15.05.2015: 10 Milliarden - Wie werden wir alle satt?

Valentin Thurn im Gespräch, Foto: Ira Schneider

Filmpremiere in Köln

Im Laufe dieses Jahrhunderts wird die Weltbevölkerung auf zehn Milliarden anwachsen. Wo soll die Nahrung herkommen, die jeder Einzelne täglich zum Überleben benötigt? Dieser Frage geht Filmemacher Valentin Thurn ("Taste the Waste") in seinem neuesten Dokumentarfilm nach, der am 16. April 2015 in bundesweit über 60 Kinos startet. Ira Schneider war bei der Premiere im Kölner Cinenova-Kino am 15. April 2015 dabei.

„Zwei Lager behaupten, die Lösung des Ernährungsproblems zu kennen: Einerseits die industrielle Landwirtschaft, die global immer weiter expandiert und hocheffizient auf Massenproduktion setzt. Demgegenüber stehen die biologische und die traditionelle Landwirtschaft, die zwar weniger Masse produzieren, dafür aber schonend mit den begrenzten Ressourcen umgehen“, so Valentin Thurn. Von beiden Seiten will der Filmemacher - der als Reisender durch seinen Film führt - wissen, wie sie die Welt künftig ernähren wollen.

Im Bild: Valentin Thurn im Gespräch


Viele Ansätze - viele Lösungen?

Herzliche Kartoffeln - Lebensmittel haben ihren Wert, Foto: Ira Schneider

Auf seiner Recherche rund um den Globus besucht Thurn die unterschiedlichsten Projekte und Modelle, spürt innovative Ansätze für die Ernährungssicherung auf lokaler und regionaler Ebene auf. In Japan besucht er ein Pflanzhochhaus für Gemüse, wo man auf kleinstem Raum etagenhoch mit elektrischem Licht auf Substratteppichen Gemüse anbaut. Auch im US-Bundesstaat Milwaukee sind fruchtbare Flächen rar gesät. Hier hat der Ex-Basketball-Star Will Allen die Urban Farming-Bewegung ins Leben gerufen. Er gewinnt mitten in der Stadt kostbaren Humus und nutzt ausgeklügelte geschlossene Systeme, um Land und Ressourcen einzusparen. Mit den Abfällen der Fischzuchtanlage düngt er den Boden, die darauf wachsenden Pflanzen wiederum dienen als Fischfutter. In den Niederlanden trifft der Filmemacher auf den Stammzellenforscher Mark Post von der Universität Maastricht, der 2013 der Welt das erste Fleisch aus der Petrischale präsentierte. Fleischkonsum ohne Tiere zu schlachten, ohne Flächenabnutzung, ohne Einbußen fürs Weltklima, ohne schlechtes Gewissen, aber mit identischem Fleisch-Geschmack - das ist die Vision. Noch unbezahlbar und nicht marktreif. Hier rechnet Thurn kühl, dass der Aufwand und Nutzen sich mit einer Weidehaltung in etwa die Waage halten würde.

Im Bild: Herzliche Kartoffeln - Lebensmittel haben ihren Wert.


Station im Bergischen Land und in Bonn

Taste of Heimat und seine regionalen Partner, Foto: Ira Schneider

Im Bergischen Land, in Hennef-Hanftal, besucht Valentin Thurn den Bio-Milchbauern Bernd Schmitz. Er bewirtschaftet mit seiner Familie im Vollerwerb einen Hof mit nur 50 Milchkühen und erläutert, wie er es trotzdem schafft, heutzutage davon zu leben. Ein geschlossener Betriebskreislauf mit Futtermittelproduktion auf dem Hof, so wie früher, und andere, alternative Vermarktungsschienen machen es möglich. So liefert Bauer Bernd - wie er sich selbst gerne nennt - in die SoLawi - Solidarische Landwirtschaft, ein Modell, das im Bonner Raum nun auch Anhänger gefunden hat. Eine Gemeinschaft aus Familien und Einzelpersonen unterhält - kurz gesagt - einen Bauernhof und tritt gemeinsam als Abnehmer auf. Der Landwirt produziert exklusiv für die Gruppe und erzielt für seinen Arbeit, den Preis, den er benötigt. Außerdem unterstützt die Gruppe den Bauern bei der anfallenden Arbeit auf dem Hof. Autark und selbstbestimmt der Ernährungsfrage gegenübertreten und den herkömmlichen Markt umgehen, ist das Ziel der SoLawi aus Bonn, die Hilke Deinet im Jahr 2012 gegründet hat. Zwischenzeitlich ist die Geografin auch mit dem solidarischen Ladenkonzept „Freikost“ an den Start gegangen, das naturbelassene Lebensmittel verkauft und ohne Verpackungen auskommt.    

Im Bild: Taste of Heimat und seine regionalen Partner, zu denen unter anderem der Naturpark Bergisches Land mit dem kulinarischen Netzwerk "Vielfalt schmeckt" und die Slow Food-Gruppe aus Köln gehören


Global denken - lokal handeln

Valentin Thurn mit Rhabarber vom Gertrudenhof aus Köln, Foto: Ira Schneider

Der Film beleuchtet über die vielen Einzel-Projekte hinaus die globalen Wechselwirkungen in der Landwirtschaft, die die Bereiche Saatgut, Düngung, Schädlingsbekämpfung, Futtermittelherstellung, Tierproduktion und Handel mit sich bringen. Es wird schnell klar, dass das Essverhalten der Menschen in den Industrienationen enormen Einfluss hat auf die Entwicklung in Drittweltländern, wo durch Soja-Anbau große Flächen nicht mehr für die Ernährung der Landsleute genutzt werden können. Menschen werden zudem von Großgrundbesitzern unter unwürdigen Bedingungen als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. "Die verschiedenen Beispiele im Film zeigen, dass eine Lösung für alle nicht passt. Immer muss auch die Situation vor Ort mit einbezogen werden", so Thurn. Auch in der anschließenden Diskussionsrunde sprachen sich viele für eine Vielfalt der Zukunftsmodelle aus. Altes Saatgut zu erhalten sei genauso wichtig wie neues zu entwickeln, um standortangepasst und wirtschaftlich agieren zu können. „Alle aufgeführten Beispiele offenbaren jedenfalls, welch enormen Einfluss wir mit unserem Essverhalten haben. Jeder von uns entscheidet aktiv mit, welcher Weg zukünftig die Landwirtschaft dominieren wird“, so Thurn - der nicht nur begleitend zum  Film das Buch „Harte Kost“ mit Co-Autor Stefan Kreuzberger herausgebracht hat, sondern auch die Plattform „Taste of Heimat“ initiiert hat. „Frei nach dem Motto ‚Global denken - lokal handeln‘ kann sich jeder in seiner Region für lokale Modelle und gute Lebensmittel einsetzen. Taste of Heimat, mittlerweile ein gemeinnütziger Verein, stellt auf seiner Internetseite, zunächst für den Raum Köln-Bonn-Düsseldorf als Modellregion, verschiedene Vermarktungsinitiativen vor Ort vor und hilft dabei, Anbieter in der Region zu finden.

Im Bild: Valentin Thurn mit Rhabarber vom Gertrudenhof aus Köln


Anders packend

Taste of Heimat verrät, wo man regional einkaufen kann, Foto: Ira Schneider

In seinem letzten Film „Taste the Waste“ hat Thurn aufgezeigt, welche Mengen an brauchbaren Lebensmitteln heute achtlos weggeworfen werden und hat damit eine gesellschaftliche Debatte über Deutschland hinaus entfacht. „Es war nur konsequent und auch der Wunsch vieler, dass der nächste Dokumentarfilm die Landwirtschaft als Basis für die Welternährung in den Mittelpunkt rückt“, so Thurn. Und auch schon ein Wunsch für einen neuen Film kam aus dem Publikum: der Verpackungsmüll. „Müssen Lebensmittel so verpackt werden wie sie verpackt werden und wenn ja, gibt es vielleicht andere Lösungen als Plastik?“, so eine Zuschauerstimme bei der Premierenveranstaltung. Dass der Film „10 Milliarden“ genauso - jedoch anders - packend ist als „Taste of Heimat“ bestätigten auch die Ehrengäste des Abends. Zum Gratulieren kamen Matthias Kremin (Kulturchef, WDR-Fernsehen), Petra Müller (Geschäftsführerin Film und Medienstiftung NRW), Johannes Remmel (Umweltminister, NRW), Jürgen Roters (Oberbürgermeister, Köln) und Günter Walfraff (Journalist). Nicht zuletzt besticht der Film über viele Aha-Erlebnisse hinaus zwischen seinen Industrie-Sequenzen durch schöne Landschaftsaufnahmen und nimmt den Zuschauer auch stilistisch „an die Hand“. Denn Valentin Thurn ist als Ich-Protagonist mit Koffer um den Globus unterwegs, spricht aus dem Off und kommentiert. Eine globale Reise, die - wie beim Thema Lebensmittelverschwendung bei jedem zu Hause wieder endet. Denn man fragt sich: was kann ich selbst ändern, damit sich die Welt positiv verändert?

Text und Fotos: Ira Schneider


Weitere Infos zum Film und zum regionalen Handeln

bergisch pur - die Regionalmarke aus dem Bergischen Land war auch mit dabei. Foto: Ira Schneider
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