Wurzelechte Rieslinge

Wurzelechte-RieslingeGemeinsam mit dem Bonner Weinexperten und Slow-Food-Mitglied Thomas Riedl haben wir zwölf außergewöhnliche Rieslinge aus zwölf der ältesten noch erhaltenen, wurzelechten Rieslingparzellen der Welt verkostet. Die Reben wurden überwiegend bereits im 19. Jahrhundert gepflanzt. Die älteste vorgestellte Parzelle im Piesporter Treppchen stammt sogar aus dem Jahr 1825 – dort wachsen noch heute die vermutlich ältesten Trauben tragenden Rieslingreben der Welt.

Der begleitende Vortrag machte deutlich, welch seltenes Kulturgut diese alten Weinberge darstellen. Riesling ist erstmals 1435 urkundlich belegt. Nachdem die Reblaus seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Großteil der europäischen Rebbestände vernichtet hatte, überlebten wurzelechte Reben vor allem auf Böden, auf denen sich der Schädling nur schwer ausbreiten kann – etwa auf magerem Schiefer, Sand, Urgesteinsverwitterung oder Vulkanasche. Im Unterschied zu heute üblichen Pfropfreben wachsen diese Rebstöcke noch auf ihren eigenen Wurzeln.

Zugleich bewahren die alten, nicht klonierten Anlagen eine große genetische Vielfalt. Durch die Konzentration auf wenige leistungsfähige Klone ging davon im 20. Jahrhundert viel verloren: An Ahr, Mosel und Mittelrhein stammten 2002 rund 88 Prozent der zur Vermehrung genutzten Riesling-Edelreiser von nur acht Klonen. Alte Rebstöcke sind deshalb nicht nur historische Zeugen, sondern ein wichtiger Genpool für einen Weinbau, der künftig unter anderem widerstandsfähige, an den Klimawandel angepasste und aromatisch ausdrucksstarke Reben benötigt. Das Institut für Rebzüchtung der Hochschule Geisenheim hat daher mehr als 1.000 genetisch interessante alte Rieslingstöcke gesammelt und gesichert. fileciteturn0file0

Wie selten solche Weinberge inzwischen sind, zeigte eine weitere Zahl: Nur etwa 500 Hektar der deutschen Rebfläche sollen noch vor 1950 gepflanzt worden sein, davon rund 300 Hektar mit Riesling. Seit 2006 ist die Neuanlage wurzelechter Weinberge an der Mosel zudem strikt verboten. Sterben die bis zu rund 200 Jahre alten Reben ab, dürfen sie nicht wieder wurzelecht ersetzt werden. Die verkosteten Weine waren damit nicht nur besondere Geschmackserlebnisse, sondern auch flüssige Zeugnisse einer langsam verschwindenden Weinbaugeschichte. fileciteturn0file0

Dazu gab es handwerklich gebackenes Brot, feine Aufstriche und Salat. Es wurde probiert, verglichen, gestaunt, gelernt und viel gelacht – ein genussreicher und zugleich eindrucksvoller Slow-Food-Abend, der zeigte, wie eng Geschmack, handwerkliche Landwirtschaft und der Erhalt biologischer Vielfalt miteinander verbunden sind.

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