Kontakt: Regina Fette
Adresse: Im Timp 5, 26624 Münkeboe
Fon: (04942) 45 61
E-Mail: ostfriesland (at) slowfood.de
Weitere Infos unter
Frischer Sturm, Starfighter, ein Brüller und ein Pfiff
Herwig Pecoraro ist ein beeindruckender Mann. Nicht nur sein Lebenslauf vom Gendarmen zum Sänger an der Wiener Staatsoper ist nicht gerade alltäglich, bemerkenswerter ist eigentlich, dass ihn die Liebe zum Kochen und Genießen sein Leben lang begleitet und geleitet hat, so dass er „nebenbei“ immer noch Zeit fand, sich mit diesen angenehmen Dingen des Lebens intensiv zu befassen. Herausgekommen ist dabei die erste Acetaia Österreichs, in der – nach vielem Tüffteln und Fehlversuchen – Aceto Balsamico in der Art von Modena hergestellt wird. Kennengelernt hatte es Pecoraro während seiner Gesangsausbildung in Modena, wo er nach dem „Brüllen“, wie er sein Singen gerne bezeichnet, immer noch genug Zeit für andere Dinge hatte. Z. B. um in einer Acetaia mitzuhelfen.
Die Qualität, die er inzwischen vor den Toren Wiens produziert, kann sich sehen lassen. Ein Löffelchen von dem wie Sirup glänzenden, dickflüssigem 9-jährigem Balsamico ist schlichtweg Genuss pur und hat mit Essig überhaupt nichts zu tun.
Aber dies war ja nur eine Station auf unserer knapp viertägigen Reise zu den Genüssen rund um und in Wien. Wir, 10 Slow Foodies aus Bremen und Ostfriesland, wollten einmal über unseren Tellerrand schauen und sehen, wie bei unseren österreichischen Nachbarn gute Lebensmittel und Genuss gehandhabt werden. Mit Michael Bennier, einem gebürtigen Wiener und Mitglied unseres Conviviums, hatten wir einen erfahrenen Reiseorganisator, der neben seinen zahlreichen Kontakten zu österreichischen Produzenten auch noch über ein immenses Wissen in Sachen Wiener Stadtgeschichte verfügt, an dem er uns gerne teilhaben ließ.
Bereits am ersten Tag ging es nach der Ankunft im Hotel zu einer Stippvisite in die Wiener Innenstadt. Vorbei an prächtigen Stadtpalais, Kirchen, Brunnen, den unvermeidlichen Fiakern, Kaffeehäusern und Hoflieferanten ging es direkt in eine kleine Nebenstraße ins legendäre Trzesniewski. Dort gibt es Schnittchen, die mit allen möglichen Ei-plus-irgendwas-Varianten bestrichen sind und die man entweder mitnehmen oder dort direkt in Begleitung eines Pfiffs* genießen kann. Keine Frage, dass wir dies unbedingt ausprobieren mussten.
Ein kurzer Blick auf die Hofreitschule und den Stephansdom und dann wieder eingetaucht in eine Passage, eine weitere kleine Gasse und schließlich in das Kaffee Alt Wien in der Bäckerstr. Zwar war dort Schnitzel bereits aus (diese Spezialität verschoben wir dann auf den vorletzten Abend), dafür gab es aber Gulasch. Und wer einmal solch ein gut gewürztes Gulasch gegessen hat, wird sich seelig über seinen Bauch streichen.
Aber das war ja nur alles Vorgeplänkel, bevor es am nächsten Tag richtig los ging. Mit einem kleinen Reisebus besuchten wir zuerst Herwig Pecoraro und seinen Aceto Balsamico, überquerten dann die Donau, durchquerten die Wachau und gelangten dann hinauf ins Waldviertel. Das seit jeher strukturschwache Landwirtschaftsgebiet zieht sich bis zur Grenze der Tschechei und gilt seit jeher als DAS Mohnanbaugebiet Österreichs. Von hier aus bezieht z. B Deutschland seinen Großteil an Mohnsamen, der hauptsächlich beim Backen Verwendung findet.
In Ottenschlag wurden wir von Andreas Gressl begrüßt, dessen Familien sich seit 20 Jahren auf den Mohnanbau spezialisiert hat. Neben Mohnöl aus Grau-, Blau- oder Weißmohn bieten sie natürlich auch den Mohn selbst an, aber auch Mohnölseifen und Gebäck findet man in dem liebevoll hergerichteten Verkaufsraum.
Aus der Not eine Tugend machte Johann Haider, der zwar einige Roggenfelder besaß, die aber allein auch nicht mehr zum Leben reichten. Er stellte sich also die Frage, was man noch mit Roggen anfangen könnte, und hatte schließlich die zündende Idee: Whisky. So kam es, dass die erste Whiskydestillerie im Waldviertel entstand. Bald reichte die Kapazität der ersten Brennanlage nicht mehr aus, eine größere musste her, so groß war die Nachfrage. Heute bietet er nicht nur verschiedene Whiskys an, er brennt ebenso Edelbrände und Edelliköre.
Zurück in Wien ging es dann zum Heurigen. Nein, nicht in irgendein Lokal im Grinzing, wo es eh nur von Touristen wimmelt, sondern in ein richtiges Heurigen-Lokal, in dem sich auch die Wiener treffen. Gestärkt mit Frischem Sturm**, Wein oder auch Bier, zusammen mit einem guten Essen ging es dann zurück ins Hotel.
Am dritten Tag streiften wir erst einmal getrennt durch Wien. Während die einen in die Albertina gingen, besahen sich andere den Stephansdom oder das Feinkostgeschäft Meinel oder genossen einfach bei einer Melange oder einem kleinen Schwarzen ein Stück Torte in einem der vielen Kaffeehäuser.
Am Nachmittag trafen wir uns alle beim Feigenhof in Simmering. Feigen in Wien? Klang irgendwie unwahrscheinlich. Aber es gibt sie. In mehreren Gewächshäusern pflegen Ursula Kujal und Harald Thiesz ihre Feigenplantage, deren Früchte nichts mit denen gemein haben, die man bei uns so kaufen kann. Grün oder leicht violett schimmernd, innen hellrot und äusserst aromatisch – schade, dass wir so etwas nicht auch vor unserer Haustür haben!
Am Abend nun gab es das lang ersehnte Wiener Schnitzel. Riesengroß war es und es hing tatsächlich über den Tellerrand, und lecker war es auch.
Am Donnerstag ging es dann an den Neusiedler See. Schon fast in Sichtweite von der ungarischen Grenze liegt das Weingut Rosenhof, wo wir mit den verschiedenen Trauben und ihren Unterschieden sowohl in Natura als auch in flüssiger Form vertraut gemacht wurden. Welschriesling, St. Laurent, Grüner Veltliner, einige waren uns bereits aus dem Angebot von Michael Bennier bekannt. Der Senior des Gutes, Herr Haider, zeigte uns stolz seine Weinstöcke, erzählte von den klimatischen und geologischen Besonderheiten der Region und auch davon, dass es in Illmitz tatsächlich einen eigenen Flughafen gibt. Zwar landet und startet dort nur ein einziges Flugzeug, aber dieses ist doch immens wichtig für die Weinbauern, sorgt es doch dafür, dass sich besonders die Stare nicht zu sehr an den süßen Trauben satt fressen. „Starfighter“ nennt er es übrigens...
Von Illmitz ging es weiter nach Frauenkirchen zu Erich Stekovics, DEM Tomatenpapst schlechthin. 3000 Tomatensorten gehören zu seinem Sortiment, von denen er allerdings im Wechsel nur immer 500 anbaut. Die reifen Exemplare werden dann eingelegt oder weiter bearbeitet, um dann im hofeigenen Laden zusammen mit anderen Gemüsen verkauft zu werden. Johannisbeertomaten, eingelegte Paradeiser, Paprika, Chutneys, Marmeladen, Essige, es war eine bunte Vielfalt, die einem die Auswahl nicht gerade leicht machte.
Einfacher war es da dann schon in der Sektkellerei Szigeti. Nach einer Führung durch die Anlage, in der wir das Märchen vom manuellen Schütteln der Flaschen durch alt gediente, im Laufe der Zeit ergraute Kellermeister ad acta legen durften und statt dessen ihre maschinellen Nachfolger begutachteten, gab es eine ausgiebige Sektverkostung, die wir mit viel Vergnügen genossen.
Wartete doch auf uns nur noch der Heimflug nach wirklich ereignisreichen und sehr spannenden vier Tagen in und um Wien.
Die nächste Reise ist bereits in Planung. Am 28. September 2009 geht es wieder los, diesmal nach Graz. Ich sage nur Kürbiskernöl...
*Ein Pfiff ist ein sehr kleines Pils
**Als Frischer Sturm bezeichnet man in Österreich den Federweissen