulturelle und politische. Es geht darum, Verantwortung und Verbindung bei der Erzeugung und beim Teilen von Lebensmitteln wiederherzustellen – und dabei Würde und Gerechtigkeit für alle zu sichern.“
Politischer Höhepunkt: Übergabe des Positionspapiers im Europäischen Parlament
Zum Abschluss von Terra Madre Europe präsentierte Slow Food ein gemeinsames Positionspapier zur Zukunft der europäischen Lebensmittelsysteme. Die Empfehlungen wurden im Europäischen Parlament vorgestellt und offiziell an EU-Agrarkommissar Christophe Hansen übergeben.

EU-Kommissar für Landwirtschaft und Ernährung Christophe Hansen nahm an der Abschlussveranstaltung teil und nutzte die Gelegenheit zum Austausch mit Produzent*innen und Produzenten über Ideen und Vorschläge für die Zukunft der europäischen Agrar- und Ernährungspolitik.
Vertreter*innen und Vertreter von Slow Food aus allen EU-Mitgliedstaaten kamen in Brüssel zusammen, um gemeinsame Prioritäten für die Zukunft der Lebensmittelsysteme in Europa und darüber hinaus festzulegen. Die daraus hervorgegangenen Empfehlungen beruhen auf den Erfahrungen von Bäuer*innen und Bauern, Erzeugern und Gemeinschaften, die den Wandel hin zu nachhaltigeren und widerstandsfähigeren Lebensmittelsystemen bereits heute vorantreiben, und wurden EU-Kommissar Hansen offiziell übergeben.
Agrarökologische Modelle gibt es längst in ganz Europa – auf den Feldern und weit darüber hinaus. Dennoch ist die EU-Politik nach wie vor zersplittert und stützt weiterhin Systeme, die Umweltzerstörung, wirtschaftliche Unsicherheit und soziale Ungleichheit verschärfen.
„Der Wandel ist in Europa bereits im Gange“, sagte Marta Messa, Generalsekretärin von Slow Food. „Agrarökologische Systeme bringen der Gesellschaft ganz konkrete Vorteile – von mehr Biodiversität über stärkere lokale Wirtschaftskreisläufe bis hin zu mehr Würde für Bäuerinnen und Bauern. Trotzdem gelten sie noch immer als Randerscheinung. Was fehlt, ist der politische Wille, sie zum Regelfall zu machen.“
Auch FAO-Vizedirektor Maurizio Martina betonte in seinem Onlinebeitrag, dass die FAO die Agrarökologie als den einzigen tragfähigen Weg für eine nachhaltige und wirtschaftlich tragbare Transformation betrachtet.
Die zentralen Forderungen von Slow Food
Mit dem Positionspapier fordert Slow Food einen systemischen Ansatz für gutes, sauberes und faires Essen für alle.
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Öffentliche Fördermittel auf die agrarökologische Transformation umlenken
Slow Food fordert eine Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), die Betriebe klar bevorzugt, die öffentliche Güter bereitstellen – darunter Biodiversität, Bodengesundheit, Klimaschutz und artgerechte Tierhaltung. Gleichzeitig braucht es eine verlässliche Unterstützung für Höfe in der Umstellung und für Menschen, die neu in die Landwirtschaft einsteigen.
„Auf unserem Hof heißt Agrarökologie, über die reine Produktion hinauszudenken und auch Ökosystemleistungen zu stärken“, erklärt Jacopo Goracci, Landwirt und Koordinator einer Slow Food Presidio-Gemeinschaft, die sich mit nachhaltiger Landwirtschaft für den Erhalt der Rinderrasse Maremmana einsetzt. „Gemeinsam mit Tierärzten und Universitäten haben wir zum Beispiel einen mobilen Schlachthof entwickelt und damit das Tierwohl verbessert, ohne die Böden zusätzlich zu belasten. Europa darf sich nicht allein auf mehr Produktion konzentrieren – wir müssen nach den Prinzipien von gut, sauber und fair wirtschaften.
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Faire Preise sichern und das Machtgefälle in der Lebensmittelkette ausgleichen
Slow Food fordert konsequente Maßnahmen gegen Verkäufe unterhalb der Produktionskosten, mehr Preistransparenz und eine stärkere Verhandlungsposition für landwirtschaftliche Betriebe.
„Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in ganz Europa stehen massiv unter Druck – durch Wirtschaftskrisen, den Klimawandel und unlauteren Wettbewerb“, sagte Lilian Kouidou, Gründerin der The Chilli Factor Organic Farm in Griechenland. „Man kann nicht erwarten, dass Landwirtinnen und Landwirte die Transformation anführen, wenn sie gleichzeitig wirtschaftlich ums Überleben kämpfen. Faire Preise sind die Grundlage jeder glaubwürdigen Lebensmittelpolitik.“
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Lokale Ernährungssysteme und Infrastruktur wieder aufbauen
Investitionen in lokale Verarbeitung, Lagerung und Verteilung sind entscheidend, um regionale Lebensmittelsysteme zu stärken und die Wertschöpfung in ländlichen Regionen zu halten.
„Agrarökologie bezieht die gesamte Wertschöpfungskette ein – von den Landwirtinnen und Landwirten über die Verbraucherinnen und Verbraucher bis hin zu den Köchinnen und Köchen“, betonte Minae Tani-LaFleur, japanische Food-Unternehmerin in Helsinki. „Für uns ist Essen zur idealen Brücke zwischen unterschiedlichen Migrantengemeinschaften geworden. Jetzt braucht es politische Maßnahmen, die neue Betriebe fördern – besonders von Frauen sowie Migrantinnen und Migranten – und zugleich zentrale Lücken schließen, etwa bei der Erschwinglichkeit und bei praxistauglichen gesetzlichen Rahmenbedingungen.“
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Handelspolitik an ökologische und soziale Standards anpassen
Slow Food fordert die EU auf, Spiegelmaßnahmen einzuführen und Doppelstandards im Handel abzuschaffen – einschließlich eines Verbots für den Export von Stoffen, die innerhalb der EU nicht zugelassen sind.
„Europa kann von seinen Landwirtinnen und Landwirten nicht hohe Standards verlangen und gleichzeitig Lebensmittel importieren, die unter deutlich niedrigeren Anforderungen produziert wurden“, sagte Sharon Sheets von Slow Food Deutschland. „Das untergräbt sowohl die Nachhaltigkeit als auch die Fairness. Die Handelspolitik muss mit den europäischen Sozial- und Umweltstandards in Einklang stehen.“
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Zugang zu gutem, sauberem und fairem Essen für alle sichern
Weil sich in Europa etwa jede zehnte Person nicht einmal jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit leisten kann, fordert Slow Food Gesetze, die den Zugang zu gesunden, bezahlbaren und kulturell angemessenen Lebensmitteln sichern.
„Bäuerinnen und Bauern wünschen sich, dass die Politik endlich zuhört“, sagte Ana María Martín Sanchis, Mitglied des Slow Food Netzwerks in Spanien. „Die Agrarökologie ist längst eine erprobte Lösung. Das Wissen und die Erfahrung sind in Netzwerken wie Slow Food vorhanden – jetzt geht es darum, politische Maßnahmen zu schaffen, die sie wirklich tragen.“
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Biodiversität, Wissen und Esskulturen bewahren
Die vorgeschlagenen Maßnahmen betonen die Bedeutung biokultureller Vielfalt, traditioneller Saatgutsysteme und lokalen Wissens. Zugleich fordern sie flexiblere Regelungen für handwerklich arbeitende Erzeugerinnen und Erzeuger.
„Agrarökologie zeigt, wie Lebensmittel produziert werden können, ohne Ökosysteme zu gefährden“, ergänzte Francesco Sottile, Mitglied des Slow Food Vorstands. „Gleichzeitig sind wir besorgt, dass dieser Ansatz in künftigen EU-Richtlinien nicht ausreichend verankert sein könnte. Gerade jetzt, da sich die Umweltkrisen verschärfen, braucht es mehr politischen Mut – nicht weniger.“
Von der Nische zum neuen Standard
Die zentrale Botschaft von Terra Madre Europe lautet: Agrarökologie funktioniert bereits. Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob dieser Ansatz wirksam ist, sondern ob die politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um ihn zum Regelfall werden zu lassen.
Terra Madre Europe 2026 hat gezeigt, wie groß das Wissen, die Erfahrung und die Innovationskraft in Europas Lebensmittelgemeinschaften sind. Nun braucht es politische Entscheidungen, die diese Entwicklungen unterstützen und langfristig absichern.
Weiterführende Informationen
>>> Zum Positionspapier
>>> Mehr Informationen zu Terra Madre Europe 2026
Die Veranstaltung wurde dank der Unterstützung verschiedener Partner ermöglicht, darunter das EU-LIFE-Programm, Meatless Monday und die European Climate Foundation.
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