Kochen ist Kunst! - Ein Standpunkt von Sabrina Buchholz

23.02.2026 - Was verbindet Slow Food und Kunst? Sabrina Buchholz geht der Frage nach, warum Essen weit mehr ist als bloße Nahrung: kulturelles Erbe, gesellschaftlicher Ausdruck und politische Haltung zugleich. Von Arcimboldos Gemüse-Porträts über die Eat-Art bis zu partizipativen Kochperformances – Genuss kann die Welt verändern.

»Der Slow-Food-Ansatz ist sehr eng mit der Kunst verwoben«

»Kochen ist Kunst, die gegessen wird.« Die Frau, die das gesagt hat, durfte sich mit Fug und Recht Selfmade-Kochstar nennen. Im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts verschaffte die Italoamerikanerin Marcella Hazan mit leidenschaftlichem Einsatz und einer Reihe von Kochbüchern den Gerichten ihrer italienischen Heimat große Popularität in den USA. Aber ist Kochen deshalb Kunst?

Kunst und Slow Food sind zwei unverzichtbare Bestandteile meines Lebens, und ich sehe viele Brücken zwischen beiden. Geht das anderen Menschen auch so? Bereichern sich Kunst und Slow Food sogar gegenseitig? Ich meine: ja! Kunst ist ebenso Ausdruck unserer Kulturgeschichte, wie die tradierte Art, uns zu ernähren. Innige Verbindungen gehen Kunst und Essen wohl weniger im Rahmen eines Krimi-Dinners oder beim Lesen eines Gastro-Krimis ein. Spannend wird es, wenn beim Aufeinandertreffen von Kulinarik und Kunst neue Vorstellungswelten geöffnet werden. Wenn Bestehendes hinterfragt, Emotionen geweckt und Möglichkeiten aufgespannt werden.

Der Maler Giuseppe Arcimboldo komponierte im 16. Jahrhundert Portraits aus Früchten, Fischen, Broten und Gemüse. Diese Gesichter aus den Grundnahrungsmitteln Europas waren vordergründig eine manieristische Spielerei, sie zeigten aber auch die enge Verknüpfung des Menschlichen mit dem Essbaren. Viel später orientierten sich die Surrealisten an diesen Darstellungen des Unerwarteten. Sie sahen im Essen nicht nur Nahrung, es erschien ihnen ebenso als Instinkt, als Symbol für Begierden und Ängste. Alltäglichkeiten wurden zum Besonderen. Gegensätze waren für sie immer zwei Seiten einer Medaille, unzertrennlich zusammen.

Mit den Surrealisten kamen neue Kunstformen auf. Essen wurde nicht mehr nur skulptural oder als »Flachware«, also Gemälde, dargestellt, es entstanden partizipatorische Formate wie Performance, Installationen und in deren Folge Happenings und ähnliche Inszenierungen. Auch andere Kunstströmungen griffen immer wieder Nahrung und Nahrungsmittel als Thema auf: Arte Povera, Minimalismus, Konzeptkunst oder Daniel Spoerri als Vorreiter der Eat-Art. Nicht zuletzt öffnete Josef Beuys den Kunstbegriff, in dem er in jedem Menschen eine*n Künstler*in sah.

Der Begriff »Essen für alle«, den Slow Food zum Leitspruch wählte, steht heute für die Forderung nach einer gerechten, nachhaltigen Ernährung, die allen Menschen Zugang zu gesunden Lebensmitteln ermöglicht. Hunger und Überfluss existieren gleichzeitig: Die surrealistische Spannung zwischen verschwenderischer Fülle und lebensbedrohlichem Mangel ist längst keine poetische Metapher mehr, sondern Teil der täglichen Nachrichten. Künstlerinnen und Künstler greifen diese Widersprüche auf, indem sie mit Lebensmitteln arbeiten, sie verformen, inszenieren oder zerstören, um auf das unsichtbare Netz von Abhängigkeiten aufmerksam zu machen, dass die globalen Ernährungssysteme durchzieht.

Und hier ist der Slow-Food-Ansatz sehr eng mit der Kunst verwoben. Entstanden als Gegenentwurf zur Beschleunigung des Konsums, verstehen wir Essen als schützenswertes kulturelles Erbe, als gemeinschaftliches Gut. Genuss wird zur Motivation, Essen politisch, Zeit wird zur Haltung. Wir erleben partizipative Kochperformances, essbare Installationen, urbane Gärten, die zu Ausstellungsräumen werden. Slow Food verschiebt die Perspektive: Essen ist nicht nur ein Medium der Kunst, sondern ein Ort der Begegnung, ein soziales Labor, ein Erfahrungsraum, der das Erleben der Zuschauerinnen und Zuschauer miteinbezieht.

Kochen und essen in diesem Geist verändert auch die Kunst: Essen wird zu einer Geste, zu einer Einladung, zu einem Ritual, das Menschen verbindet und Räume öffnet. So geschehen jüngst in Lübeck: Die Bürgerbühne des Theater Lübeck brachte Schauspieler*innen und Publikum an einer Tafel zusammen, und ein eindringliches Schauspiel begann (→ www.slowfood.de/netzwerk/vor-ort/luebeck/convivium_aktuell/einbruch-bei-tisch).

»Jeder Mensch als soziales Wesen hat die schöpferische Kraft, sich selbst und die Welt zu verändern.« Mit diesem Zitat von Joseph Beuys wünsche ich uns eine große Verquickung von Kunst und Slow Food, damit sich die Welt im Sinne unserer Ideale ändert.


Text: Von Sabrina Buchholz, stellvertretende Vorsitzende von Slow Food Deutschland

Quelle: Erschienen im Slow Food Magazin 01/2026

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