Zwischen Wingert & Busch
Schon seit dem hohen Mittelalter vor mehr als 1000 Jahren ist im Siebengebirge ein intensiver Weinbau betrieben worden. Eine besondere Rolle spielten dabei die Klöster, insbesondere das nahe Kloster Heisterbach, die bis zur Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts dort ihr Land für den Weinbau an wenige größere Betriebe, meist aber an kleine Selbstversorger verpachteten. Eine Besonderheit des Weinbaus im Siebengebirge war die umfangreiche Rahmholzwirtschaft zur Gewinnung der Weinbergpfähle. Deren deutliche Spuren sind heute noch zu sehen.
Mit dem allgemeinen Niedergang des Weinbaus im 19. Jahrhundert, auch verursacht und verstärkt durch die Reblauskatastrophe, hat sich das Bild heute stark gewandelt. Nach der Umstellung vieler ehemaliger Rebflächen in (Streu-) Obstwiesen ab etwa 1920 und der Flurbereinigung in den 1970er und 1980er Jahren ist der Weinbau im Siebengebirge inzwischen wieder sehr lebendig.
Auf einer kleinen Wanderung von etwa sieben Kilometer haben wir am 25. Oktober 2025 diese Landschaft ein wenig näher kennengelernt und dabei vor Ort von Hans-Georg Grothues, Mitglied unseres Conviviums Bonn und heimisch im Siebengebirge, einiges über die historische (Wein-) Wirtschaft und den heutigen Weinbau im Siebengebirgsraum erfahren. Dabei gab es insbesondere viele Spuren zur Historie des Weinbaus und auch der Obstwirtschaft im Siebengebirge zu entdecken.
Durch die heute nördlichsten Weinberge am Mittelrhein, am Laurentiusberg, dem Rosenhügel und dem Sülzenberg ging es von Oberdollendorf mit seinen vielen alten Winzerhäuschen zunächst hinauf auf die Höhe über dem Rhein mit weitem Blick auf Bonn und bis nach Köln. Auf einem kurzen Abstecher kann dort oben noch eine zu Demonstrationszwecken angelegte Pflanzung von Kopfweiden besichtigt werden. Diese wird auch heute noch von einem der beiden Winzer in Oberdollendorf gepflegt; und an einzelnen Weinstöcken, zum Teil in Einzelpfahlerziehung am steilen Hang, werden die Reben immer noch traditionell mit den Weidenruten gebunden. Damit kann dieses alte Handwerk noch heute dort besichtigt werden.
Wieder hinunter nach Oberdollendorf, ging es anschließend vorbei am Gut Sülz und der in Teilen mittelalterlichen Dorfkirche hinauf auf den Schnitzenbusch. Auf dem Gut Sülz ist nachweislich bereits vor mehr als 1000 Jahren Weinbau betrieben worden; heute ist es ein beliebtes Ausflugslokal mit einer sehr guten Weinauswahl und (im Sommer) einer großen Außengastronomie mit einem phantastischen Blick in das Amphitheater der anliegenden Weinberge. Auf dem Schnitzenbusch wurden Anfang des 20. Jahrhunderts die noch heute gut gepflegten, ebenfalls für das Siebengebirge typischen Streuobstwiesen angelegt, unter anderem für die traditionelle Krautherstellung aus Birnen, Äpfeln und Pflaumen, und auch Obstschnaps wurde bis in 1970er hinein aus dem dortigen Obst gebrannt.
Vorbei an einem Waldstück, in dem die Folgen der Rahmholzwirtschaft in Form von mehreren, untypisch gewachsenen, mehrstämmigen Buchen noch deutlich zu sehen sind, ging es dann zum Pfaffenröttchen, einem ebenfalls sehr alten, schon im Mittelalter bestehenden Weinberg. Dieser wird seit 2016 von Kay Markus Thiel und Katrin Sensenschmidt vom Weingut „Kay Weine“ in Oberdollendorf nach Bioland-Richtlinien bewirtschaftet. Als einziges Bio-Weingut in Nordrhein-Westfalen bewirtschaftet es weitere Weinbergparzellen, die schon in Rheinland- Pfalz, bei Dattenberg und Leutesdorf liegen. Im Pfaffenröttchen wird unter anderem der fast ausgestorbene Frühe Gelbe Malinger angebaut (an von „Kay Weine“ auch vinifiziert!), der in Deutschland sonst nur noch in einer weiteren, kleinen Parzelle in Rech an der Ahr beim Weingut Johannes Hostert zu finden ist. Seit 2025 ist diese Rebe Passagier der Arche des Geschmacks von Slowfood.
Nach unserem Spaziergang wurden wir schließlich in der Vinothek von „Kay Weine“ durch Katrin Sensenschmidt zu einer ausführlichen Probe ihrer Weine mit einem Sekt und sechs Stillweinen sowie einem kleinen Käseimbiss mit Brot begrüßt, um der Historie nun auch die Gegenwart der Weine aus dem Siebengebirge (und darüber hinaus) folgen zu lassen. Beeindruckend war dabei die geschmackliche Breite der drei verkosteten Rieslinge des Jahrgangs 2023 von den drei boden- und klimamäßig sehr unterschiedlichen Weinbergen vom Pfaffenröttchen in Oberdollendorf bis zum Weindorf Leutesdorf mehr als 30 Kilometer südlich am Rhein.