Rückblick auf unsere Podiumsdiskussion in München: „Das Ernährungssystem braucht ein Miteinander“
Dass das Ernährungssystem ein Miteinander braucht, davon waren nicht nur die Diskutierenden auf dem Podium überzeugt, sondern auch die rund 200 Zuhörenden in der Pinakothek der Moderne in München. Trotz dieser Einigkeit wurde es ein Abend voller überraschender Perspektiven, mitreißender Plädoyers und genussvoller Entdeckungen. Dr. Rupert Ebner, Vorsitzender von Slow Food Deutschland, begrüßte die Gäste auf der Bühne und im Publikum, darunter seine Vorstandskolleginnen Sabrina Buchholz und Ulrike Höller.

Gemeinschaft als Motor für Veränderung
Die Veranstaltung am 30. September war Teil des Rahmenprogramms zur Ausstellung „Convivium – Nahrungssysteme am Limit“ des Architekturmuseums der TU München. Museumsdirektor Prof. Andres Lepik betonte in seiner Begrüßung den disziplinübergreifenden Charakter sozial engagierter Architektur. Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigte Stadtrat Christian Smolka. In Vertretung von Oberbürgermeister Dominik Krause berichtete er von Münchens Erfahrungen als Biostadt. Mit dem „Haus der Kost“ bringe die Stadt alle relevanten Akteure zusammen, um ihr Ernährungssystem zukunftsfest zu machen. Als Slow-Food-Mitglied der ersten Stunde kennt er auch die politische Kraft eines Conviviums: Gemeinschaft als Motor für Veränderung.
„Man kann keine Revolution machen, wenn man traurig ist“
Dass Essen politisch ist, wusste auch Carlo Petrini, als er „Convivium“ zum Begriff für die Keimzelle genussvoller und politischer Arbeit machte. Marta Messa, Generalsekretärin von Slow Food, zitierte den Slow-Food-Gründer in ihrem Eröffnungsvortrag mit diesem Satz. Dass die nötigen Veränderungen im globalen Lebensmittelsystem tatsächlich revolutionär sein müssen, zeigt eine Zahl: Rund 2,8 Milliarden Menschen weltweit sind derzeit von Ernährungsunsicherheit betroffen. Marta Messa vermittelte ein lebendiges Bild von der Größe und Vielfalt der Slow-Food-Bewegung. Sie verbindet Laien mit Profis aus allen Bereichen der Lebensmittelwirtschaft, bringt agrarökologisches Wissen in die Praxis und vertritt diese Anliegen bis in die höchsten politischen Ebenen.
Was kostet billiges Essen?
Die Frage, ob gutes Essen in unserem Sinne eine elitäre Angelegenheit sei, setzte den Rahmen für die Podiumsdiskussion. Die Gegenfrage lautete: Wie hoch ist eigentlich der Preis für billiges Essen? Von dort aus arbeitete sich die Runde an teils brisanten Themen ab. Allein in Deutschland verursacht die Landwirtschaft Folgekosten von rund 90 Milliarden Euro im Jahr, etwa durch Ressourcenverbrauch, Umweltschäden oder Wasseraufbereitung. Hinzu kommen rund 30 Milliarden Euro im Gesundheitswesen für die Folgen ungesunder Ernährung. Wie lassen sich diese externalisierten Kosten im Ladenpreis abbilden, sodass das Verursacherprinzip breite Akzeptanz findet? Erschwerend kommt hinzu, dass die Deutschen im internationalen Vergleich besonders wenig für Lebensmittel ausgeben.
Brücken bauen können interdisziplinäre Forschung, etwa aus Agrarwissenschaft, Soziologie und Psychologie, und Reallabore, in denen Praxis und Politik auf Augenhöhe Wissen austauschen. Erfahrungen damit brachten Prof. Alois Heißenhuber aus der Kommission Landwirtschaft am Umweltbundesamt und Prof. Peter Strohschneider aus der Zukunftskommission Landwirtschaft ein.
Um das Ziel von 30 Prozent Ökolandbau zu erreichen, reicht eine stärkere Nachfrage allein nicht aus. Es braucht auch politische Rahmensetzungen. Tina Andres wies nachdrücklich darauf hin, wie schwer der Zugang zu gesundem, nachhaltigem Essen vielerorts ist. Ein Hauptgrund dafür sei die Marktmacht der konventionellen Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie.
Kein Grund zum Aufgeben
Einig waren sich alle: Die schwierigen Umstände dürfen nicht dazu führen, den Einsatz für ein nachhaltiges Ernährungssystem aufzugeben. Viele Beispiele für zivilgesellschaftliches Engagement und richtige Weichenstellungen geben Anlass zur Hoffnung. Vielleicht gilt hier, was Albert Camus über Sisyphos schrieb, der seinen Stein immer wieder den Berg hinaufrollt: Man muss ihn sich als glücklichen Menschen vorstellen.
Musikalisch umrahmt wurde der Abend vom Duo „Ninette & Ottilie“. Mit Piano und Stimme brachten die beiden Musikerinnen Natur und Hoffnung in den Saal.
Wie es sich für Slow Food gehört, endete der Abend genussvoll: mit Leckereien der Chef-Alliance-Köche Dominik Klier (Caspar Plautz) und Manuel Reheis (Restaurant Broeding), Slow Wein vom Weinguth Feth und Bier von Haderner, der ersten Münchner Bio-Brauerei. Dazu gab es lebhafte Gespräche an den Infoständen von Food-Genossenschaften.
Text: Frank Buchholz















