Rhöner Foasenacht

Schlappmäuler und Strohmänner

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(Fotos: Helga Bunz) Die Hochburgen der Rhöner Foasenoacht (Fastnacht) sind nur eine Handvoll Dörfer in der bayerischen Rhön, nämlich Weisbach und seine Nachbarn Ginolfs, Unter- und Oberelsbach, auch Bischofsheim und Bastheim sowie – inspiriert von den Rhönern - Wargolshausen im Grabfeld gehören dazu. Diese Foasenoacht ist eine ganz besondere und einzigartig: Da treten seltsame Gestalten auf, gewaltige Stroh-, bizarre Spanmänner, klappernde Schlappmäuler, barocke Mannsbilder mit gezwirbelten Bärten und vornehm weißen Gesichtern, heitere, rotbackige „Mädle“, rätselhafte Debudel, ein Goaß-Mo, Blaue Jöüd und Wille Jöud. Denn wie in der schwäbisch-alemannischen Fasnet sind die Rhöner Narren fast vollständig vermummt. Freilich – und im Gegensatz zu den schwäbisch-alemannischen – sind es keine bedrohlichen Masken, sondern eher heitere, vornehme, wohl abgeleitet von barocken Theatermasken. In der Familie werden diese von Generation zu Generation weitergereicht.
       Die Landwirtschaft in dieser kargen Bergwelt erbrachte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Bewohnern nicht genug zum Leben, weshalb sie sich mit Holzschnitzarbeiten ein Zubrot verdienten. Waren es zuerst Gebrauchsgegenstände wie Holzschuhe, Bestecke und dergleichen, kamen dann die „Rhönwackler“ dazu (so nannten sie die Nickmännchen) und die Krippenfiguren. Und dann begann man auch Fasnachtsmasken zu schnitzen; die ersten Masken datieren um 1830/40. Die Schnitzer waren meist Laien, Heimarbeiter.

Hinter Masken unerkannt der Obrigkeit spotten
Die Rhöner Foasenoacht ist völlig eigenständig und nicht zu vergleichen mit dem rheinländischen Karneval oder dem Fasching oder der Fasnet. Das beginnt schon damit, dass man, arm wie man war, nur das in ein Kostüm verwandte, was man hatte. Und setzt sich fort in den jedem Dorfe eigenen Narrenkostümen, die sich zudem auch auf die lokale Geschichte beziehen. Das Maskentragen, das sich unkenntlich machen, lässt darauf schließen, dass dies einst eine Art Vorsicht war vor der verspotteten Obrigkeit in einer politisch unruhigen Zeit. Auch ist die Benennung einiger Kostüme mit jüdischen Namen (Aaron, Blaue Jöüd, Wille Jöüd) kein Antisemitismus; denn auch jüdische Mitbürger schlüpften einst in die Kostüme. Man vermutet, dass dahinter ein damals beliebtes Schauspiel der Namensgeber war.
      Die Rhöner Foasenoacht ist eine lokale Fastnacht. Jedes Dorf macht sie für sich selbst. So treiben in Weisbach die Blaue Jöüd ihr Narrenwesen, ausstaffiert mit Männermaske, blauem Kittel, hellem Halstuch, weißer Hose, schwarzen Stiefeln und – auf dem Kopf – einem Filzhut plus einer mit bunten Papierbändern geschmückten „Krone“ aus Buchsbaumzweigen. Noch närrischer sind die Geiß und der Geißmann: erstere ist ein reifenartiges Gestell mit einem ziegenköpfigen Stecken“pferd“. Auf dieser „Geiß“ reitet der Geißmann dem Zug der Blauen Jöüd voran, vor dem Gesicht eine Männermaske und vom Hals abwärts in einem langen Frauenrock, der zugleich den Körper der „Geiß“ bildet. Auch das mit derben Schalk attackierende Schlappmaul – eine Maske mit beweglichem Unterkiefer – gehört zu Weisbacher Foasenoacht.
      In Oberelsbach stecken unter den Frauenmasken tatsächlich Frauen; ihre Tracht sind heutzutage einfache Bettbezüge oder die alte Arbeitstracht. Auch der Strohmann ist ein Oberelsbacher: vollständig vermummt mit einer Männermaske, den Kopf bedeckt mit einem alten Hut oder einem als Mütze getragenen Kartoffelsack sowie einer alten Hose und Jacke (heute ein Overall), die prall mit Stroh gefüllt sind, stürmen die Männer mit Rammböcken, Stöcken und Peitschen das Rathaus. Nicht weniger originell ist der Spanmann, den es seit 1905 gibt. Sein Kostüm ist ein Gewand, ganz dicht mit gelockten Hobelspänen benäht, als Maske kann er jede Männermaske tragen. Ein wenig rätselhaft ist der Debudel. Der Name dieser Maske kommt vom Debudelkraut, einem typischen Gewächs aus dem nahen Sondernauer Wald; doch heute wird stattdessen Flachs oder Hanf verwendet und das Kostüm – früher waren es Mehlsäcke - ist helles Leinen. Und in Ginolfs läuten bunt gewandete Maskierte mit hohen Spitzhüten die Fastnacht ein.
Die Wille Jöüd in Wargolshausen in ihrer alten lumpigen Kleidung spiegeln die Vorurteile gegenüber dem Rhöner Landjudentum wider. Die Masken verspotten weniger die ansässigen jüdischen Mitbürger, sondern vielmehr die fahrenden Händler, Geldverleiher oder auswärtige Bettler.    

Gut essen gehen in der Nähe:
Bischofsheim: Gasthaus Dickas*, Josefstr. 9
Oberelsbach-Ginolfs: Edwins Fischerhütte*, Herbertsweg 1

Gut einkaufen beim nahen Erzeuger:
Bischofsheim: Rhöner Schaubrennerei*, Josefstr. 9
Ostheim v.d.Rhön: Metzgerei Wienröder*, Bahnhofstr. 2

*) Mit Slow Food verbundene Betriebe

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