Slow Wein

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"Slow Wein" konkretisiert sich - langsam, aber sicher

Als der CV Rheingau im Oktober 2011 das Thema "Slow Wein" auf der Convivienleiter-Tagung zur Diskussion stellte, gab es großes Rätselraten: was bedeutet das eigentlich? Heute - nach ca. 50 Interviews mit Winzern und Experten sowie über 100 Kommentaren von Slow Food Mitgliedern - sind wir etwas schlauer. Bei allen Unterschieden zwischen den verschiedenen Weinbauregionen, den verschiedenen "Öko-Strömungen" ("normal" versus "bio-dynamisch") und den Persönlichkeiten wie Weinstilen der Winzer zeichnen sich drei generell Kriterien ab, die auch die signifikanten Unterschiede zum industriellen Massenwein markieren:

- Regionale und kulturelle Identität

Während im "Industrie-Wein" ein gleichbleibendes Geschmacksbild angestrebt wird, zeichnet sich "Slow Wein" durch Identität aus: ein Riesling aus der Saar-Region schmeckt anders als vom Rheingau, 2010 anders als 2011 - und es werden dominant Rebsorten angebaut, die sich als zum Boden und dem Klima über mehrere Generationen als besonders passend herausgebildet haben (z.B. der Silvaner im fränkischen Muschelkalk).

- Handwerklich

Das Beginnt im Weinberg (z.B. bei der selektiven Handlese der Trauben) über die kleinteiligen, sortenspezifischen Ausbau im Keller (mit Präferenz für die Spontan-Vergärung) und die nicht standardisierte Behandlung wie Dauer des Hefelagers, Filtrierung (wenn überhaupt) usw.

- Ökologisch

D.h. es wird auf mineralische Düngung, Pestizid und Herbizid-Einsatz verzichtet, der Weinberg funktioniert - wenn auch als Monokultur - als Biotop mit vielfältigen "Bewohnern" (auch und besonders im Boden). Kontrovers wird dabei diskutiert, ob dies eine Zertifizierung nach der EU-Verordnung erfordert oder ob der Nachweis der ökologischen Bewirtschaftung auch anders erbracht werden kann.

In jedem Fall gilt: der Wein muss schmecken, man muss ihn genießen können. Und es überrascht daher nicht: gerade bei Spitzenweingütern ist der ökologische und "slow" Ansatz überproportional vertreten.

Ulrich Steger