Was tun angesichts der Gastrokrise?

Ein Kommentar zur Pandemie-Problematik. Von Regionsbetreuer Andreas Schneider (Bamberger Land)

Für Insider, die betroffen sind oder die Entwicklung aufmerksam verfolgt haben, wird diese Information nicht neu sein: Die Lage im Gastgewerbe - in Folge der ersten Corona-Welle - ist dramatisch! Trotz der schrittweisen Öffnung der Freischankflächen und der Innengastronomie. Das Grundproblem: Gut gefüllte Gasträume gelten wie Nahverkehr, Großveranstaltungen, Massenunterkünfte und Schulen als Hotspots der Infektion. Als „Brandbeschleuniger der Pandemie“ (Zitat Karl Lauterbach). Daher der späte und gestufte Start dieser Branche und die hohen Hygiene-Auflagen.     

Angesichts dieser Tatsache ist es unnötig, um den heißen Brei zu reden. Es gilt reinen Wein auszuschenken: Die Pandemie hat gerade erst begonnen. Die radikalen Maßnahmen haben zwar gegriffen. Zu verdanken dem Weitblick gewählter Amtsträger und der Vernunft der Bürger in diesem Land. Der hoch ansteckende und noch weitgehend unbekannte Sars-Virus kann aber jederzeit, durch Leichtsinn oder sorglose Unachtsamkeit, explosionsartig zurückschlagen. Wie der Ausbruch im Restaurant „Alte Scheune“ in Leer zeigt. Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charitè vergleicht die gegenwärtige Phase als „Tanz mit dem Tiger“. Demnach gelte es Stück für Stück heraus zu finden, wo man dem Raubtier die Leine lösen kann, ohne dass es über uns her fällt. 

Ob sich auf Dauer tatsächlich an den gegenwärtigen Auflagen für Braugasthöfe, Weinschenken, Speiselokale, Dorfwirtschaften oder Bars, Cafés und Kneipen etwas ändern lässt, wage ich angesichts der Faktenlage zu bezweifeln. Gerade das gesellige beieinander sitzen vieler Menschen auf engem Raum (möglicherweise noch schlecht belüftet) begünstigt die Aerosol-Infektion so immens, dass eine einzelne Index-Person unbemerkt ganze Cluster infizieren kann. Daher wird es in der Gastronomie schon aus Gründen der Vernunft lange bei den Hygiene-Maßnahmen und Abstands-Regeln bleiben. Und die Rückkehr zur Normalität, so wie wir sie vor Corona kannten – ohne Gebote und Sicherheitsvorkehrungen – wird es eine lange Spanne Lebenszeit erst einmal nicht mehr geben. Bis ein Impfstoff, oder zumindest ein Medikament gefunden ist, das dieser gefährlichen Gefäß-Erkrankung zumindest ihren Schrecken nimmt. 

Es sollte daher allen klar sein, dass wir bei diesem „Marathonlauf (Zitat Markus Söder) erst am Anfang stehen. Auf der zweiten Etappe, nach dem Start. Die ersten zwei Monate sind geschafft. Nun gilt es über den Sommer zu kommen. Im Herbst folgt dann Etappe vier. Fachleute warnen aber bereits jetzt schon vor der zweiten Infekt-Welle. Im Winter folgt Etappe fünf. 2021 geht der Lauf dann weiter. Außer es geschieht ein Wunder. Vor Mitte/Ende 2021 rechnen Experten jedoch nicht ernsthaft mit verfügbaren Mitteln. 

Für die Gastronomie heißt das, dass sie sich im gegenwärtigen Zustand auf Dauer einrichten und das folglich betrieblich und wirtschaftlich ernsthaft durchrechnen muss. Corona geht nicht kurz vorüber. Dies muss den Gastronomen, die planen und wirtschaften, klar sein (und die ernst gemeinte Betonung dieser unschönen Wahrheit ist eine der Absichten dieses Beitrags). Dies muss aber nicht allein der Gastronomie, sondern auch der Gesellschaft und der Politik klar sein. Denn dieser Bereich unserer Lebenskultur, dieser Lebensmittelpunkte, als unverwechselbare Tradenten und Träger unserer Kultur und lokaler Identität, werden in der Form, wie wir sie kannten, nur überleben, wenn möglichst rasch jetzt Unterstützung und Förderung zu Hilfe kommt. Der Autor dieses Kommentars ist der Überzeugung: Ohne ein spezielles Sonderprogramm zur Rettung der Gasthaus- und Restaurant-Kultur können viele Lokale diese Zeit nicht überbrücken. Schon aufgrund der ausgedünnten Platzkapazitäten und der sich verschärfenden Situation nach dem Ende der Freischank-Saison. Wenn der Außenbetrieb in den jetzt nahezu infektionsfrei betreibbaren Gärten, Schenken und auf den Außenplätzen saisonal wieder enden wird. 

Laut aktueller Umfrage des Branchenverbands für Hotels und Gaststätten geben bereits über 80 Prozent der Betriebe an, dass ein wirtschaftliches Handeln unter den gegebenen Auflagen nicht möglich ist (Quelle: Dehoga-Homepage). Und ungefähr ähnlich viele Betriebe geben an, dass sie seit der Wiedereröffnung nur etwa halb so viel Umsatz fahren, wie vor dem Shutdown. Kredite zur Überbrückung helfen aufgrund der Dauer dieser Spanne nicht, sagen „Slow-Braugasthof-Betreiber“ unserer Region. Denn damit verschiebt sich die Problematik nach hinten, und man geht Risiken ein, bei denen die Last der Tilgung möglicherweise nie möglich ist. 

Daher muss auch Slow Food helfen und handeln!

Es müssen Gespräche mit politisch Verantwortlichen gesucht werden, um hier möglichst rasch eine eigene Lösung für die Branche zu finden. Sonst stehen etliche Traditionslokale und Genuss-Botschafter unserer Region vor dem Aus. Und es braucht Kreativität und Intelligenz. Allen Betroffenen ist zu sagen: Es muss letztlich in alle Richtungen gedacht werden. Möglicherweise hilft aktuell manch Schankstelle periodisch - bis zum Ende der Krise – (auch wenn das hart kling) erst einmal „einzumotten“. Anstatt sehenden Auges immer mehr Substanz und Rücklagen zu verlieren - und angesichts der Dimension und der Länge der Herausforderung dann doch die Segel zu streichen (weil man die Situation möglicherweise unterschätzt hat und Betrieb und Existenz nicht aufgeben konnte?). Denn da hängt ja das Herz, manchmal die Familien- Dorf- oder Stadtgeschichte, mit dran. Das gibt man nicht leichtfertig ab. Bedacht werden muss da aber auch: Es droht jederzeit auch ein weiterer, vielleicht auch nur regional begrenzter Lockdown. 

Da die Gastronomie ein ureigener Kern des Slow-Food-Engagements ist, sollen alle Betroffenen auch wissen: Slow Food ist solidarisch! Wir wissen um die Problematik und wir suchen nach Wegen, diese Krise zusammen zu überstehen! Melden Sie sich daher als Betroffener, mit Ideen, Kontakten oder Hilfsmöglichkeiten bei uns!

Rückmeldungen dazu sammeln wir unter: bambergslow@web.de          

Ein letzter Gedanke noch: Und es geht bei dem Thema nicht nur um die Gastronomie. Es geht dabei um das gesamte Netzwerk der Erzeuger, das mit dran hängt. Die damit immens an Absatzmöglichkeiten verlieren, wenn es hier zu einer Pleitewelle kommt. Das schlägt dann auch auf lokale Vermarkter durch, die zuliefern. Auf Fleisch- und Käse-Erzeuger, auf Winzer, Brauer und Bäcker. Schon jetzt spüren das viele Betriebe empfindlich.   

Vielleicht führt das in Franken sogar insgesamt zu einem Strukturwandel? Denn der reicht ja schon weiter zurück. Schon heute gibt es viele Dörfer, die kein Gasthaus mehr haben. Wie in vielen Lebensbereichen beschleunigt „Corona“ vielleicht auch hier eine Entwicklung? Es gibt viele Regionen, die Eifel zum Beispiel, in denen diese Tradition bereits den Bach runter ist. (P.S. Der Autor dieses Beitrags würde sich am meisten freuen, wenn er mit manch düster klingenden Prognosen nicht recht hat!)

Die Gastronomie und damit auch Slow Food, stehen hier vor einer beispiellosen Herausforderung! Und das in einem dramatisch kurzem Zeitraum.

 Andreas Schneider

Inhaltspezifische Aktionen